Zahlen, bitte! Fünf richtungsweisende Worte auf dem Weg zum Telefon

Das Telefon von Philipp Reis gab dem Fernsprecher nicht nur seinen geläufigen Namen, sondern Graham Bell auch die Inspiration zu seinem Gerät.

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  • Markus Will

"Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" gilt als erster überlieferter Satz, der über einen Telefondraht geschickt wurde. Zwar gelang dem Erfinder damit nicht der endgültige Durchbruch, aber er wies mit seinem Telefon dem Weg, und gab dem Gerät seinen Namen, welches bis heute in der weltweiten Kommunikation nicht mehr wegzudenken ist.

Philipp Reis wurde am 7. Januar 1834 im hessischen Gelnhausen geboren. Schicksalsschläge machten den kleinen Philipp früh zum Vollwaisen: Seine Mutter Marie Katharine starb, als er knapp ein Jahr alt war, seinen Vater, der Bäckermeister Karl Sigismund, verschied, als der Sohn 10 Jahre alt war. Ihm wurde ein stattliches Erbe zuteil.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Sein Patenonkel Philipp Bremer wurde zum Vormund bestellt. Seine Großmutter verkaufte sein Elternhaus und schickte ihn in aufs Institut Louis Frédéric Garnier, ein Internat in Friedrichsdorf. Vier Jahre blieb er dort und lernte unter anderem Englisch und Französisch und zeigte bereits ein großes Interesse für naturwissenschaftliche Themen. Mit 14 Jahren verließ Reis das Internat und wechselte zum hasselschen Institut in Frankfurt am Main.

Am 1. März 1850 trat Philipp Reis in Frankfurt in der Farbwarenhandlung Breyerbach eine kaufmännische Lehre an, allerdings nicht ganz freiwillig. Sein Vormund bestimmte es. Reis fügte sich dem Willen des Patenonkels, gab ihm aber zu verstehen, nach Ende der Lehre seine Studien fortsetzen zu wollen. Nichtsdestotrotz war sein Chef so zufrieden mit Fleiß und Pünktlichkeit, dass er Reis erlaubte nebenbei im Privatunterricht Mathematik zu lernen und Vorlesungen über Mechanik beizuwohnen.

Philipp Reis, (* 7. Januar 1834 in Gelnhausen, Kurfürstentum Hessen; † 14. Januar 1874 in Friedrichsdorf)

In dieser Zeit begann auch die Leidenschaft fürs Erfinden. Eine Idee wirkte dabei besonders skurril: Sein "zuverlässiger Wecker". Ein Pflasterstein wurde mit einer Kuckucksuhr verbunden, das andere Ende der Schnur mit dem Arm des Schlafenden, und in der gewünschten Uhrzeit sollte der herabfallende Stein den Arm hochziehen und somit den Besitzer wecken.

Im Grunde verliefen die Versuche erfolgreich – im Selbstversuch verschlief Philipp Reis nicht mehr. Allerdings lag das eher daran, dass er aus Angst vor robusten Wecker stets rechtzeitig wach wurde. Aber auch irgendwie kein durchschlagender Erfolg im Sinne des Erfinders. Weitere Erfindungen: Eine Art Rollschuh-Schlittschuhe und das Velociped, eine Art Dreidad mit Hebelantrieb. An einem Perpetuum Mobile, das sagenumworbene wie auch unmögliche Gerät, welches, einmal in Bewegung gesetzt, ohne Energiezufuhr in Bewegung bleiben sollte, forschte er auch.

Die Erfindung des Telefons (6 Bilder)

Die erste Entwurfsskizze von Alexander Graham Bell für das Telephon
(Bild: US-Library of Congress, Public Domain)

Nach der Lehre trat Reis in das Institut von Dr. Poppe ein, eine polytechnische Vorschule. Darin erwuchs der Berufswunsch des Lehrers. Reis schrieb in seinen Aufzeichnungen:
"Mehrere meiner Mitschüler, junge Leute im Alter von 18 bis 20 Jahren, empfanden es mit mir als einen Mangel, daß Naturgeschichte, Geschichte und Geographie nicht gelehrt wurden. Wir beschlossen daher, uns gegenseitig in diesen Fächern zu unterrichten. Ich übernahm die Geographie und gewann aus dieser ersten Veranlassung die Ueberzeugung, daß das Lehren mein Beruf sei."

In seiner Werkstatt wurden die ersten Versuche durchgeführt.

Nach Militärdienst in Kassel 1855 und weiteren Studien kehrte Reis 1858 in das Garnier-Institut zurück und nahm dort eine Stelle als Lehrer an. Er lehrte dort Französisch und Physik. Experimente wurden extra vergütet. Und hier entwickelte er auch die Idee zum Fernsprecher weiter.

Im Unterricht nahmen sie das menschliche Ohr durch, und das brachte Reis auf eine revolutionäre Idee:„Durch meinen Physikunterricht dazu veranlasst, griff ich im Jahre 1860 eine schon frühere begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, der es ermöglicht, die Funktion der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen. Mit welchem man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom in beliebiger Entfernung reproducieren kann. – Ich nannte das Instrument Telephon.“

Das nachgebildete menschliche Ohr. die Metallmembran übernahm die Aufgabe des Trommelfells.

Ein nachgebildetes Ohr war über einen Kupferdraht mit einer Stricknadel verbunden. Eine Membran bildete das Trommelfell nach, und eine dahinterliegendes Metallplättchen den Hammer. Wenn durch Schallwellen die Membran zum Vibrieren gebracht wurde und dabei das Metallplättchen berührte, wurde der Stromkreis geschlossen.

Wenn der Strom die Spule und damit die Stricknadel erreichte, übertrug sich die Vibration. Und eine Geige als Resonanzkörper machte diese Töne hörbar, auch über weite Strecken. Dieses System war noch nicht perfekt: Musik wurde gut übertragen, Sprache allerdings nur schwer verständlich.

Zeitgenössische schematische Darstellung des ersten Telephons aus dem Familienblatt der Gartenlaube von 1893:
"Der Empfänger A, welcher auf einem in der Mitte des Zimmers befindlichen Tische seinen Platz hatte, bestand aus einem Resonanzkästchen – soviel ich mich entsinne, einer leeren Cigarrenkiste – und einer mit sechs Lagen übersponnenen Kupferdrahtes umwickelten Rolle oder Magnetisierungsspirale a, welche über eine dicke Stricknadel n n geschoben war[1]. Letztere ruhte mit ihren aus der Rolle hervorragenden Enden auf zwei Stegen des Kästchens. Zwei Klemmschrauben c und g nahmen die beiden Drahtenden der Rolle und die vom Sender B und der Batterie kommenden Leitungsdrähte L L auf."

Ein Kollege von Reis, Musiklehrer H.F. Peter erinnerte sich, dass sie das Telefon testeten, indem der Schwager in das Ohr Sätze aus dem "Spiess" Gymnastikbuch sprach. Und aus dem anderen Raum, etwa 100 Meter entfernt, konnten sie die Worte hören. Er lief zum Schwager und unterstellte ihm, dass Reis ja das Buch auswendig kenne, und er sagte Sinnlossätze auf und so kam der berühmte Satz zustande: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat". Oder: "Die Sonne ist von Kupfer". Zwar verstand Reis die Sätze nur halb, aber prinzipiell war Sprachübertragung möglich!

Bei der ersten Vorführung am 26. Oktober 1861 führte Reis sein Telefon dem Fachpublikum vor. In Vortrag "Über die Fortpflanzung von Tönen auf beliebige Entfernungen durch Vermittlung des galvanischen Stroms", veranstaltet vom physikalischen Verein, wurde dabei auch Musik übertragen wie „Muß i denn zum Städtele hinaus...“.

Es sorgte zwar für einige Faszination, aber nicht für den Durchbruch. Das Potenzial dieser Entdeckung wurde nicht erkannt und es wurde als Spielerei abgetan. Zwar war es technisch noch nicht ausgereift und auch nicht einem Telefon im heutigen Sinne nahe (dazu fehlte die Gegensprechanlage) aber es war nicht weniger als die Erfindung der Elektroakustik und das erste primitive Mikrophon, sowie Lautsprecher.

Besonders kränkte Reis, dass der Verleger Johann Christian Poggendorff die Bekanntmachung der Erfindung nicht in seinen Annalen der Physik und Chemie aufnahm. Die Ablehnung war zudem die Zweite, nachdem Poggendorf sich bereits es 1859 geweigert hatte, einen Reis-Aufsatz zur elektrischen Strahlung abzudrucken. Enttäuscht über die ausbleibende Resonanz, beendete Reis die Mitgliedschaft im physikalischen Verein, entwickelte aber sein Telefon weiter.

Zeichnung des weiterentwickelten Reis-Telefons von 1893

1863 führte er das wesentlich verbesserte Version vor, wieder vor dem physikalischen Verein vor und ließ es sogar dem Kaiser Franz Josef von Österreich vorstellen. Jedoch nützte es nichts. Es wurden einige Geräte an die Fachwelt verkauft, aber der große Durchbruch blieb aus. Es gab für ihn nur eine große Genugtuung: Jetzt hatte auch der Verleger der Annalen der Physik und Chemie angeboten, einen Artikel über sein Telefon zu veröffentlichen. Nun war es Philipp Reis, der süffisant ablehnte.

Durch seine chemischen Experimente war Reis gesundheitlich angeschlagen. Er erkrankte an Tuberkulose, wurde bettlägrig und starb am 14. Januar 1874, im Alter von 40 Jahren.
Ein Jahr vor seinem Tod äußerte er einem Freund gegenüber: "Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt, anderen muß ich überlassen, sie weiterzuführen."

Der schottische Erfinder Graham Bell, der ein Exemplar des Telefons erwarb, meldete zwei Jahre später in den USA das Patent 174465 an. Es beschrieb das Telefon, war die Grundlage für das Unternehmen AT&T und brachte das Gerät um die Welt.

(mawi)