Zahlen, bitte! Blick auf die Erde mit einer Auflösung von 30 Metern

Art+Com erschaffte in den 90er-Jahren eine Geo-Anwendung, die einen Zoom auf den Planeten Erde bis auf 30 Meter zuließ.

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Von
  • Detlef Borchers

Anfang der 90er-Jahre begann eine Reihe von Projekten, sich mit massiven Mengen von Geodaten zu beschäftigen. Untersucht wurde, wie Endanwender in künftigen superschnellen Netzen mit diesen Datenmengen am Bildschirm interagieren können, sei es als virtueller Erdenwanderer, sei es als General auf einem interaktiven Schlachtfeld. Ein künstlerisch herausragendes Interface-System wurde von Designern und Hackern mit "Terravision" in Berlin geschaffen. Es gestattete den Zoom hinunter auf die Erde bis zu einer Auflösung von 30 Metern. Am Donnerstag startet das Drama "The Billion Dollar Code" bei Netflix, das sich mit der Geschichte von Terravision befasst.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Die vierteilige Netflix-Staffel erzählt die Geschichte der von CCC-Hackern und Kunststudenten gegründeten Firma Art+Com, die für das Berliner Hochgeschwindigkeitsnetz BERKOM im Auftrag der Deutschen Telekom die Multimedia-Installation Terravision entwickelte. Hier ist der Globus praktisch ein überdimensionierter Trackball. Eine Art Tablet schwebt über ihm und gestattet die Erkundung der Erde. Onyx-Hochleistungsrechner von Silicon ermöglichten es, sich in verschiedene Darstellungen der Erdoberfläche zu zoomen.

Als später Google Earth im Jahre 2001 startete, waren die längst mit anderen Projekten beschäftigten Berliner über die Ähnlichkeit verblüfft. Besonders der von Google benutzte Earth Viewer einer Firma namens Keyhole sorgte international für Aufsehen, als der Fernsehsender CNN die Sicht auf die Erde benutzte, um 2003 den Irak-Krieg zu illustrieren. Man beschloss im Jahre 2014, als Art+Com Innovationspool (ACI) Google zu verklagen, denn im Gegensatz zu Deutschland hatte man in den USA ein Patent auf die virtuelle Erderkundung erhalten.

In der Klageschrift verwies man darauf, dass Ingenieure und Programmierer beim damaligen Hardware-Partner Silicon Graphics beschäftigt waren und später über die Firma Keyhole von Google aufgekauft wurden und das Projekt Google Earth betreuten. Dabei sollten sie die US-Patente von ACI verletzt haben. Diese Klage wurde im März 2017 krachend verloren, weil Google mit dem für das US-Militär im Jahre 1991 gestarteten Projekt MAGIC (Multidimensional Applications and Gigabit Internet Consortium) auf ein Teilprojekt Projekt namens TerraVision verweisen konnte, in dem sich Militärs in 3D-Darstellungen des kalifornischen Militärstützpunktes Fort Irwin bis auf einen Meter hineinzoomen konnten. Man hatte zwar nur eine Fläche von 40 × 30 Kilometer fotografiert und kartografiert, doch war das von höchster Genauigkeit.

Überdies präsentierte Google mit Stephen Q. Lau einen der Programmierer, der bezeugte, diese Version von TerraVision auf der Siggraph 1995 vorgeführt und zwei Mitarbeitern von Art+Com den Code der Anwendung erklärt zu haben. Lau hatte schon der Vorgängerfirma Keyhole geholfen, eine Patentklage abzuschmettern. Entsprechend wurde die Klage der Deutschen von den US-Richtern einstimmig abgewiesen. Später machten Mythen über den Prozess die Runde.

Das Bild zeigt die Ähnlichkeiten von Terravisison 1995 und Google Earth 2014.

(Bild: ART+COM (Screenshot))

Aus den Mythen und dem Stoff der Gerichtsakten haben nun der Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg und Regisseur Robert Thalheim ein fiktionales Drama gebastelt. Etliche der damals beteiligten Mitarbeiter wurden zu den beiden Hauptfiguren Carsten Schlüter und Juri Müller zusammengeschmolzen, was etwas schmerzhaft ist, wenn man die herausragenden Arbeiten des unlängst verstorbenen Designers Joachim Sauter kennt. In seiner Werkschau listete er die Mitstreiter des Terravision-Projekts auf. Stellenweise ist das Drama unfreiwillig lustig, wenn ein Nerd ein Telefonbuch auf den Tisch knallt und die beteiligten Telekom-Mitarbeiter erschrocken über seine Aussage staunen, dass man so etwas nicht mehr braucht.

Da hätte mal ein Faktenchecker schauen können, was damals wirklich los war, als Topware seine D-Info-CDs auf den Markt brachte – gefolgt von den D-Sat-CDs mit Aufnahmen des russischen Cosmos-Satelliten, die 1996 für schlappe 49,50 DM vertrieben wurden. Sie boten zwar nur eine Auflösung von 10 Metern und lagen damit weit unter den Ergebnissen von TerraVision, eigneten sich aber für den Hausgebrauch ohne Netzanschluss. Denn das notwendige schnelle Internet kam später. Wie schrieb ein Rezensent anlässlich der mit der von Art+Com angebotenen Version zur Erkundung der Expo 2000 in Hannover? "Doch auch dieser Rundgang benötigt eine schnelle Verbindung zum Internet. Bei meiner ISDN-Verbindung hatte ich den Eindruck, dass selbst ich zu Fuß schneller wäre."

Zur Geschichte des Planeten-Browsing

(Bild: ART+COM (Screenshot))

Neal Stephenson beschrieb 1992 die virtuelle Erde als Dateninterface zum ersten Mal in seinem Science-Fiction-Roman "Snow Crash". Unabhängig davon arbeitete das Forschungs- und Gestaltungsbüro Art+Com seit 1993 an der Umsetzung einer interaktiven, dreidimensionalen Visualisierung der Erde in Echtzeit mit stufenlosem Zoom aus dem Weltall bis auf Straßenniveau. Präsentiert hat Art+Com das Terravision genannte Projekt einer breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal auf der ITU-Konferenz (International Telecommunications Union) in Kyoto Ende 1994, und Terravision fand in Deutschland für die Präsentation der zukünftigen Stadtplanung von Berlin Einsatz.

Die Hardwareanforderungen waren enorm: Um in den Genuss dieses Vergnügens zu kommen, war eine Reality Engine der Firma SGI im Wert von 300.000 DM nötig. Nachdem das System 1995 auf der Siggraph gezeigt worden war, übernahm SGI eine Installation in ihrem Demonstrationszentrum in Mountain View – das Gebäude, in dem Google jetzt residiert. Terravision war in Performer, einer SGI-Grafikbibliothek, implementiert und muss das Interesse des damaligen Direktors und Chefentwicklers der für SGIs Grafikbibliotheken zuständigen Abteilung geweckt haben. Einige Jahre später gründete Michael T. Jones die Firma Keyhole, die die Technik und Anwendung entwickelte, die wiederum Google 2004 kaufte und in Google Earth umbenannte.

Interessant sind die Umstände, die zur Entwicklung von Terravision geführt haben. Auf der Suche nach möglichst anspruchsvollen, bandbreitenhungrigen Anwendungen für ihr Hochgeschwindigkeitsnetz VBN in Berlin trat die damalige Deutsche Post mit ihrer Abteilung für neue Projekte (BERKOM) an Art+Com heran. Nach deren Erstimplementierung gab es noch weitere Versuche, vergleichbare Systeme zu entwickeln. So präsentierten die Stanford Research Laboratories (SRI) einen Abkömmling des von der DARPA finanzierten "Digital Earth"-Projekts. Dieses ebenfalls Terravision genannte System war in Tcl/Tk und GeoVRML geschrieben, einer um Geo-Koordinaten erweiterten VRML (Virtual Reality Modeling Language). SRI Terravision ist seit Ende der 90er-Jahre für Windows- und Unix-Plattformen – sogar im Sourcecode – verfügbar. Auf den Webseiten finden sich Sammlungen von Geländemodellen, Karten und Luftaufnahmen. Seit 2001 läuft anscheinend die Entwicklung nicht mehr weiter. Das letzte Aktualisierungsdatum ist das Jahr 2002 und einige der angeführten Server lassen sich nicht mehr kontaktieren. (aus: IX 12/2005 über die Geschichte des Planeten-Browsing (Autor: Christian Wilk))

(olb)