Zahlen, bitte! Die 23: Auch nicht illuminiert eine spannende Zahl

Maya-Kalender, Illuminaten, Mathematik: Nicht nur Verschwörungstheoretikern liefert die 23 viel Futter. Unser Autor hat einige Nerdfakten zusammengetragen.

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Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Die heutige Ausgabe über Zahlen und ihre verschiedenen Bedeutungen ist nichts für heise-Leser, die unter Duotriophobie leiden. Das ist die Angst vor der Zahl 23. Ihr Gegenteil ist die Duotriomanie, die zwanghafte Vorstellung, in allen Angaben eine 23 zu suchen. Zum Beispiel bei Shakespeare, angeblich an einem 23. April geboren und gestorben. Er war 46 (23+23) Jahre alt, als die King-James-Bibel erschien. Psalm 46 hat als 46. Wort vom Anfang her gezählt "shake" und 46 Worte vom Ende her gezählt "spear". Das kann doch kein Zufall sein!

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Auch mathematisch nüchtern gesehen ist die 23 eine hochinteressante Zahl: Sie ist die erste Primzahl, in der beide Ziffern Primzahlen sind. Sie ist die kleinste Primzahl, die als Summe aufeinanderfolgender Primzahlen dargestellt werden kann (5+7+11). Die 23 ist die kleinste einsame Primzahl und überdies eine träge Eisenstein-Primzahl und eine Fakultätsprimzahl. Sie zählt zur Klasse der fröhlichen Zahlen und ist eine Woodall-Zahl und eine Sophie-Germain-Primzahl. Die 23 ist die kleinste Primzahl, die nicht als Summe zweier Ulam-Zahlen dargestellt werden kann. Beim mathematischen Problem des chinesischen Restsatzes ist die 23 die kleinste positive Lösung.

Am Rande der Mathematik: Als Euklid von Alexandria in seinen "Elementen" die Grundbegriffe der Geometrie aufschrieb, kam er auf 23. Und als David Hilbert im Jahre 1900 in einer berühmten Rede die ungelösten mathematischen Probleme seiner Zeit beschrieb, waren es auch genau 23. Fürs Scrabbeln wiederum ganz nützlich: Ein Gebilde mit 23 Seiten wird Icosakaitrigon genannt.

Unübersichtlich wird es, wenn man sich auf die Denkweisen der Verschwörungstheoretiker einlässt. Was die Zahl 23 für die Illuminaten und daran anschließend für den Hacker Karl Koch bedeutete, wurde bereits im Zahlen, bitte! erklärt. Eine etwas andere Richtung, der Diskordianismus, hält die 23 als Zahldarstellung der diskordianaischen Göttin Eris hoch, eine Absplitterung namens Aktion 23 führt sie sogar im Namen.

Viele Verschwörungstheorien sind durotriomanisch angelegt und rechnen Datumsangaben in vielfacher Weise auf 23 um. So kommt eine ganze Menge zusammen. Das bekannteste Beispiel ist sicher der 11. September 2001 als Datum der Terroranschläge in den USA. Addiert man die Zahlen des Datums, so ergibt sich 23. Das ist für viele "Truther" schon Beweis genug.

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Gelegentlich gibt es über die 23 Missverständnisse. So berichtete der "Spiegel" über eine Umfrage an Hamburger Grundschulen, nach der die 23 die Lieblingszahl der Befragten war. Die Erklärung: das war zur Zeit der Umfrage die Rückennummer des Fußballspielers Rafael van der Vaart, der damals bei HSV spielte. Ähnlich prosaisch verhält es sich beim ersten Learjet, dem Learjet23. Hier bezieht sich die 23 nicht auf eine Version des Fliegers, sondern auf Teil 23 der Regeln der US-amerikanischen Luftfahrtbehörde, die eine Gewichtsobergrenze für kleine Geschäftsflugzeuge vorsah.

Etwas komplizierter liegt der Fall der Wiener Musikzeitschrift 23, die sich von 1932 bis 1937 mit atonaler Musik befasste. 23 verwies auf Paragraph 23 des österreichischen Pressegesetzes, auf den man sich berufen musste, wenn man die Berichtigung falscher Angaben in einem Zeitungsartikel erzwingen wollte. 23 ist aber auch die zentrale "Schicksalszahl" des Komponisten Alban Berg, der zeitweise Herausgeber der Zeitschrift war.

Berg beendete wichtige Kompositionen und schrieb wichtige Briefe immer an einem 23. eines Monats. Seine "Lyrische Suite für Streichquartett" enthält vielfache Anspielungen auf die 23. Als Berg ein Telegramm von seinem Musiker-Kollegen Arnold Schönberg bekam, nahm er die Telegramm-Adresse "Berlin Südende 46" (23+23) für ein gutes Omen. Berg starb in der Nacht vom 23. zum 24. Dezember 1935.

Ein anderer 23. Dezember sollte ein Schicksalstag werden: am 23. Dezember 2012 endete der Maya-Kalender, was einige Endzeitexperten auf die Idee brachte, den Weltuntergang anzukündigen. Doch das Lebbe ging weider, wie es in einem Song heißt, genau wie an jenem 19. Oktober 1533, den der Mathematiker und Theologe Michael Stifel als Datum des Weltunterganges berechnet hatte.

Ähnlich wie die Deuter des Maya-Kalenders hatte der deutsche Mathematiker und Theologe Michael Stifel (1487-1567) Pech mit dem prognostizierten Weltuntergang an einem 23. . Das Ereignis blieb einfach fern.

Bekanntlich leben wir im Jahre 2023. Das ist selbst für die seriöse Tageszeitung äußerst verdächtig. Sie weist darauf hin, dass für dieses Jahr die Gleichung 2023=(2+0+2+3)×(2²+0²+2²+3²)² gilt und das nächste Datum dieser Art erst in 377 Jahren fällig wird.

Originell ist immerhin die Datumsdeutung der Zeitung als Hinweis auf Differenz zwischen den 20 Pfennig für ein Ortsgespräch in der Telefonzelle und 23 Pfennig für ein Gespräch vom häuslichen Telefon aus. Das war irgendwann in grauer Vorzeit, als die Telefone schwarz oder grau waren und die Zellen gelb.

Gestern war übrigens der 23. Januar, auch so ein Datum, das aufgeladen ist: Vor 100 Jahren genehmigte der preußische Kulturminister die Errichtung eines Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt, das später als "Frankfurter Schule" weltberühmt wurde. Am 23. Januar vollendete der Dichter Rainer Maria Rilke sein letztes großes Werk in deutscher Sprache, die "Sonette an Orpheus".

Das könnte man einen Zufall nennen, doch das Datum findet sich unter dem Eintrag "Das 23-Rätsel" im "Lexikon der Verschwörungstheorien" von Robert Anton Wilson, dem Autor von "Illuminatus". Also muss etwas dran sein. "Eine Verschwörung ist die Zusammenarbeit mehrerer Personen unter einheitlicher Zielsetzung und bewusster Ausschaltung fremden oder öffentlichen Einblicks, wodurch ihr Ziel und ihre Identität verborgen bleibt." Nein, das steht nicht in Wilsons Lexikon, das ist die Definition des Bundesnachrichtendienstes. Der muss es schließlich wissen.

(mawi)