Zahlen, bitte! 7 Millionen verkaufte Hymnen eines kurzen, friedlichen Sommers

Scott McKenzies Klassiker "San Francisco" entwickelte sich zur Hymne der Hippie-Generation. Geplant war er eigentlich als Werbesong und Protestlied.

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Von
  • Detlef Borchers

"If you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair" - Diesen Song sang Scott McKenzie vor 55 Jahren. Das schnell geschriebene Lied für Gitarre und Sitar sorgte nicht nur für gute Laune unter friedlichen Menschen mit Blumen in den Haaren, sondern hatte auch seinen Anteil daran, dass San Francisco im Sommer 1967 von mehr als 100.000 "Drop-Outs" aus ganz Amerika überrannt wurde.

Selbst Ober-Beatle Paul McCartney flog stilecht im Learjet in die Bay Area, um zu sehen, was da abgeht. Dabei hatte sich der Aufbruch der Gegenkultur, die Verbindung von Liebe, Rausch und Musik schon länger angekündigt: Seit 1964 fuhr der Schriftsteller Ken Kesey mit dem Bus Furthur ("Einer flog übers Kuckucksnest") und seinen Merry Pranksters durch die USA und propagierte die Einnahme von LSD, den sogenannten "Acid Tests".

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Der von Scott McKenzie und sein Freund John Phillips produzierte Superhit San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair) war schnell realisiert: Phillips hatte den Song in nur 20 Minuten geschrieben und sah in ihm einen Werbesong für das Monterey Pop Festival, das er organisierte. Für Sänger McKenzie war das Lied ein Protest gegen den Vietnamkrieg und er kündigte es bei jedem Auftritt entsprechend an. Das Lied wurde im "Summer of Love" in San Francisco 1967 zur Hymne der Hippie-Kultur.

Scott McKenzies Lied San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair) als Vinyl-Single.
Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Während der "Sommer der Liebe" bereits im Oktober 1967 mit der Inszenierung von "Death of Hippie, Birth of Free" zu Grabe getragen wurde, verkaufte sich die Single sieben Millionen Mal. Nicht schlecht für die Hymne eines kleinen Völkchens.

1966 gab es in der Bay Area unter dem Namen "Trips Festival" eine Serie von mehrtägigen Veranstaltungen mit LSD-Konsum, Musik von den Grateful Dead. Die Festivals wurden vom späteren Verleger Steward Brand und dem Synthesizer-Pionier Don Buchla organisiert. Das psychedelische Trips-Poster von Wes Wilson zeigte die üblichen Flower-Power-Wellen, aber auch einen Oszillator in ihrem Zentrum. Man war an Technik interessiert, wenn sie zur Bewusstseins-Erweiterung beitrug.

Neben den Trips-Festivals organisierten Brand und Kesey Ende 1966 die "Acid Test Graduation", eine Parodie auf US-amerikanische College-Abschlussveranstaltungen. Wer den Abschluss erreicht hatte, bekam einen Ansteck-Button mit der Aufschrift "Why haven't we seen a photograph of the whole earth yet?" Auch an Raumfahrt war man durchaus interessiert. Als Steward Brand 1968 damit begann, den einflussreichen "Whole Earth Catalogue" herauszugeben, zierte ein Bild der Erde das Cover, während der von Bill Anders fotografierte Erdaufgang den Ergänzungsband des ersten Kataloges in einer Montage zierte. "Use it or Lose it" stand auf einer Hand, die scheinbar die blaue Murmel hochgeworfen hatte.

Das Plakat zum Trips-Festival 1966 mit Ozillator im Zentrum.

(Bild: Detlef Borchers)

Ein weiterer wichtiger Faktor im Summer of Love war der Protest gegen den Vietnamkrieg und das Recht auf freie Rede, eben gegen diesen Krieg protestieren zu können. Scott McKenzie erinnerte später daran: "Als 'San Francisco' im Frühjahr 1967 veröffentlicht wurde, befand sich mein Land im Chaos. Bereits von politischen Attentaten heimgesucht, waren wir bitter gespalten über den eskalierenden Krieg in Vietnam und das Blutvergießen durch Hass- und Gewaltakte, von denen viele als Reaktion auf gewaltfreie Bürgerrechtsdemonstrationen und -proteste erfolgten. Selbst als so viele von uns die Hoffnung verloren hatten, als der Summer of Love zu einem Winter der Verzweiflung wurde, half uns unsere Musik, am Leben zu bleiben und uns in eine Welt zu tragen, die wir uns erhofft hatten, zu verändern..."

Mit dem Recht auf freie Rede bezog sich McKenzie auf das Free Speech Movement (FSM), das im Herbst 1964 ausgehend von der Universität Berkeley mit einem Streik das Recht forderte, auf dem Universitätsgelände demonstrieren zu dürfen. Der Protest gegen den Atomkrieg und die vom Präsidentschaftskandidaten Berry Goldwater ins Spiel gebrachten "taktischen Atomwaffen" beschäftigte die angehenden Wissenschaftler, ebenso die Fernsehwerbung mit der Atombombe, die Goldwaters Konkurrent Lyndon B. Johnson schalten ließ. Studenten, die Zugang zu den Computern hatten, stellten Lochkarten her, auf denen schlicht FSM oder Strike stand und zogen mit ihnen über den Campus, während die Universitätsleitung die Nationalgarde rief.

Ein Mann mit militärischer Auszeichnung während eines Antikriegs-Protests im Jahr 1967 in San Francisco. Im Hintergrund ist auf einem Plakat eine Friedenstaube zu sehen.

(Bild: CC BY-SA 3.0, BeenAroundAWhile)

Schließlich war da noch der Protest gegen den Vietnamkrieg. Gegen ihn wurde in vielfältiger Weise demonstriert. Ab dem Jahr 1965 wurden Teach-Ins veranstaltet. Zum Summer of Love 1967 schrieb Der Spiegel: "So wie die Gegner des Vietnamkrieges an den Universitäten sogenannte »teach-ins« veranstalteten, versammeln sich die Hippies zu Tausenden an einem sonnigen Strand zu einem »love-in«, untermalen ihre Aktionen mit Musik auf Ascheimern und Flöten." Den deutschen Lesern stellte das Blatt die "Blumenkinder" mit einem Vergleich vor: "Es sind Teens und Twens mit langen, zottigen Haaren. Wie Europas Gammler verabscheuen sie Wasser, Seife und Bürgertum. Mit Vorliebe begeben sie sich auf eine Rausch-Reise in ferne und irreal schöne Welten."

Seinen Höhepunkt erreichte der Summer of Love mit dem von John Phillips und dem Musikproduzenten Lou Adler organiserten Monterey Pop Festival. Phillips hatte den Song für Scott McKenzie geschrieben, im Studio von Adler war die überaus erfolgreiche Single produziert worden. Das dreitägige, friedlich verlaufende Festival endete an einem Sonntag mit spektakulären Auftritten der britischen Band "The Who", den Lokalmatadoren der "Grateful Dead" und "The Jimi Hendrix Experience". Zum Schluss betrat Scott McKenzie die Bühne und sang die Hymne von San Francisco, ehe Philipps Band "The Mamas & the Papas" den Ausklang gaben. Mama Cass beendete das Festival mit den Worten "You're on your own".

Das Konzept der cybernetischen Nomaden. Der Media Van der Gruppe Ant Farm.

(Bild: Detlef Borchers)

Sieht man von dem enormen musikalischen Einfluss des Festivals ab, so inspirierte das Treffen der Hippies zahlreiche Künstler. Der Italiener Ettore Sottsass, der für Olivetti Computer und Schreibmaschinen designte, entwickelte in San Francisco die Serie "The Planet as Festival". Kernstück war ein Festivalgelände mit einem Turm, der die Teilnehmer mit "Düften, LSD, Marijuana, Opium und Lachgas" versorgen sollte.

Die Künstlergrippe Ant Farm orientierte sich an dem Bus von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters und schuf den Media Van, der durch die USA reiste. Der Van zog einen Anhänger, bestückt mit Video-Equipment und einem Computer-Terminal zum Einloggen in Computersysteme. Die Öffentlichkeit sollte Bilder, Videos und Songs auf der Festplatte im Van abspeichern. Mit dem Ende der Hippie-Zeit verschwand der Media-Van im Jahre 1972 und wurde erst 2008 wiedergefunden, ausgerechnet in einer unterirdischen Abschussbasis für Nike-Raketen. Nach einer Präsentation im Jahre 2009 wurde das restaurierte Datenmaterial mit dem Van wieder versenkt. Die Zeitkapsel soll erst 2030 wieder geöffnet werden.

Vielleicht die stärkste Wirkung erzeugte der Semi-Dokumentarfilm Monterey Pop, mit dem Donn Allen Pennebaker die Gattung des Festivalfilms begründete. Vier Kameras waren im Einsatz, das Geschehen zu dokumentieren. Ein professioneller Studiorekorder, von den Beach Boys ausgeliehen, schnitt den Sound mit. Pennebakers Film beginnt ---- mit Scott McKenzies "San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)". Der Film begeisterte den europäischen Filmemacher Jean-Luc Godard. Er nahm 1968 für ein eigenes Filmprojekt den Auftritt der Band "Jefferson Airplane" auf dem Dach eines New Yorker Hotels auf, bei dem seine Kameraleute aber samt und sonders zugedröhnt waren.

Die in San Francisco lebenden Hippies, die Diggers, die Cockettes, und die Deadheads hatten schon zum Sommerende die Nase voll, wie ihr Viertel Haight Ashbury überrannt wurde. Im Oktober beschlossen sie, den Mythos der Hippies und Blumenkinder zu Grabe zu tragen. Das wurde wörtlich inszeniert. Bei dem Spektakel Death of Hippie, Birth of Free wurde ein riesiger Sarg durch das Stadtviertel getragen und am Ende verbrannt. Im Sarg lagen Blumen und Kettchen, abrasierte Bärte und abgeschnittenes langes Haar. Die Teilnehmer des Happenings trugen die Asche im Gesicht und nannten sich fortan "Freie Menschen".

Die kommerzielle Verwertung der Hippies hatte da längst eingesetzt, "Hippies" waren auf den Titelseiten von Harper's Bazaar, Vogue, Esquire und der deutschen twen. Was von der Bewegung übrig war, verzog sich in Landkommunen. Viele lebten in geodätischen Kuppelhäusern, wie von Buckminster Fuller angeregt.

Stewart Brand gilt in seinem Wirken als Vermittler zwischen Hippie- und Hackerszene. Der von ihm herausgegebene The Whole Earth Catalog führte früh auch Personal Computer auf. Steve Jobs nannte das Werk einmal den Vorläufer von Internet-Suchmaschinen. Viele Programmierpioniere der US-Ostküste entstammen der Hippiekultur.

(Bild: CC BY-SA 2.0, cellanr)

Der umtriebige Stewart Brand begann mit der Herausgabe des Whole Earth Catalogues, einer wilden Sammlung von Bauanleitungen und nützlichen Tools für das Alltagsleben der Freien Menschen. Gleich in der ersten Nummer findet sich eine Gebrauchsanleitung für den wissenschaftlichen Tischrechner HP 9100A, ergänzt um eine Rezension der Cybernetics von Norbert Wiener. Wer umgekehrt in der Werbebroschüre von Hewlett Packard zum HP 9100A von 1968 blättert, findet eine bunte Collage aus der Bilderwelt der Hippies.

Als die britische Band Led Zeppelin auf ihrer ersten US-Tournee im Jahre 1973 in San Francisco auftraten, bauten sie "San Francisco" in ihre Collage "Dazed and Confused" ein, zur Erinnerung an die "gute alte Zeit" – die damals gerade einmal 5 Jahre zurücklag. Mit der Auflösung der Szene änderte sich also auch ihre Hymne.

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(mawi)