Zahlen, bitte! 226 Seiten über das Manhattan-Projekt und die ersten Atombomben

Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erschütterte vor 75 Jahren die Welt. Schon Tage später gab ein US-Bericht der Öffentlichkeit Einblicke.

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Von
  • Detlef Borchers

Nach den Bombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 wurde viel über die neue Waffe der Alliierten gerätselt, doch nicht lange. Während Großbritannien seine Beteiligung am Manhattan Project (unter dem Codenamen "Tube Alloys") geheim hielt, ordnete US-Präsident Harry Truman die Veröffentlichung eines 226 Seiten starken Berichts an, der unter dem Namen Smyth Report bekannt wurde. Am 11. August wurde die Öffentlichkeit über diesen Report informiert.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Als der Report erschien, war die erste Auflage von 60.000 Exemplaren innerhalb eines Tages ausverkauft. "Atomic Bombs: A General Account of the Development of Methods of Using Nuclear Energy for Military Purposes Under the Auspices of the United States Government, 1940–1945., so der offizielle Titel, führte ein Jahr lang die Bestseller-Liste der New York Times an. Die Sowjetunion übersetzte den Bericht im Rekordtempo und ließ 30.000 Exemplare drucken, die an die Physiker, Chemiker und Mathematiker des Landes verteilt wurden.

Titelbild des Reports

Noch unter Präsident Franklin Roosevelt war der Beschluss gefasst worden, neben der bis 1970 als geheim eingestuften militärisch-wissenschaftlichen Dokumentation des Manhattan-Projekts (35 Bände) einen Bericht vorzulegen, der die interessierte Öffentlichkeit über den Bau von Atombomben informieren sollte. Eine informierte Demokratie habe das Recht, sich über eine derart einflussreiche Technologie Wissen anzueignen, um über die künftige Nutzung der Kernkraft Entscheidungen treffen zu können, so die Begründung. Außerdem sollten die Personen genannt und geehrt werden, die jahrelang unter strikter Geheimhaltung das Projekt vorangetrieben hatten.

Mit dem Bericht wurde der in Princeton lehrende Physiker Henry De Wolf Smyth beauftragt, der zu Beginn des Manhattan Projects an der Forschung beteiligt war, dann aber angehende Offiziere in Princeton unterrichten musste. Er machte sich honorarfrei 1944 an den umfangreichen Bericht unter der Bedingung, dass die Princeton University Press die Abdruckrechte erhielt.

Nach Roosevelts Tod drängte sein Nachfolger Truman darauf, den Smyth Report so schnell wie möglich der Öffentlichkeit zu übergeben. Truman hatte zur Potsdamer Konferenz die Nachricht vom erfolgreichen Test der Atombombe erhalten und den Befehl zum Abwurf solcher Bomben über Japan gegeben. Truman ging es vor allem darum, die technologische Überlegenheit der USA zu demonstrieren, weniger darum, den japanischen Kaiser zur Kapitulation zu zwingen. Auch die schnelle Veröffentlichung des Smyth Reports gehörte dazu.

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Der Bericht von Smyth wurde vom Sicherheitschef Leslie Groves und seinen Leuten detailliert geprüft, auch Projektleiter Robert Oppenheimer soll mit einer Gruppe nach sicherheitskritischen Informationen gesucht haben. Nach dem Erstdruck von 1000 Exemplaren wurden diese rund um die Uhr streng bewacht, bis Truman am 9. August den Befehl zur Veröffentlichung gab. Die ersten Exemplare gingen an Rundfunksender und Nachrichtenagenturen, die ab dem 11. August darüber berichteten. Eine glückliche Fügung ließ es zu, dass die Princeton Press trotz allgemeinem Papiermangel 60.000 Exemplare drucken konnte. Zudem wurde der Bericht in Sonderausgaben von Zeitschriften wie der Review of Modern Physics nachgedruckt und in 40 Sprachen übersetzt.

Großbritannien wurde von der geplanten Veröffentlichung spät informiert und war ziemlich überrascht. Dennoch machte sich "His Majesty's Stationery Office" trotz aller Vorbehalte an den Nachdruck, obwohl Berichte über "Tube Alloys" strikt verboten waren. Mit den Physikern Niels und Aage Bohr lebten zwei Personen im Land, die den Bericht (und viele weitere Details des Manhattan Project) kannten.

Bohrs Artikel

Am 11. August erschien darum in der Times ein vor der atomaren Bedrohung warnender Artikel von Niels Bohr unter dem Titel "Science and Civilization". Bohr betonte die internationale Zusammenarbeit vieler Wissenschaftler bei der Erforschung der Atomkraft und forderte eine ähnliche Zusammenarbeit aller Nationen und eine Übereinkunft, die destruktiven Kräfte nicht zu nutzen. Nur wenn alle Nationen und mit ihnen alle Wissenschaftler über die Atomkraft aufgeklärt sind, könne die Zivilisation überleben, warnte Bohr. Fünf Jahre später erweiterte er den Appell in seinem berühmten Brief an die Vereinten Nationen.

(mho)