Wollen Sie ewig leben?

An einem bewölkten Sonntagnachmittag spazierte ich durch die ehrwürdigen Gebäude der Universität von Cambridge.

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(Das folgende Porträt über Aubrey de Grey aus der US-Ausgabe von Technology Review hat eine stürmische Diskussion ausgelöst. In der Folge wurde ein Preisgeld von 20.000 Dollar für eine streng wissenschaftliche Auseinandersetzung mit de Greys Thesen ausgeschrieben. Die Teilnahmebedingungen finden Sie hier.)

An einem bewölkten Sonntagnachmittag spazierte ich durch die ehrwürdigen Gebäude der Universität von Cambridge. Ich sann darüber nach, wie sehr dieser Ort doch ein Brennpunkt der wissenschaftlichen Revolution gewesen ist, die die Wahrnehmung der Menschheit von sich selbst und der Welt verändert hat.

Cambridge als Quelle der großen, bahnbrechenden Ideen -- diese Vorstellung drängte sich mir an jenem Tag geradezu auf. Denn ich war nach England gereist, um einen der heutigen Forscher an dieser Universität zu treffen, einen, der neben Francis Bacon, Isaac Newton und William Harvey ebenfalls einen Platz in der Geschichte anstrebt: Aubrey David Nicholas Jasper de Grey ist davon überzeugt, dass er die theoretischen Mittel und Wege aufgezeigt hat, durch die Menschen Tausende von Jahren, ja eigentlich ewig leben könnten. Und vielleicht ist "theoretisch" ein zu schwaches Wort: De Grey hat den von ihm vorgeschlagenen Weg so detailliert vorgezeichnet, dass man seiner Meinung nach schon innerhalb von 25 Jahren am Ziel sein könnte. So kurz ist diese Zeitspanne, dass viele Leser von Technology Review noch einen Nutzen daraus ziehen könnten -- und nicht zufällig ist die Spanne auch kurz genug für den 41jährigen de Grey selbst.

Wie Bacon hat auch er sich niemals über eine Laborbank gebeugt, hat niemals ein Experiment mit eigenen Händen vollzogen, zumindest nicht auf dem Gebiet der Humanbiologie. Dafür fehlt ihm die Ausbildung, und er gibt auch gar nicht vor, etwas anderes zu sein als er ist: ein Informatiker, der sich Naturwissenschaften als Autodidakt angeeignet hat. Aubrey de Grey ist ein Mann der Ideen, und sein Ziel ist, das Fundament allen Menschseins zu verändern.

Aus Gründen, an die er sich heute selbst nicht mehr erinnert, war de Grey schon in seiner Kindheit davon überzeugt, dass Altern etwas ist, was in seinen Worten "repariert werden muss”. Sein Interesse für Biologie erwachte, als er 1991 eine Genetikerin heiratete. Er vertiefte sich in Lehrbücher und eignete sich das Fach im Alleingang an. Je mehr er lernte, desto mehr war er davon überzeugt: Den Tod hinauszuzögern, das könnte tatsächlich möglich sein, und er selbst könnte vielleicht den Weg dazu finden.

Als er nach den Gründen suchte, warum trotz der bemerkenswerten Entdeckungen auf Molekül- und Zellebene in den vergangenen Jahrzehnten so wenig Fortschritt erzielt worden war, kam er zu dem Schluss, dass das Problem weitaus leichter zu lösen war als manche dachten: Das eigentliche Hemmnis könnte in der nur selten beachteten Motivation von Wissenschaftlern liegen, die auf diesem Gebiet nennenswerte Erfolge kaum innerhalb einer Zeitspanne erzielen können, die für ihr akademisches Fortkommen entscheidend ist. "Hochriskante Forschungsgebiete sind einer schnellen Beförderung nicht gerade zuträglich”, sagt de Grey.

Schon wenige Monate, nachdem er Ende 1995 die relevante Literatur gelesen hatte, konnte de Grey eine bis dahin unbekannte Auswirkung von Mutationen in Mitochondrien erklären -- Mitochondrien sind jene Zellstrukturen, die aus chemischen Prozessen die für die Zelle lebensnotwendige Energie freisetzen. Ein Experte auf dem Gebiet bestätigte ihm, dass er tatsächlich eine neue Entdeckung gemacht hatte, und so veröffentlichte de Grey 1997 seine erste biologische Arbeit in der Zeitschrift BioEssays, die Beiträge nur nach einem "Peer-Review-Verfahren” annimmt ("A Proposed Refinement of the Mitochondrial Free Radical Theory of Aging.” De Grey, ADNJ, BioEssays 19 (2)161-166, 1977).

Weiteres beharrliches Studium führte im Juli des Jahres 2000 schließlich zu dem, was manche als de Greys "Eureka-Moment” bezeichnen: "Den Alterungsprozess kann man als eine begrenzte Anzahl molekularer und zellulärer Veränderungen in unseren Körpern beschreiben, deren schädliche Auswirkung mit der Zeit zunimmt und die man grundsätzlich verhindern könnte”, so will er erkannt haben. Dieses Konzept wurde das Thema all seiner theoretischen Studien, die er von da an unternahm. Es wurde zum Leitmotiv seines Lebens. Er beschloss, Langlebigkeit wie ein Ingenieursproblem anzugehen. Kennt man erst einmal alle Komponenten der verschiedenen Prozesse, durch die tierisches Gewebe altert, so argumentierte de Grey, dann sollte sich gegen jeden dieser Prozesse auch ein Gegenmittel finden lassen.

Während der ganzen Zeit war de Grey immer wieder überrascht, wie leicht man sich den notwendigen Stoff aneignen konnte -- oder zumindest, mit welcher Leichtigkeit er selbst das konnte. An dieser Stelle muss ich allerdings eine Warnung aussprechen, ähnlich wie in einem Werbespot, der ein waghalsiges Kunststücke zeigt: "Versuchen Sie das nicht alleine. Es ist extrem riskant und verlangt außergewöhnliches Können.” Selbst wer nur kurze Zeit mit de Grey verbringt, der wird zumindest einen Eindruck mitnehmen -- Aubrey de Grey verfügt über ganz besondere Fähigkeiten.

Bei seinem Selbststudium kam de Grey zu dem Schluss, dass der Alterungsprozess sieben verschiedene Bestandteilen hat, und dass ein wachsendes molekularbiologisches Verständnis sehr wohl eines Tages die nötigen Technologien hervorbringen könnte, um diese Bestandteile zu manipulieren. Seine Gewissheit beruht auf der Tatsache, dass seit etwa zwanzig Jahren keine neuen Faktoren mehr entdeckt wurden, trotz der lebhaften Forschungsaktivitäten der Biogerontologie, der Wissenschaft des Alterns.

De Grey hält sich selbst für den geeigneten Führer auf dem Kreuzzug gegen die Sterblichkeit, denn seiner Meinung nach ist dafür eine ganz bestimmte Geisteshaltung entscheidend: das zielorientierte Denken eines Ingenieurs. Das steht im Gegensatz zu den eher von Neugierde getriebenen Grundlagenforschern im Labor. Seine eigene Arbeit betrachtet er eher als angewandte Forschung, durch die er die Segnungen der Molekularbiologie zur praktischen Anwendung bringt. In einer Analogie, wie sie von Medizinhistorikern oft gebraucht wird, ist er der Arzt, der das Labor zum Krankenbett bringt.

Sein Ziel ist eine Umwandlung der Gesellschaft, und um dieses Ziel zu erreichen, hat er sich zunächst selbst geändert. Sein eigentlicher Beruf ist vergleichsweise bescheiden: Als Computerexperte unterstützt er ein genetisches Forschungsteam, sein offizieller Arbeitsbereich besteht nur aus einer kleinen Ecke des Labors. Und doch ist er weltweit berühmt (und berüchtigt) unter den Altersforschern, nicht nur wegen der Kühnheit seiner Theorien, sondern auch wegen der Entschlossenheit, mit der er sie verfolgt. Niemand, der sich mit dem Thema ernsthaft beschäftigt, kann ihn noch ignorieren. De Greys Beitrag schlägt sich auch in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen nieder, die in namhaften Zeitschriften wie "Trends in Biotechnology" oder "Annals of the New York Academy of Sciences" erschienen. Zudem war de Grey Co-Autor von Kommentaren und anderen Beiträgen in "Science" und "Biogerontology".