Windkraft: Siedlungsabstände und Waldnutzung sind die zentralen Stellschrauben

Eine Fraunhofer-Studie hat untersucht, wieviel Fläche für Windparks übrig bleibt, wenn man die möglichen Konflikte berücksichtigt.

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Windkraft, Windenergie, Windrad, Energie
Von
  • Gregor Honsel

"Nachweislich mehr als genug Platz" für Windkraft gebe es in Deutschland, besagt eine Studie des Fraunhofer Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE), die im Auftrag des Bundesverbands WindEnergie durchgeführt wurde. Grundlage war eine Untersuchung von 2011, die das IEE nun gemeinsam mit dem Umweltplanungsbüro bosch & partner aktualisiert hat. Die überarbeitete Fassung beruht nach Angaben der Autoren auf einer verbesserten Datenbasis und bildet das Konfliktpotenzial rund um die Windkraft differenzierter ab.

Zentrales Element in der Studie zum Flächenpotenzial sind sechs "Konfliktrisikoklassen". Für die niedrigste Klasse 1 sehen die Forschenden nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass es beim Bau von Windkraftanlagen zu Problemen kommt. Bei der höchsten Klasse 6 halten sie es für aussichtslos, dort Windparks errichten zu wollen.

Von vornherein ausgeschlossen wurden Naturschutzgebiete, Nationalparks, Gegenden mit zu wenig Wind oder zu großer Hangneigung sowie Flächen in einem Radius von

  • 300 Metern um Industriegebiete
  • 3 Kilometern um Drehfunkfeuer
  • 5 Kilometern um Wetter-Radare
  • 6 Kilometern um Flughäfen
  • der zweifachen Höhe eines Windrades (2H) um Wohngebiete. Bei modernen, rund 200 Meter hohen Anlagen entspricht das 400 Metern.

Abstände von 2,5H bis 3H zu Wohnsiedlungen wurden in die Konfliktklassen 4 und 5 eingruppiert. Auch Wälder und Artenschutzgebiete kamen, je nach Abstand und ihrem jeweiligen Charakter, in eine bestimmte Risikoklasse.

Diese Werte bestimmten die Forschenden für jede Parzelle eines 25 mal 25 Meter großen Rasters der gesamten Bundesrepublik. Überlagern sich zwei Risiken auf einer Fläche, ist jeweils das höhere Risiko für die Einstufung entscheidend. "Lediglich bei sich überlagernden hohen Bewertungen aus unterschiedlichen Feldern (zum Beispiel Infrastruktur und Artenschutz) kommt es zu einer Hochstufung auf Klasse 6", erläutert Carsten Pape, Leiter Szenarien und Systemmodellierung beim IEE. Für die niedrigste Klasse 1 unterstellen die Forschenden, dass 100 Prozent der Fläche mit Windrädern bebaubar ist. Bei Klasse 5 sind es nur noch 5 Prozent, darüber gar nicht.

Das Ergebnis: Gut 79 Prozent der deutschen Fläche lässt sich nach diesen Kriterien gar nicht bebauen. Und nur für 0,7 Prozent erwarten die Forschenden "sehr geringe" oder "geringe" Konflikte. "Das heißt, der Ausbau der Windenergie erfordert (wie alle großen Infrastrukturvorhaben) Kompromisse", heißt es in der Präsentation der Studie.

Der Rest verteilt sich auf die Konfliktrisikoklassen 3 bis 5, die teilweise bebaut werden können. Das klingt nach wenig. Zählt man aber die nach diesem Schlüssel geeigneten Flächen zusammen, bleiben immerhin noch 5,6 Prozent übrig. Das ist fast dreimal so viel wie die zwei Prozent, welche die Bundesregierung als Ziel ausgegeben hat. Und schon diese zwei Prozent würden ausreichen, um 200 Gigawatt an Windenergie aufzubauen. Zum Vergleich: Derzeit sind knapp 57 Gigawatt an Land und knapp 8 Gigawatt auf See installiert.

Zwischen den Bundesländern gab es dabei erhebliche Unterschiede. Das größte Potenzial hatten der Studie zufolge Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg, das niedrigste (von den Flächenländern) das Saarland und Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Baden-Württemberg.

Die Studie zeigt, dass auch bei Berücksichtigung möglicher Konflikte noch reichlich Fläche für Windkraft übrigbleibt. Allerdings basieren ihre Ergebnisse auch auf einer Reihe von mehr oder weniger willkürlichen Annahmen, etwa einem politisch akzeptierten Mindestabstand von 2,5 bis 3H. "Zentrale Stellgrößen sind Siedlungsabstände und Waldnutzung", merken die Autoren selber an. "Hier sollten durch pauschale Regelungen keine Möglichkeiten verbaut werden."

Bayern liegt nach diesen Berechnungen im Mittelfeld. Dort gilt derzeit allerdings die 10H-Regelung, also ein Abstand von rund 2.000 Metern zwischen Windrädern und Wohnhäusern. Ende April hatte Ministerpräsident Markus Söder angekündigt, in "Vorranggebieten für Windkraft" den Mindestabstand auf 1.000 Meter zu senken – das entspräche 5H. In Kürze werde das Bundeswirtschaftsministerium einen Zwischenbericht vergleichbarer Arbeiten veröffentlichen, kündigt Pape vom Fraunhofer IEE an. "Dort haben wir unter anderem untersucht, wie sich ein Abstand von 1.000 Metern auswirken würde. Da schrumpft das Potenzial dann schnell zusammen, ebenso bei einem Ausschluss von Wald."

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(grh)