Windkraftjobs: Der Offshore-Service-Techniker – der Weg ist der Umweg

Mit klassischen Ausbildungsberufen wie Elektriker oder Mechatroniker ist auch die Arbeit Offshore möglich. Für diesen Job muss man aber auch tough sein.

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(Bild: heise online/Johannes Börnsen)

Inhaltsverzeichnis

(This article is also available in english)

In Deutschland und Europa geht angesichts fortwährender Diskussionen um Energie-Engpässe infolge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine die Sorge vor einem Blackout um. Die Energiewende in Deutschland gilt, je nach Betrachtungsweise, als verzögert oder auch gescheitert. Vielerorts werden Schreckensszenarien skizziert.

Wir haben beschlossen, nach vorne zu blicken und uns genauer anzusehen, was als einer der großen Faktoren für das Gelingen der Energiewende gilt: die Offshore-Windkraft. Um einen genaueren Einblick zu erhalten, was tatsächlich Offshore passiert, installiert und gepflegt wird, haben wir die WindMW GmbH besucht, die sowohl auf Helgoland, als auch in Bremerhaven und Zossen tätig ist.

Diese Artikelserie umfasst mehrere Teile, die wir von Dienstag bis Freitag dieser Woche veröffentlichen.

Bisher erschienen:


Den Ausbildungsberuf "Offshore-Service-Techniker" gibt es bisher nicht. In der Regel haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WindMW Service GmbH deshalb Vorerfahrungen in anderen Berufen gesammelt oder klassische Ausbildungen in anderen Bereichen gemacht und sind dann zur Windkraft gekommen.

Tomasz "Tomek" Sroka ist zum Beispiel eigentlich gelernter Mechatroniker und hat nach einer Ausbildung im KFZ-Bereich eine ganze Weile für Onshore-Windkraftanlagen gearbeitet. Momentan durchläuft er noch eine dreimonatige von der IHK anerkannte Weiterbildung zur Fachkraft Elektrotechnik für Windenergieanlagen, die von WindMW bezahlt und unterstützt wird. Andere Mitarbeiter haben früher noch auf Onshore-Plattformen für die Förderung von fossilen Energieträgern gearbeitet und sind nun im Umspannwerk oder den Turbinen tätig.

Service-Techniker Tomek nahm uns in den ersten Stunden in der Station von WindMW sprichwörtlich an die Hand und zeigte uns die Büros, Gemeinschaftsräume, Umkleiden und auch das Lager von WindMW. Währenddessen berichtete er uns einiges über seinen Arbeitgeber.

Permit to entry – not denied

Auf Helgoland arbeiten rund 50 Personen für die WindMW Service GmbH. Es sind viele Industrie-Elektrikerinnen und -Elektriker bei WindMW angestellt, aber auch Lageristen und Logistiker werden gebraucht, denn auf See kann nicht einfach drauflos gewerkelt werden. Für alles wird aus Sicherheitsgründen ein "Permit to entry" ausgestellt und auch die Lagerhaltung und zielgenaue Bestückung, der auch in ihrem Raum begrenzten Service-Schiffe, spielt eine wichtige Rolle.

Das eigene Lager auf Helgoland umfasst die wichtigsten und gängigsten Ersatzteile, Schmierfette und Öle, aber alles was auf Helgoland gebraucht wird, muss auch immer durch den Zoll. Dementsprechend versuchen die Lageristen und anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr genau abzuschätzen, was vor Ort bald wieder gebraucht werden könnte.

Ersatzteile im Lager.

(Bild: heise online/Kristina Beer)

Die übergeordnete Leitungsebene kümmert sich um die sicheren Abläufe im Arbeitsalltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Sicherheit der technischen Anlagen. In der Zentrale und bei den administrativ arbeitenden Angestellten ist genau vermerkt, welcher Service-Techniker welche Fähigkeiten hat – für welche Arbeiten er quasi freigeschaltet ist.

Für die Organisation wird, wie es vor Ort vereinfachend heißt, eine Art "SAP" für Offshore-Firmen genutzt. Aus der Zentrale heraus kann über die Software genau gesehen werden, wo gerade welcher Techniker im Einsatz ist. Und auch die Leitwarte in Bremerhaven bekommt im 24/7-Dienst diese Daten freigeschaltet, um zu wissen, was auf dem Meer los ist – etwa zur Koordinierung von Notfalleinsätzen.

Schiffe melden sich bei der Leitwarte immer dann an, wenn sie in der 500-Meter-Zone um den Windpark sind. Schiffe mit einer Länge über 24 Meter dürfen in den Park nicht einfahren (ausgenommen Behördenschiffe). Die eigene IT-Abteilung kümmert sich um die Fernüberwachung (Scada) und auch den Tetra-Funk.

Gearbeitet wird auf See dann in der Regel in Dreier-Teams, da dies auch eine externe Sicherheitsempfehlung ist. Die Kollegen müssen sich auf einander verlassen können, stehen sich in den Schichten zur Seite und sollen im Notfall keine Probleme haben, erste Hilfe leisten zu können. Gibt es nämlich schwerere Verletzungen, müssen die Betroffenen mit einem Hubschrauber aufs Festland ausgeflogen werden. Der Hubschrauber muss innerhalb von 30 Minuten an der Anlage sein und soll auch innerhalb von 30 Minuten zurück zum Festland kommen.

Aufgrund der speziellen Lage, haben alle Technikerinnen und Techniker eine erweiterte Erste-Hilfe-Ausbildung. Die Rettung aus engen Räumen wird ebenfalls speziell im Vorfeld trainiert. Und auch Tele-Medizin steht für Notfälle zur Verfügung.

Bevor sie früh morgens in die Parks fahren, wurden schon am Vortag von Lageristen anhand der zuvor erstellten To-Do-Listen Werkzeuge und Ersatzteile verpackt. Und auch die Technikerinnen und Techniker packen ihre Verpflegung und die eigene Ausrüstung in eine persönliche Tasche, die von den Lageristen aufgenommen wird. Diese Dinge werden dann auf eines der Schiffe der Firma verladen und später an den Turbinen über die Hebekräne auf den Transition Pieces zum eigentlichen Einsatzort gebracht.

Aus Sicherheitsgründen stehen die Technikerinnen und Techniker nicht einfach auf dem Schiff, schnappen sich zwei oder drei Werkzeuge und klettern dann am Windrad hoch. Das wäre zu gefährlich, denn schon der Übertritt zur Windkraftanlage birgt einige Gefahren.

Mit Offshore-Service-Technikern auf See (17 Bilder)

Eine Dreiviertelstunde braucht die "Seewind I" für die 25 Kilometer bis zum Windpark Meerwind Süd | Ost nordöstlich von Helgoland. Johannes Börnsen ist mitgefahren und berichtet von seinen Erlebnissen.
(Bild: heise-online/ Johannes Börnsen)

So versucht der jeweilige Kapitän der Schiffe vorsichtig an das untere Stahlrohr des Windrads anzudocken. Mit weichen Gummilappen stößt das Schiff dann auch schon gegen eine mit abstehenden Streben gesicherte Leiter am Transition Piece.

Die Technikerinnen und Techniker warten auf Deck auf ein Zeichen der Crew, um dann von Deck auf die Leiter zu kommen – während das Schiff sich mal mehr oder weniger auf- und abbewegt. Kommt plötzlich eine große Welle, die das Schiff stärker anhebt, müssen sich die Kletternden nah an die Leiter heranziehen, bevor sie weiter aufsteigen können. Zugleich sichern sie sich schon – wie in einem Kletterpark – an Halteseilen, die an der Turbine befestigt sind.

Die eigene Sicherung an Haltekonstruktionen setzt sich auf der Anlage immer wieder fort. Wie Johannes live beobachten durfte, ist aber eben schon der Übertritt auf ein Transition Piece ein kleines Abenteuer.