"Wir arbeiten an der intensiven Aufklärung der Verbraucher"

Bernd Zimmermann von der Kleinmann GmbH über die Konsequenzen aus dem Vorfall mit dem Versiegelungsspray Magic Nano, das Untersuchungsergebnis des Bundesinstituts für Risikobewertung und die Regulierung der Nanotechnik.

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  • Niels Boeing

Als im März Kunden des Dichtungsmittels "Magic Nano" nach Gebrauch Vergiftungserscheinungen hatten, war die Aufregung groß: Hatte hier die Nanotechnik ihren ersten Unfall, vor dem Kritiker angesichts nicht existierender Regularien für Nanomaterialien immer gewarnt hatten? In der Nanotech-Szene, aber auch in internationalen Medien wurde der Vorfall nicht ohne Besorgnis kommentiert. Die Kleinmann GmbH im schwäbischen Sonnenbühl, Vertreiber von Magic Nano, nahm das Produkt sofort vom Markt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gab dann Ende Mai Entwarnung: Die in der Sprayform des Reinigungsmittels enthaltenen Aerosole waren für die Vergiftungserscheinungen verantwortlich. Technology Review sprach mit Kleinmann-Verkaufsleiter Bernd Zimmermann über die Konsequenzen des Vorfalls.

Technology Review: In der ersten Aufregung um den Vorfall mit „Magic Nano“ wurde vermutet, dass Nanopartikel zu den Vergiftungserscheinungen geführt haben könnten. Laut BfR seien diese aber nicht auf Nanopartikel zurückzuführen gewesen, man habe nicht einmal Nanopartikel in der Flüssigkeit finden können. Magic Nano enthielt also gar keine Nanopartikel?

Bernd [b]Zimmermann: [/b] Das zurückgerufene Bad/WC-Spray ist kein Reinigungsmittel, sondern ein Versiegelungsspray auf nanotechnologischer Basis. Die Bundesregierung definiert sieben Arten von Nanotechnologie, wobei eine Art "ultradünne Schichten" sind, die chemisch erzeugt werden – im so genannten Sol-Gel-Prozess – und daher keine Nanopartikel enthalten.

Die "ultradünnen Schichten", die wir durch unsere Flüssigkeit erzeugen, sind im Nanometer-Bereich, und daher ist auch ein solches Produkt ohne Nanopartikel als ein "vollwertiges" Nanoprodukt anzusehen und auszuloben.

TR: Das Nanoelement ist also die Schichtdicke?

Zimmermann: Nicht das Nanoelement, sondern das Ergebnis des "Sol-Gel-Prozesses".

TR: Auf der Webseite von Kleinmann ist allerdings eine Infografik zu den Oberflächeneffekten zu sehen, die explizit Nanopartikel zeigt. Da konnte schon der Eindruck entstehen, dass auch in der Flüssigkeit Nanopartikel drin seien.

Zimmermann: Das ist richtig und wissenschaftlich "nicht 100-prozentig korrekt". Da unsere Zielgruppe aber nicht Fachleute sind, sondern Endverbraucher, die meistens zum ersten Mal Nanoprodukte kennenlernen, ist es wichtig, in einer knappen leicht verständlichen Form "eine Hochtechnologie in zwei Sekunden einer Hausfrau beizubringen". Das haben wir mit diesen Grafiken umgesetzt.

TR: Welche Reaktionen aus der Nanotech-Branche haben Sie bekommen?

Zimmermann: Sehr interessante. Vor allem haben wir sehr viel Interesse an der Ursachenforschung erhalten. Die Nanobranche hat während dieses Vorfalles für zwei Wochen "die Luft angehalten", weil die Frage im Raum stand, ob es in der Nanotechnologie neue Risiken gibt, die bisher noch unbekannt und nicht erforscht waren. Umso erleichterter waren die Reaktionen, als klar nachgewiesen wurde, dass nicht die Flüssigkeit der Auslöser der Gesundheitsprobleme war, sondern ein Problem bei der Abfüllung der Aerosole.

Wir sind in jedem Fall mit vielen, sehr interessanten Leuten aus der Nanoforschung ins Gespräch gekommen und werden diese Kontakte natürlich auch weiter pflegen.

Es gab natürlich auch einige kritische Stimmen, die gesagt haben: "Was tut ihr da eigentlich?" Das Krisenmanagement bei Kleinmann wurde aber von staatlichen Stellen und Wissenschaftlern gelobt. Wir haben ja auch nicht versucht, das Thema unter den Teppich zu kehren, sondern sehr offen kommuniziert.

TR: Welche Konsequenzen zieht Kleinmann aus dem Vorfall?

Zimmermann: Erstens: Wir haben das Produktsortiment überarbeitet und alle Aerosole auf Pumpspray-Flaschen, die ja auch vom Bundesinstitut für Risikobewertung als problemlos eingestuft wurden, umgestellt.

Zweitens: Wir haben über unseren Forschungspartner Nanopool einen Rahmenvertrag mit einem bekannten unabhängigen Institut abgeschlossen, das uns vor Auslieferung von Bestellungen an Kunden die entsprechende Lieferung auf Lebensmittelechtheit untersucht und bestätigt.

Und drittens: Wir arbeiten an der intensiven Aufklärung der Verbraucher über die Nanotechnologie und erklären die klaren Vorteile unserer Produkte – zum Beispiel partikelfrei und lebensmittelecht – und werden in Kürze eine Initiative mit dem Namen "www.nano-sorglos.de" ins Leben rufen.

TR: Was halten Sie von dem seit längerem zu vernehmendem Ruf nach einer strengeren Regulierung und Prüfung von Nanomaterialien?

Zimmermann: Persönlich finde ich eine solche Regulierung sehr gut, denn die Nanotech-Branche steht ja noch am Anfang, was Produkte, aber auch Gefahren von Nanomaterialien betrifft. Als Firma ist man da eher gespalten und bevorzugt eine Deregulierung über eine freiwillige Selbstkontrolle.

TR: Eine Regulierung könnte ja auch bedeuten, dass man für Nanomaterialien bestimmte Prüfverfahren einführt, die es bisher gar nicht gibt, weil viele Substanzen ja in größeren Formaten bereits geprüft sind. Nur weiß man ja inzwischen, dass Materialien auf der Nanoskala mitunter ihre Eigenschaften ändern. Glauben Sie, dass mit einem bereits existierenden Prüfsystem der Magic-Nano-Vorfall hätte verhindert werden können?

Zimmermann: Ich glaube, dass der Vorfall nichts mit einem solchen Prüfsystem zu tun hat. Andererseits, im Nachhinein betrachtet: Wenn man durch ein Prüfverfahren feststellt, dass Flüssigkeiten mit Nanostrukturen und Aerosole nicht zusammen passen, wenn man das etwa vor einem Jahr schon gewusst hätte, hätten wir diesen Weg mit der Aerosol-Abfüllung erst gar nicht eingeschlagen. (nbo)