Zahlen, bitte! – Als das Leben im Jahr 2012 noch Zukunftsmusik war (Teil 2)

Die Zukunftsvision der 1960er-Jahre, Teil 2: Von Vorhersagen für das Jahr 2012, die in Kommunikation und Technik verblüffend prophetisch waren.

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Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Kurz bevor das Institute of Radio Engineers (IRE) in das heutige Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) aufging, produzierte es im Jahre 1962 eine umfangreiche Festschrift. Sie umfasste 1200 Seiten und erläuterte nicht nur den Stand der Technik anno 1962, sondern beschäftigte sich auch mit der Technik der Zukunft.

Im vorangegangenen "Zahlen, bitte!" berichteten wir von den Befürchtungen und Ängsten, die die Wissenschaftler damals hatten. In diesem Teil geht es um die Vorhersagen für das Jahr 2012 und darüber hinaus, mit denen sie vor 60 Jahren fast richtig lagen. So findet sich darin unter anderem ein Aufsatz des Computerkonstrukteurs Gene Amdahl, in dem er sich über aktuelle Trends im Desgin von Computersystemen ausließ.

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Amdahl sah zwei Arten von Computersystemen kommen: auf der einen Seite immer stärkere Hochleistungsrechner für Spezialanwendungen, auf der anderen Seite Multiuser-Systeme, an die 50 oder mehr Arbeitsplätze (teletype terminals) angeschlossen sind. Amdahl schrieb: "Ein solches System wird gerade am MIT in einem Feldtest ausprobiert. Wenn es seine Effizienz unter Beweis stellen kann oder gar die Erwartungen übertrifft, wird dies profunde Auswirkungen auf die Entwicklung von Computersystemen haben."

Tatsächlich brachten die Tests am MIT den Durchbruch für Multiuser-Systeme (von Digital Equipment) und die Entwicklung von Multiuser-Betriebssystemen (Multics). Sogar die Entstehung der Hackerkultur kann auf die Tests am MIT zurückgeführt werden.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Die "Proceedings of the IRE"-Festschrift, die mit ihren ihren über 1200 Seiten Umfang mühelos Serverraum-Türen offenhalten könnte. Die Zukunftsvisionen umfassen dabei nur rund 100 Seiten, sind aber aus heutiger Sicht fast am Interessantesten.

(Bild: Autor)

Natürlich führt der Verweis auf Multiuser-Systeme unweigerlich zu der Frage, ob das Internet in den Prognosen vorkam. Tatsächlich beschäftigte sich George L. Haller, der damalige Vizepräsident von General Electric ausführlich mit dem einflussreichen Aufsatz "Man-Computer Symbiosis" von J.C.R. Licklider, der von Autoren wie dem Netz-Historiker Peter H. Salus als Gründungstext des Internets bezeichnet wird. 1962 war Licklider Leiter des "Information Processing Techniques Office" in der Forschungsagentur ARPA, die mit der Entwicklung des Arpanets begann. Optimistisch sah auch George Haller ein vernetztes System von Bildschirmen und schrieb im Sinn der Licklider-Symbiose: "2012 wird für uns die Unterscheidung zwischen einem 'mir' und 'meinem Computer' sehr schwierig zu machen sein, so eng wird die Beziehung zwischen Mensch und Maschine sein."

In seinem humorvollen Beitrag "Communication as an Alternative to Travel" berichtet John R. Pierce, der Vater der Telekommunikationssatelliten Echo 1 und Telstar, von den Mühen des Jahres 1962, mit seinen Flugreisen und Autofahrten zu irgendwelchen Konferenzen zu kommen. "Wie gut haben wir Ingenieure es im Jahr 2012, dass wir zu Hause bleiben und an Televisionskonferenzen teilnehmen können." Pierce stellte sich Telekonferenzsysteme vor, die durch schnelle Laserverbindungen möglich sein werden.

John Robinson Pierce (* 27. März 1910 in Des Moines, Iowa; † 2. April 2002 in Sunnyvale, Kalifornien) Erbauer des Ballonsatelliten Echo 1 und des Satelliten Telstar, erkannte bereits Anfang der 1960er, dass Videokonferenzen in einem halben Jahrhundert zum Alltag gehören werden.

(Bild: NASA)

Noch einen Schritt weiter ging der Austroamerikaner Ernst Weber, damals Präsident des Polytechnic Institute of Brooklyn. Der führende Mikrowellenforscher war stark von der "Synnoetics"-Lehre des Psychologen Louis Fein beeinflusst. Ausgehend von der Kybernetik war Feins Synnoetics die Lehre von der Kooperation aller Menschen, Maschinen, Pflanzen und Tieren hin zu einem mentalen Gesamtwesen. Spätestens 1975 sollte nach der Idee von Fein die Menschen über spezielle Kristalle mit Computern verbunden sein. Für Weber war es demnach nur logisch, dass im Jahre 2012 Raumfahrer als Cyborgs in direkter Mensch-Maschine-Kommunikation das Weltall erobern.

Übrigens gibt es in der IRE-Festschrift auch die Gegenposition, vertreten von dem aus den Niederlanden emigrierten Pieter Jacobus van Heerden. "Schicken wir intelligente Maschinen ins Weltall. Das sollte bei der Erkundung des Alls geschehen, wenn sich herausstellt, dass es zu schädlich für den Menschen ist, dort Missionen auszuführen", erklärte der Vertreter der holonomischen Hirnforschung.

Auch wenn noch nicht vom Internet die Rede ist, wird in vielen Beiträgen ein Kommunikationsnetz für das Jahr 2012 vorhergesehen. Wettervorhersagen werden von Hochleistungsrechnern auf Wetterbildschirme in den Haushalten geschickt. Zeitungen werden nicht mehr ausgetragen, sondern über das Kommunikationsnetz zu Lesegeräten verschickt, die "flüssiges Papier" enthalten. Kinder erhalten Teleunterricht und die der Arztbesuch ist durch eine Telekosultaion ersetzt worden. Fernsehbildschirme sind wandgroß und zeigen dreidimensionale Sendungen mit Raumklang-Stereophonie. Musik und Film oder TV kommen über ein Kabelnetz, die Inhalte werden laser-holografisch gespeichert.

BeeBook-E-Ink-Reader auf der IFA 2012: Mit dem "elektronischem Papier" wurde genau das realisiert, was in der Festschrift 50 Jahre zuvor in groben Zügen prognostiziert wurde: Eine Flüssigkeit bildet im Display die Buchstaben ab.

(Bild: CC BY-SA 3.0, Michael Movchin)

Wer krank ist, wird über telemedizinische Apparaturen zu Hause versorgt, wer gesund ist, arbeitet überwiegend als Wissensarbeiter in Telezentren. Medizinische Eingriffe erfolgen minimalinvasiv; es gibt eine reiche Auswahl an künstlichen Organen, die vom Körper nicht mehr abgestoßen werden. Menschen werden mindestens 100 Jahre alt. Mit Mini-Atomzellen bestückte Kleinstcomputer ersetzen bei Tauben als Cochlea-Implantat das Gehör. Computer werden nicht mehr konstruiert, sondern konstruieren sich wegen der fortschreitenden Miniaturisierung selber. Dank der eingesetzten Kernenergie ist Energie im Überfluss vorhanden.

Autos fahren nicht mehr mit Verbrennungsmotor (weil 2012 das Öl alle ist), sondern mit Brennstoffzellen. Sie verständigen sich über ein eigenes Kommunikationssystem, das Bremslichter überflüssig macht und werden von einem Satelliten-Navigationssystem präzise über die Straßen gelenkt. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, es gibt altersgerechte Lernmaschinen, an die sie angeschlossen werden. Das gesamte Wissen der Welt ist elektronisch gespeichert und kann in jeder Stadtbibliothek abgerufen werden. Es gibt nur noch elektronische Wahlen und jede Form der Wahlfälschung ist unmöglich geworden.

Inmitten dieser schönen neuen Welt gibt es Prognosen, die an Orwells 1984 erinnern. Dorman D. Israel, Entwicklungschef von Emerson Radio, prognostizierte eine kleine Sende-/Empfangseinheit, die jedem Neugeborenen in das Nervensystem am Rückgrat eingepflanzt wird. Eltern, die diese Prozedur verweigern, werden einem Umerziehungsprozess zugeführt, weil sie verweigern, dass ihr Kind ein guter Staatsbürger werden kann. Der Staat selbst hat Bilder aller seiner Bürger gespeichert. Die automatische Gesichtserkennung hat 2012 den Fingerabdruck bei der Fahndung nach Straftätern abgelöst. Der Fingerabdruck selbst kommt nur noch bei Einkäufen zum Einsatz, da er die Kreditkarte abgelöst hat. Weil Häuser und Büros optisch und akustisch überwacht werden, tragen die Menschen Geräuscherzeuger mit sich, die einen Klangteppich erzeugen, in dem die Sprache untertauchen kann.

Der weitaus größte Teil der Vorhersagen beschäftigt sich allerdings entsprechend dem Zeitgeist der 60er-Jahre mit der Raumfahrt. Der Mond ist besiedelt, wobei die Mondstationen Selbstversorger sind und bis zu 100.000 Menschen aufnehmen können. Auf dem Mars existiert seit 2007 eine Kolonie und die Venus ist mit einer Instrumentenstation versorgt. Auf diesen Planeten (aber seltsamerweise nicht auf der Erde) wird Energie durch "konzentrierte Solarenergie-Konverter" gewonnen.

Was hingegen völlig in der Zukunftsschau der Elektroingenieure fehlt, ist der Klimawandel und der Umgang mit Naturkatastrophen. In der Zukunftsvision von Harold Alden Wheeler, damals Chefingenieur bei Hazeltine, werden gefährliche Stürme frühzeitig von Wettercomputern erkannt und mit "sauberen Atombomben" zerstört. 2012 werde es kein Gebäude ohne fortschrittliche Klimaanlagen mit Steuerung der Ionendichte mehr geben, prognostizierte er.

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(mawi)