Zahlen, bitte! 22.155 Freiwillige Feuerwehren für die schnelle Hilfe in der Not

Menschen in 22.155 freiwilligen Feuerwehren sind rund um die Uhr im Einsatz, um Menschen aus Notlagen zu retten. Doch wie sind die Feuerwehren entstanden?

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  • Markus Will

Retten – Löschen – Bergen – Schützen. Das sind die vier Leitworte, mit denen das breite Einsatzspektrum der deutschen Feuerwehren umschrieben wird. Durch eine hocheffiziente Einsatzlogistik und viel Engagement durch gut ausgebildete Feuerwehrleute kann man sich darauf verlassen, dass man innerhalb von wenigen Minuten Hilfe bekommt, wenn man die 112 alarmiert.

Die Angst vor Feuergeschehen begleitet den Menschen seitdem er urban siedelt. Bereits im alten Ägypten, sowie im früheren China gab es daher organisierte Feuerwehreinheiten. Im alten Rom mit seinen eng besiedelten insulae gab es verheerende Brände, gegen die es zunächst keine städtisch organisierte Hilfe gab. Um dem zu begegnen, bildeten reiche Römer private Feuerwehreinheiten.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Diese hatten den Nachteil, dass sie privaten Interessen dienten, nicht dem Gemeinwohl. Und das mit einer perfiden Strategie: die Hausbesitzer, deren Hab und Gut in Brand geriet, hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder sie überließen dem Betreiber der Privatfeuerwehr sein Haus zu einem Preis weit unter Wert, oder die Löscheinheit ließ das Haus abbrennen. Auf diese Weise kam Marcus Crassus 100 v. Chr. mit seiner 500 Mann starken Privatfeuerwehr, bestehend aus handwerklich ausgebildeten Sklaven, zu einigem Reichtum. Diese mafiöse Form der Grundstücksaneignung begünstigte zudem Brandstiftung und sorgte für Wut unter den Bürgern Roms.

Hausnummer 9, Via della VII Coorte im römischen Stadtteil Trastevere: Eingang zum Wachlokal (Exocubitorium) der städtischen Feuerwehr mit polizeilichen Aufgaben (cohortes vigilum) aus der römischen Kaiserzeit. Einziges Wachlokal dieser Art, welches bis heute erhalten ist.

(Bild: CC-BY-SA 4.0, Rabax63)

20 v. Chr. stellte der Ädil Marcus Egnatius Rufus eine Feuerwehr auf, die unentgeltlich und bedingungslos in Rom die Brandbekämpfung betrieb. Das kam bei den Bürgerinnen und Bürgern der ewigen Stadt so gut an, dass sie ihn zum Prätor machten. Kaiser Augustus wurde über dessen Popularität so argwöhnisch, dass er ihn festnehmen und als Verschwörer hinrichten ließ.
Die Idee der gemeinwohlorientierten Feuerwehr wiederum nahm er auf und baute die Einheit weiter aus. Nach Augustus wurden die Feuerwehren mehr und mehr professionalisiert.

Mit dem Untergang des römischen Reichs und den Völkerwanderungen ging einiges an diesem Wissen wieder verloren. Im Mittelalter wurden Zünfte und Innungen mit den Aufgaben des Feuerschutzes betraut. In dicht besiedelten Städten waren verheerende Brände keine Seltenheit. Nachdem Lübeck zwischen 1157 und 1276 unter drei enormen Stadtbränden gelitten hatte, schafften es neu erstellte Brandvorschriften, die zum Beispiel Holz als Baustoff einschränkten, dass die Stadt bis 1942 von stadtweiten Brandgeschehen verschont blieb.

Neben den Bauvorschriften wurde auch die Löschwasserversorgung verbessert: Unter anderem musste jeder Haushalt einen Eimer Wasser vorhalten, um im Falle eines Falles gewappnet zu sein, oder beim Aufstellen einer Löschkette von der Wasserstelle zum Brandherd helfen zu können. Die Feuerspritze in der primitiven Form existierte schon zu Crassus Zeiten, die ersten Handdruckspritzen entstanden um 1600. Nachdem Schläuche aus vernähtem Leder bereits vorhanden waren, wurden um 1720 in Leipzig die ersten gewebten Schläuche in Dienst gestellt. Erst rund 100 Jahre später konnten diese – dankt Gummi-Innenschlauch – wirklich effektiv genutzt werden.

Im 19. Jahrhundert werden die ersten freiwilligen Feuerwehren in Deutschland gegründet. Verheerende Brände wie der große Brand von Hamburg im Jahre 1842, sowie der Karlsruher Theaterbrand von 1847 legten den Fokus darauf, dass es nicht ausreicht, Löschmaterial bereitzustellen und für genossenschaftlich organisierte Freiwillige zu sorgen. Ein Brand ist eine hochkomplexe Situation und erfordert eingeübte und professionelle Einheiten. Der Unterschied wurde vor allem beim Theaterbrand sichtbar: Bei dem half neben den herkömmlichen Einheiten das Durlacher Pompiercorps, eine neuartige Form der Feuerwehreinheiten, die mit einer beweglichen Handruckspritze technisch gut ausgestattet und darin eingeübt waren.

Als kleine Erinnerung: Das 3-W-Fragenschema beim Notruf

Wo ist es geschehen?
Bitte so gut wie möglich den Notfallort beschreiben, idealerweise mit Adresse und Besonderheiten, die für eine Rettung notwendig sein könnten.

Was ist geschehen?
Beschreiben Sie kurz, was sie beobachtet haben, und was Sie sehen. Z. B. Verkehrsunfall und zwei eingeklemmte Personen.

Warten auf Rückfragen!
Nach Absetzen des Notrufs bitte nicht sofort auflegen. Es könnte sein, dass noch wichtige Fragen bestehen.

Die Fragen (nach altem 5-W-Schema) sind auch noch wichtig:

Wieviele Personen?
Beschreiben Sie so gut Sie es können die geschätzte Anzahl der Verletzten, ihre Lage und nach Möglichkeit die vermuteten Verletzungen. Achten Sie darauf bei Kindern das Alter zu schätzen.

Wer ruft an?
Bitte Name, Standort und idealerweise Telefonnummer für Rückfragen bereithalten.

Ihre Angaben können Leben retten!

Obwohl sie als Nachbarwehr später am Einsatzort waren, konnten sie einiges bewirken, sodass das Feuer nicht auf die angrenzende Orangerie und badische Sparkasse übergreifen konnte. Beeindruckt von der effektiven Art der Brandbekämpfung und des furchtbaren Brandgeschehens erklärten sich wenige Tage später rund 100 Karlsruher Bürger bereit, eine Feuerwehr nach Durlacher Vorbild zu gründen.

In Berlin wurde im Jahr 1851 die erste Berufsfeuerwehr gegründet. Im Jahre 1852 existierten bereits 27 Feuerwehren nach dem Durlacher Modell und es wurden mit der Zeit immer mehr. 1855 wurde in Stuttgart die Gründung des "Vereins deutscher Feuerwehren" beschlossen. Daraus entstand der Deutsche Feuerwehrverband (DFV), welcher bis heute die Interessen der Feuerwehrmänner und -frauen vertritt.

Ein verheerender Brand im baden-württembergischen Öschelbronn im Jahr 1933 zeigte zudem auf, wie wichtig es ist, dass Feuerwehren vergleichbares Material an Bord haben: Das Feuer ließ sich nur unzureichend löschen, weil zwei Feuerwehren nicht imstande waren eine gemeinsame Wasserversorgung aufzubauen. Der Grund: Die Schläuche waren nicht kompatibel zueinander! Als Folge daraus ist für Feuerwehrschläuche die DIN-Norm FEN 301–316 entstanden und die sogenannten Storz-Kupplungen und sind bis heute bundesweit im Einsatz.

Ein Kleinlöschfahrzeug (KLF) der Freiwilligen Feuerwehr Oldhorst (Niedersachsen). KLF sind in DIN: 14530-24 festgehalten und durch die kompakte Bauart und ihren 500 Liter-Tank hochflexibel gestaltet.

(Bild: Markus Will)

Heute sind rund eine Million ehrenamtliche Feuerwehrleute rund um die Uhr in Einsatzbereitschaft, verteilt auf 22.155 Freiwillige Feuerwehren in Deutschland. Dazu kommen noch 771 Werkfeuerwehren, die große, Industriewerke mit Gefährdungspotenzial schützen, sowie 104 Berufsfeuerwehren, die zumeist in Großstädten zum Einsatz kommen. 95 Prozent der Feuerwehrarbeit wird somit von Freiwilligen geschultert, wobei trotz der auf den ersten Blick guten Zahlen viele Feuerwehren über Nachwuchsmangel klagen. Schließlich ist die Aufgabe sehr personalintensiv.

Laut Feuerwehrverband gibt es in Deutschland 716 ständig besetzte Wachen. 171 hauptamtliche Wachen freiwilliger Feuerwehren, 224 bei Werkfeuerwehren, sowie 321 bei Berufsfeuerwehren. Vorgeschrieben ist, dass nach Alarmierung die Feuerwehr innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort ist, in Großstädten in 10 Minuten.

Zahlen, bitte! Feuerwehr

Einsatzarten der Feuerwehren in Deutschland im Jahr 2018 (2017):

670.727 (653.656) Technische Hilfeleistungen
248.077 (203.419) Brände und Explosionen
257.311 (234.012) Fehlalarmierungen
196.517 (192.774) Sonstige
40.974 (37.516) Tierrettung/Insekten
141 (137) Katastrophenalarme

Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr:

49.393 Löschfahrzeuge
2.165 Hubrettungsfahrzeuge
4.882 Rüst- und Gerätewagen,
3.109 Einsatzleitfahrzeuge,
631 Wechselladerfahrzeuge und 1.574 Abrollbehälter
14.887 sonstige Fahrzeuge
sowie rund 10.000 Anhänger.

Der Frauenanteil in den Wehren ist mit 9,9 Prozent noch gering, aber kontinuierlich steigend. Zum einen sind Feuerwehren flexibler und professioneller geworden und Verfehlungen wie jüngst in der Feuerwehr Bremen werden angegangen, und zum anderen sind in den 18.297 Jugendfeuerwehren, die für die Nachwuchsausbildung zuständig sind, bereits ein Drittel der Jugendwehrmitglieder weiblich.

Die Ausrüstung wird zudem immer digitaler. Insbesondere die Einsatzverwaltung ist mittlerweile oftmals digital vernetzt. Und digitale Wärmebildkameras, Drohnen und Computer helfen bei der Erfassung der Einsatzlage und Orientierung. Und neue Fahrzeugarten und neue Technologien wie Photovoltaik erfordern immer mehr Spezialwissen, sodass Feuerwehrlkräfte heute in vielen Bereichen ausgebildet werden.

Waren Feuerwehren früher tatsächlich viel öfter mit Brandbekämpfung beschäftigt, sind heutzutage technische Hilfeleistungen wie etwa nach Unfällen und eben bei Unwetterlagen die häufigsten Einsätze. Insbesondere letzteres hat spürbar zugenommen und beschäftigt die Feuerwehren sehr. Und es wird in solchen Situationen einem immer bewusst, was es heißt, für Menschen in Not im Einsatz zu sein.

Die Feuerwehr betrauert mit den vielen Opfern vier Kameraden und eine Kameradin, die im Hochwassereinsatz im Südwesten Deutschlands ihren Einsatz für andere mit dem Leben bezahlten.

Info: Der Autor ist seit über 25 Jahren Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr. (mawi)