Zahlen, bitte! – Der erste faltbare Stadtplan im Maßstab 1:16000

Um in Londons Stadtdschungel der industriellen Revolution Orientierung zu finden, war eine Erfindung wegweisend: der faltbare Stadtplan der Gebrüder Greenwood.

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Von
  • Detlef Borchers

Vor 195 Jahren veröffentlichten die Gebrüder Christopher und John Greenwood am 1. Februar 1827 nach dreijähriger Vorarbeit den ersten "faltbaren" Stadtplan von London. Mit 1.250.000 Einwohnern war die britische Hauptstadt die damals größte Stadt der Welt. Der Plan war mit 48 Planquadraten und 12 Erklärungen und Abbildungen so konzipiert, dass sich Fremde in der Stadt nicht verlaufen konnten, erklärten die Greenwoods. Sie widmeten ihren Plan König George IV.

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Der faltbare Plan der Gebrüder Greenwood war im Maßstab 1:63360 Inches und entspricht damit dem heute noch gängigen Stadtplan-Maßstab von 1:16.000. In den Stadtplan kann hier gezoomt werden. Er war nicht in dem Sinne praktisch, wie wir es von den Plänen des Kartografen Gerhard Falk kennen; dessen erster Falkplan kann in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum feiern, denn der erste dieser Falk-Fächerpläne erschien im Jahr 1952.

Der maßstabsgerechte Plan der Gebrüder Greenwood deutete an, wie diese frühe Megacity mit einem Raster von 12x5 Kacheln erfasst werden kann. Der Plan wurde unverändert bis 1856 in neun Auflagen gedruckt und erhielt 1840, also 13 Jahre nach der ersten Auflage, großes Lob vom Bürgermeister: "Dieser Plan ist der einzige, der im Büro eines Bausachverständigen oder Stadtentwicklers hängen sollte. Für die Entwicklung und den Fortschritt der Metropole sei es der beste Plan, den man konsultieren sollte, denn kein anderer zeigt die Schwierigkeiten beim Entfernen von Gebäuden für neue Straßen."

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Der Greenwood-Stadtplan bildete die Grundlage für andere, etwa einen Ausschnitts-Abwasserplan, mit dem John Snow 1854 zeigen konnte, wie sich die Ausbreitung der Cholera durch verunreinigtes Wasser erklären lässt. Im selben Jahr erschien Collins' Pocket Atlas of London, ein verkleinerter faltbarer Plan für die Manteltasche. Etwas später versuchte das Post-Office im Jahre 1857 der Briefflut Herr zu werden: 100 Millionen Briefe wurden allein in diesem Jahr aus London verschickt, davon 50 Millionen nur innerhalb Londons. Das führte zu einem farblich Postleitzahlen-kodierten Stadtplan der Firma Kelly. Auch der Sozialreformer Charles Booth verließ sich auf den Stadtplan, als er die "Poverty Map" 1891 veröffentlichte. Er färbte kurzerhand die Gebiete mit hoher Kindersterblichkeit und Strafdelikten farblich ein. Die Technik ist bis heute bekannt, etwa bei der Umsetzung von Karten, die die Lärmbelästigung in einer Stadt demonstrieren.

Natürlich gab es vor dem Greenwood-Stadtplan von 1827 Stadtpläne. Die älteste bislang bekannte kartographische Darstellung einer Ansiedlung ist eine Wandmalerei von Çatalhöyük, die auf 6200 v. Chr. datiert wird. Es folgten die Tontafeln der Sumerer, wie es der Stadtplan von Nippur zeigt, der auf 3500 v. Chr. datiert wird. Die Römer hatten Forma Urbis einen Stadtplan von Rom im Maßstab 1:240 auf 150 Marmorplatten gemeißelt, der 211 n. Chr. fertig wurde und öffentlich in einem Tempel zu sehen war. Im Mittelalter ging man dazu über, Stadtansichten aus einer Vogelperspektive zu zeichnen, um die Macht und so den Reichtum und die Verteidigungsbereitschaft der Städte zu zeigen.

Bildausschnitt der eindrucksvoll gezeichneten Stadtansicht von Venedig, geschaffen durch Jacopo de' Barbari im Jahre 1500.
Im Hintergrund sieht man den Markusplatz mit Campanile und der Biblioteca Nazionale Marciana. Im Vordergrund tobt Poseidon in der See.

Der Blick auf Venedig von Jacopo de' Barbari aus dem Jahre 1500 gilt als einer der schönsten Stadtansichten dieser Art. Kurz nach diesem künstlerischen Höhepunkt wurde es wieder planmäßger: Niemand anderes als Leonardo da Vinci ließ 1502 eine Art Streetview-Karren durch Imola ziehen, um eine ichnografische Darstellung von Imola für seinen Dienstherren Cesare Borgia anfertigen zu können. Er sollte die Festungsanlage prüfen und Verbesserungsvorschläge machen. Er zeichnete den Stadtplan in eine Windrose mit den acht Windrichtungen und gab die Entfernungen zu den nächstgelegenen Städten an. Für den Festungsausbau unnötig zeichnete da Vinci den nahen Verlauf des Santerno-Flusses und kolorierte ihn blassblau.

Zurück nach London. Aus der Flussperspektive der Themse gesehen gibt es einen interessanten Bildvergleich zum Wachstum der Stadt. Im Jahre 1616 schuf der bekannte Kartenstecher Claes Janszoon Visscher eine Stadtansicht von London, die 274 Jahre später im Jahre 1890 exakt wiederholt und in der US-amerikanischen Zeitschrift Harper's Weekly abgedruckt wurde. Zu diesem Zeitpunkt löste Greater New York langsam aber sicher London als Megalopolis ab. Der direkte Vergleich der Bilder von London zeigt den Fortschritt – und kann mit einer Bildserie fortgesetzt werden, die 400 Jahre nach Visscher im Guardian veröffentlicht wurde. Im Stich von 1890 ist übrigens zu sehen, wie die erste industrielle Revolution die Stadt verändert. Ganz London qualmt, von den ersten U-Bahn-Linien, die ab 1863 gebaut wurden, sind die Stationen Charing Cross und Cannon Street zu sehen.

Folgende Zahlen-Bitte-Folgen bieten weitere Hintergründe und Spezialwissen zur aktuellen Episode:

Vom Stadtplan zur Stadtplanung ist es nur ein kleiner Sprung. Die ersten Versuche gibt es 1666, als in London das große Feuer gewütet hatte und der böhmische Kartograph und Kupferstecher Wenzel Hollar einen Stadtplan mit den verwüsteten Flächen anfertigte. Sein Stadtplan führte dazu, dass die Bürger von London einen ordentlichen Neuaufbau der Innenstadt diskutierten, sich aber nicht auf eine grundlegende Neuordnung einigen konnten.

Mit der U-Bahn entstand schließlich eine neue Art einer Stadtansicht, die gänzlich losgelöst von jeder Topographie sich auf die Fortbewegung in der Stadt konzentriert. Im Jahre 1933 schuf der britische Grafikdesigner und Bahnangestellte Harry Beck eine Karte der Londoner Bahnlinien, auf der nur noch der Verlauf der Themse als Orientierung angedeutet war. Beck orientierte sich dabei an Schaltkreisen, die er für die Elektrotechnik-Abteilung zeichnen musste und vielleicht an Leonardo da Vinci. Nach heftigem Widerstand der Direktion wurde sein U-Bahn-Plan ein durchschlagender Erfolg. Neidlos erklärte später Massimo Vignelli, das seine 1972 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Subway Map eine moderne Adaption der Underground Map von Beck ist.

Das Nachtlinien-Netz der Londoner U-Bahn, nachempfunden nach dem Schema von Beck. Die Beck-Darstellung ist nicht nur optimal lesbar ist, sondern erlangte Kultstatus: Der weltberühmte Netzplan wird auf Tassen, Taschen und soger Kleidung gedruckt.

(Bild: CC BY-SA 4.0, Sameboat)

Glaubt man der Wikipedia, so vermindert sich der Marktanteil gedruckter Stadtpläne seit 2001 Jahr für Jahr um 10 Prozent. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte heißt OpenStreetMap, die freie Online-Karte. Sie wird als Lieblingskind der Neokartografie bezeichnet. Detailansichten können noch existierende Telefonzellen enthalten oder die Namen ermordeter Juden auf den Stolpersteinen im Pflaster. Rings um das Projekt mit freien Daten gibt es eine Community, die sich Gedanken um die Zukunft des Stadtplanes macht. Sicher ist, dass sie eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Städte weg von der autogerechten Stadt spielen werden, wie sie Norman Bel Geddes für die Weltausstellung 1939 konzipierte.

Heraus kommen dann Produkte wie Use-It, freie Stadtpläne für junge Touristen mit Ausgehtipps, die von Einheimischen gepflegt werden, die meistens einen Verein oder eine andere Organisationsform eigens für die Karten gründen. Als Beispiel sei die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen genannt, die die Karte von Aachen unterhält. Viele Use-It-Karten basieren auf OpenStreetMap, bei einigen kommt das Kartenmaterial vom Stadtmarketing, während die Entwicklung der App bei Use-It Europe liegt.

"Kein Plan enthält alle Informationen über das Territorium, das er darstellt. Die Straßenkarte, die wir an der Tankstelle bekommen, mag alle Straßen in einem Staat zeigen, wird aber in der Regel nicht die Breiten- und Längengrade enthalten. Eine geologische Karte wird die Topographie eines Landes zeigen, aber ihr sind die politischen Grenzen egal", postulierte der Systemtheortiker Anatol Rapoport im Jahre 1950 in seinem Werk "Science and the goals of man." In diesem Sinne ist die Entwicklung hilfreicher Pläne für die Orientierung des irrenden Menschen niemals abgeschlossen.

Wie schon Bertolt Brecht in der „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ beschrieb: "Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höhres Streben
Ist ein schöner Zug."

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(mawi)