Zahlen, bitte! Die 18 1⁄2 - Minuten Watergate-Lücke

Die Watergate-Affäre beendete die US-Präsidentschaft Nixons. Eine rätselhafte 18 1/2-Minuten-Lücke in den Aufzeichnungen sorgt bis heute für Spekulationen.

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Von
  • Detlef Borchers

Am 17. Juni 1972 wurden fünf Einbrecher in den Büros der Demokratischen Partei festgenommen, die diese im Watergate genannten Bürokomplex zu Washington gemietet hatte. Der Einbruch hatte Konsequenzen. Bis heute gilt der Watergate-Skandal als größter politischer Skandal, nach dem weitere Vorfälle wie Partygate von Boris Johnson benannt werden.

Wegen Watergate musste US-Präsident Richard Nixon sein Amt aufgeben. Nixon stolperte dabei über die Abhörtechnik, die auf seinen Wunsch hin installiert worden war. Nachdem die Washington Post Tonbandaufzeichnungen der Gespräche mit seinem Stabschef Harry Robbins, oder kurz "Bob", Haldeman vom 23. Juni 1972 veröffentlichte, musste Nixon zurücktreten.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Von den 3400 Stunden aufgezeichneter Gespräche und Telefonate, die das Abhörsystem in zwei Jahren produzierte, fehlen bis heute 18 1⁄2 Minuten eines Gespräches zwischen Nixon und Haldeman, das am 20. Juni 1972 stattfand. Von diesem Gespräch gibt es nur die unvollständigen Notizen, die Haldeman anfertigte. Sie bezeugen, dass man über Watergate sprach.

Der erste US-Präsident, der ein Aufzeichnungssystem im Weißen Haus installieren ließ, war Franklin D. Roosevelt. Sein Nachfolger Harry Truman ergänzte die Technik um versteckte Mikrofone. Unter Dwight D. Eisenhower wurde das Dictabelt-System eingeführt, mit dem auch Telefonate aufgezeichnet werden können.

John F. Kennedy ließ im Weißen Haus Schalter in allen wichtigen Räumen installieren, um die Aufzeichnungen starten und stoppen zu können. Präsident Lyndon B. Johnson erweiterte das System, indem er ein Aufzeichnungsgerät unter seinem Bett installieren ließ. Seine Gespräche mussten sorgfältig editiert werden, da Johnson über ein beachtliches Repertoire an Flüchen und Schimpfworten verfügte.

Richard Nixon beim Schwur auf die Familien-Bibel, während seiner Vereidigung zum 37. US-Präsidenten am 20. Januar 1969.

(Bild: Oliver F. Atkins, White House)

Als Richard Nixon ins Weiße Haus einzog, ließ er die gesamte Aufzeichnungstechnik abbauen. Sein Regierungsstil, sich mit einer kleinen Gruppe von Beratern zu umgeben, sollte nicht dokumentiert werden. Später änderte er seine Meinung und ließ sich vom Secret Service ein System von acht Tonbandmaschinen von Sony TC-800B und Uher 5000 installieren, die mit dem "Akustomat F 411" von Uher ausgestattet waren: Die Geräte starteten die Aufzeichnung automatisch, sobald ein Geräusch registriert wurde: Ein Demo-Video mit einem später gebauten Uher-Tonbandgerät zeigt das Prinzip. Ein neuntes Uher 5000 stand im Büro von Nixons Sekretärin Rose Mary Woods. Es war mit einem Uher-Fußschalter ausgestattet und so konnte das Gerät mit den Funktionen Start, Stopp und Rückspulen als Diktiergerät benutzt werden.

Nur vier Personen und fünf Techniker des Secret Service wussten Bescheid, dass im Weißen Haus mit diesen Tonbandgeräten ein leistungsfähiges Abhörsystem installiert wurde. Im Transkript der allerersten Aufnahme wird Nixon 1971 von seinem Assistenten Alexander Butterfield darüber informiert, wie die "Sprachsteuerung" funktioniert. Ausgerechnet jener Alexander Butterfield war es schließlich, der die Existenz des Systems 1973 in dem Untersuchungsausschuss zum Watergate-Skandal enthüllte. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als Nixon selbst glaubte, den Skandal halbwegs überstanden zu haben. Seine engsten Berater hatten dafür gesorgt, dass alle Spuren verwischt waren, die vom Weißen Haus zu den "Klempnern" führte, die den Watergate-Einbruch durchführten. Die Aussage von Butterfield führte dazu, dass der Sonderermittler Archibald Cox die Tonbänder aus der Tatzeit des Einbruches anforderte.

Der Watergate-Komplex. Hier drangen Einbrecher in das Wahlkampfquartier der Demokraten ein. Zur Überwachung der Maßnahmen nutzten sie das Howard Johnson's Motor Lodge, im Bild das kleine Hochhaus links gegenüber.

(Bild: United States Department of Justice)

Nixon forderte seinen Justizminister Elliot Richardson auf, Cox zu feuern. Der weigerte sich und trat von seinem Amt zurück. Auch sein Stellvertreter weigerte sich und trat zurück. Erst der dritthöchste Beamte gehorchte und feuerte den Ermittler, doch das "Saturday Night Massacre" blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen. Die Zeitungen veröffentlichten empörte Kommentare. Nixons Scheitern war absehbar.

Dennoch legte er Beschwerde ein und machte das Präsidenten-Privileg geltend, Material vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Am 24. Juli 1974 beschloss der Supreme Court der USA einstimmig, dass die Tonbänder dem Senatsausschuss übergeben werden müssen. Am 8. August veröffentlichte die Washington Post das Transkript (PDF-Datei) vom 23. Juni 1972 zum Gespräch 741-002, das unter dem Namen Smoking Gun Tape in die Geschichte eingeht.

In diesem Gespräch teilte Haldeman seinem Chef mit, dass das FBI nicht unter Kontrolle ist und in Sachen Watergate weiter ermittelt. Daraufhin machte Nixon den Vorschlag, den FBI-Direktor anzuweisen, dass man gefälligst nicht weiter zum Watergate-Einbruch ermitteln soll. "Sag ihm, dass wir im Sinne des ganzen Landes wollen, dass sie nicht weitermachen in dem Fall. Und das erledigt die Angelegenheit." Die Sätze erledigten den Präsidenten. Am 9. August verlässt Richard Nixon das weiße Haus, um dem Impeachment-Verfahren zu entgehen.

Das Ehepaar Nixon verlässt am 9. August 1974 das Weiße Haus, kurz bevor der Rücktritt des 37. Präsidenten in Kraft tritt.

(Bild: Oliver F. Atkins, Nixon Presidential Materials Project)

Mit ihm geht seine Sekretärin Rose Mary Woods. Sie hatte dafür die Verantwortung übernommen, dass auf einem Tonband 18 1⁄2 Minuten von jenem Gespräch am 20. Juni 1972 fehlen, als sich Nixon und Haldeman ausweislich der Kurznotiz von Haldeman das erste Mal über Watergate unterhielten. Angeblich passierte ihr das Missgeschick, als sie mit einem Fuß den Fußschalter ihres Uher-Gerätes mit der Funktion Löschen betätigte, während sie ein Telefongespräch entgegennahm. Dabei habe sie etwa fünf Minuten der Aufzeichnung gelöscht, die sie transkribieren sollte. Wie das passieren konnte, wurde später von ihr nachgestellt. Die sportliche, artistische Leistung ging als "Rose Mary Stretch" ebenfalls in die Geschichtsbücher ein. In ihnen fehlen bis heute die gelöschten Minuten.

Im Jahr 2003 scheiterte ein Rekonstruktionsversuch des Tonbandes. Es wird seitdem vakuumiert aufbewahrt in der Hoffnung, dass eines Tages eine Technologie existiert, die gelöschten Minuten zu analysieren. Im Jahr 2009 scheiterte der Versuch, über eine elektrostatische Untersuchung der Notizen von "Bob" Haldeman im Stil der CSI-Fernsehserien zu ermitteln, was da vor 50 Jahren besprochen wurde.

Heute werden die Tonbänder vom Richard Nixon Library and Museum verwahrt und auf einer eigenen Website veröffentlicht. Von den 3000 Stunden an aufgezeichnetem Material macht der Watergate-Komplex nur ein Bruchteil des Materials aus, das noch nicht vollständig transkribiert ist. Der weitaus größte Teil der Aufzeichnungen beschäftigt sich mit der Außenpolitik der USA und besonders mit der China-Reise von Nixon. Das häufigste Wort in den Transkripten ist "unintelligible" -- unverständlich. Niemand hatte sich bei der Installation des Systems die Mühe gemacht, die Qualität der Aufzeichnungen zu kontrollieren.

(mawi)