Wir müssen aufbrechen

Die Menschheit muss endlich den Sprung in den Kosmos wagen, wenn sie überleben will. Ein Plädoyer für eine Renaissance der bemannten Raumfahrt von Apollo-11-Astronaut Buzz Aldrin.

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  • Buzz Aldrin

Die Menschheit muss endlich den Sprung in den Kosmos wagen, wenn sie überleben will. Ein Plädoyer für eine Renaissance der bemannten Raumfahrt von Apollo-11-Astronaut Buzz Aldrin.

Als wir am 21. Juli 1969 unseren ersten „kleinen Schritt auf dem Mond“ taten, dachten wir, dass nun die ultimative Reise für die Menschheit beginnt: ihre Ausdehnung in den Kosmos. 43 Jahre nach diesem außerordentlichen Ereignis haben wir leider kaum Fortschritte auf diesem Weg gemacht. Bislang haben wir nur erreicht, dass Menschen sich für längere Zeit in niedrigen Umlaufbahnen aufhalten können. Da kann man die Prämisse unserer Mondlandung durchaus in Frage stellen.

Als Neil Armstrong und ich auf dem Mond standen und zur Erde hochblickten, einem hellen blauen Juwel in der Schwärze des Alls, bewegte uns das in einer Art und Weise, die wir nicht erwartet hatten. Schlagartig wurde uns klar, wie kostbar unser kleiner Planet tatsächlich ist. All die Menschen, die je gelebt haben, die Erkenntnisse, die sie gehabt haben, alles, was sie geliebt haben – all das befand sich auf diesem wunderschönen, unglaublich kleinen Planeten, der unser Zuhause ist.

Und doch fühlten wir eine kosmische Verbundenheit. Die Erde ist Teil des Weltraums. Alles, was unseren Planeten geformt hat – die chemischen Elemente aus weit entfernten Sternen, die sich schließlich mit anderen Elementen zu einem Schmelztiegel verbanden, der das Leben hervorbrachte –, all das kam aus dem All. Angesichts dessen erscheint die Frage, ob wir in den Weltraum aufbrechen sollten, unerheblich. Der Kosmos umgibt uns, er liefert uns die Energie, die wir zum Leben brauchen. Gleichzeitig quält er uns mit seinen Geheimnissen, macht uns mehr Hunger auf Erkenntnis. Auf die Erkenntnis, woher wir kommen, ob das Leben einzigartig oder allgegenwärtig ist, was uns als Menschheit erwartet.

Natürlich gibt es auch handfeste Gründe, den Kosmos zu erkunden. Sie haben mit unserer Ökonomie zu tun, unserem Wohlbefinden, mit der Fähigkeit unseres Planeten, uns mit seinen begrenzten Ressourcen am Leben zu erhalten.

In meiner eigenen Generation haben die NASA-Missionen Mercury, Gemini und Apollo zahllose junge Studenten beflügelt, Ingenieur oder Wissenschaftler zu werden. So entstand ein Heer technischer Fachkräfte, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Viele dieser Studenten trugen zur Apollo-Mission und weiteren Raumfahrtprogrammen bei, während einige sich anderen Berufen zuwandten. Zusammengenommen schafften sie die technischen Durchbrüche, die zu unseren Erfolgen im All führten.

Sie brachten aber auch Technologien hervor, die heute Teil unseres Lebens sind: globale Kommunikation in Echtzeit, Wetter- und Katastrophenvorhersagen, Systeme, mit denen wir Diktatoren observieren oder die Einhaltung von internationalen Verträgen überprüfen können. Wir haben elektronische Geräte, deren Fähigkeiten an Zauberei grenzen, und medizinische Systeme, die unser Leben verlängern. Dieser unerhörte Gewinn an Ingenieurskunst, Technik und Wissenschaft hat die wirtschaftlichen Grundlagen geschaffen, die uns heute tragen.

Eine der wichtigsten Fragen, der wir uns in der nahen Zukunft stellen müssen, ist die Frage der Nachhaltigkeit. Die Weltbevölkerung von inzwischen sieben Milliarden Menschen wächst immer noch weiter und verbraucht rasant die begrenzten Ressourcen unseres Planeten. Zugleich verursachen wir Umweltprobleme, die unsere Überlebensfähigkeit auf der Erde beeinträchtigen. Wir haben jetzt ganz klar die Wahl: Wollen wir um die schwindenden Ressourcen des geschlossenen Systems Erde konkurrieren – oder zusammenarbeiten, um die unbegrenzten Ressourcen des Weltraums zu erschließen? Die Antwort liegt für mich auf der Hand.

Als einen ersten Schritt zum Aufbruch ins All beschäftige ich mich seit Jahrzehnten mit dem Einsatz des so genannten Aldrin Mars Cycler. Das ist ein innovatives Konzept, das die Umlaufbahnen von Erde und Mars ausnutzen würde, um eine dauerhafte Transportverbindung für Menschen und Lasten zwischen Erde und Mars herzustellen. Der Cycler würde überschaubare Energiemengen benötigen, um seine Bahn zu halten. Er wäre ein „orbitales Fenster“, das sich ungefähr alle zwei Jahre und 52 Tage öffnet (in Erdzeit gerechnet). Die Reise zum Mars würde damit sechs Monate dauern. Nach dem Ausstieg würde der Cycler 20 Monate später wieder in der Nähe der Erde zur Verfügung stehen. So lange würde dann auch die Rückkehr einer Mars-Crew zur Transfer-Umlaufbahn um die Erde dauern.

Missionen, die auf dem Mars landen sollen, würden den Cycler in dessen Nähe verlassen und mit einer Landefähre hinunterfliegen. Gäbe es noch einen zweiten Cycler, der in umgekehrter Richtung fliegt, könnte die Crew mit einer Fähre zum Rendezvous-Punkt fliegen und wäre dann schon in sechs Monaten wieder an der Erde angekommen.

Immer wieder haben globale Ereignisse das Leben auf der Erde bedroht. Und neue Bedrohungen, die wir nicht vorhersagen können, sind unvermeidlich. Wollen wir das Überleben unserer Art sichern, müssen wir einen überfälligen Schritt wagen, so wie es unsere Vorfahren vor langer Zeit taten. Wir müssen neue Welten erkunden und besiedeln. Dann können wir Entlastung schaffen und neue Bevölkerungen hervorbringen, die sich zweifellos in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln werden. Ganz so, wie die Menschheit es einst auf den verschiedenen Kontinenten getan hat und damit einen Neuanfang auf der Erde wagte.

Edwin "Buzz" Aldrin war Pilot der Mondlandefähre "Eagle", die am 21.7.1969 auf dem Erdtrabanten aufsetzte. Seine Konzepte für die Zukunft der bemannten Raumfahrt hat er auf seiner Website www.buzzaldrin.com veröffentlicht. (nbo)