Woher kam die radioaktive Wolke über Europa?

Georg Steinhauser ist Pro­fessor am Institut für Radioökologie und Strahlenschutz der Uni Hannover. Im TR-Interview spricht er über eine nukleare Spurensuche.

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Woher kam die radioaktive Wolke über Europa?
Von
  • Karsten Schäfer

TR: Vor knapp drei Jahren zog eine radioaktive Wolke über Europa. Wie wurden Sie darauf aufmerksam?

Steinhauser: Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurde ein sehr leistungsfähiges europäisches Messnetzwerk installiert, das sich Ring of Five nennt. Anfang Oktober 2017 hat der gesamte Ring of Five gleichzeitig angeschlagen und hohe Mengen Ruthenium-106 gemessen. Aber keiner wusste, wo es herkam.

TR: Inzwischen ist die Quelle gefunden?

Steinhauser: Ja, sie liegt eindeutig im Südural, und dort ist die russische Wiederaufbereitungsanlage Majak. Viel interessanter ist aber: Wir haben jetzt festgestellt, was dort passiert ist.

TR: Was denn?

Steinhauser: Auf die Spur geführt haben uns einige Ungereimtheiten bei dieser Wolke. Neben Ruthenium-106, das eine Halbwertszeit von einem Jahr hat, wurde auch Ruthenium-103 gefunden, das nur eine sehr kurze Halbwertszeit von knapp 40 Tagen hat. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise lässt man Brennstoff zur Wiederaufbereitung so lange liegen, bis diese kurzlebigen radioaktiven Stoffe zerfallen sind.

TR 8/2020

Die machen nämlich Probleme in der Aufbereitung, weil sie so hoch radioaktiv sind. Es gab dann zwei Hypothesen, um diese Ungereimtheit zu erklären: Entweder haben die Russen an einer Bestellung aus Italien gearbeitet, bei der hoch radioaktives Cer-144 für die Neutrino-Forschung geliefert werden sollte.

Und dabei kam es zu einem Unfall. Oder Russland hat mit der Produktion von Waffenplutonium begonnen. Letzteres konnten wir zum Glück ausschließen. Es bleibt zwar Spekulation, aber ich sehe kein anderes Szenario als einen Zusammenhang mit dem hoch radioaktiven Cer für Italien.

TR: Warum keine Atomwaffen?

Steinhauser: Der von uns gefundene Isotopen-Fingerabdruck des stabilen Rutheniums passt nicht zu einem militärischen Zusammenhang.

TR: Wie haben Sie diesen Fingerabdruck ermittelt?

Steinhauser: Wir haben in unseren Luftfiltern nach Ruthenium gesucht. Jedes dieser Metalle liegt in der Natur in einem bestimmten Isotopenverhältnis vor. Gibt es Abweichungen, kann man rückschließen, woher diese Abweichungen kommen. Man braucht allerdings stabile Isotope, die bei so einem Unfall freigesetzt werden. Das ist bisher noch nie gelungen, weil stabile Isotope einfach überall sind. In diesem Fall war das aber nicht so.

Wir haben in unseren Luftfiltern eine gigantische Abweichung des natürlichen Fingerabdrucks gemessen. Das Metall ist in natürlichem Staub in der Luft offensichtlich extrem selten, was uns wirklich verblüfft hat. Daraus konnten wir sofort ablesen, dass es eine reguläre Wiederaufbereitung war, aber mit erstaunlich jungem Brennstoff. Wir konnten sogar feststellen, aus welchem Reaktortyp der Brennstoff kam, nämlich aus einem russischen. (bsc)