Zahlen, bitte! Entschuldigung nach 52 Jahren: IBM und Lynn Conway

Die Informatikern Lynn Conway flog bei IBM als Transsexuelle raus. Sie machte eine zweite Karriere in der IT, eine Entschuldigung von IBM ließ auf sich warten.

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Von
  • Detlef Borchers

Im Rahmen einer Online-Veranstaltung hat sich IBM Ende Oktober bei der Informatikerin Lynn Conway nach 52 Jahren entschuldigt. Der Konzern hatte Conway 1968 fristlos entlassen, als bekannt wurde, dass sie sich als Transsexuelle einer Operation zur endgültigen Geschlechtsumwandlung unterziehen wollte.

Lynn Conway im Juli 2006

(Bild: Charles Rogers, Bild "Lynn Conway, 2006", Lizenz Creative Commons CC BY-SA 2.5)

1969 begann Conway ihre zweite Karriere unter dem Namen Lynn Conway, hielt dabei aber ihre Vita bis 1999 geheim. Ihr Coming Out erfolgte, als Historiker von IBMs Watson Research Center das ACS-Projekt (Advanced Computing Systems) untersuchten. Noch im Jahre 2000 konnte sich aber IBM-Präsident Lou Gerstner nicht dazu durchringen, dass sich das Unternehmen entschuldigt. Lynn Conway, die sich bereits für das Ansehen von Frauen in der IT engagiert hatte, wurde eine prominente Kämpferin für die Rechte von Transsexuellen in der Gesellschaft.

Mit der von 1200 IBM-Mitarbeitern besuchten Online-Veranstaltung "Tech Trailblazer and Transgender Pioneer: Lynn Conway in conversation with Diane Gherson" hat sich IBM bei der Informatikerin Lynn Conway offiziell entschuldigt. Diane Gherson, die Personalchefin des Konzerns, sprach die Entschuldigung aus. Von Conway gibt es einen autobiografischen Bericht, welch drastische Folgen die Kündigung bei IBM für sie hatte. Sie wurde sozial geächtet, ihre Ehe wurde geschieden und sie musste als Informatikerin neu anfangen.

Die 1938 geborene Lynn Conway fühlte sich bereits in früher Jugend als Frau, die im Körper eines Jungen leben musste. In den 50er-Jahren experimentierte sie mit Hormonen, musste aber ihre Versuche abbrechen. Sie arbeitete als Programmiererin in dem ACS-Projekt von IBM und galt als leitende Autorin des Berichtes über "Dynamic Sheduling Instructions" vom Februar 1966.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Conways Leben änderte sich mit einem Schlag, als im November 1966 ein Bericht über die Operation von Transsexuellen in der New York Times erschien. Conway nahm Kontakt zu dem deutschstämmigen Arzt Harry Benjamin auf, der im Artikel erwähnt wurde. Benjamin hatte sich früh in der Weltliga für Sexualreform für die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen engagiert. 1966 veröffentlichte Benjamin das Buch "The Transsexual Phenomenon", in dem er die Veranlagung zur Transsexualität klassifizierte.

Lynn Conway gehörte zu der Kategorie, bei der Benjamin neben der Hormonbehandlung eine Operation befürwortete. Diese fand in Mexiko statt. Das Team im ACS-Projekt von IBM wollte die Frauwerdung geheim halten und sie als neue Mitarbeiterin behalten, doch das Management berichtete an Thomas Watson Jr. – und der sprach die fristlose Kündigung aus. Das ACS sollte der neue Supercomputer der IBM werden, da wollte er keine "Skandalgeschichten" dulden. Aus dem ambitionierten Projekt heraus wurde schließlich die RS/6000 realisiert.

Das die Geschichte von Lynn Conway nicht am Transgender Day of Remembrance erzählt werden muss, verdankt sich der Tatsache, dass Lynn Conway nach einigen Jobs als Programmiererin zum Palo Alto Research Center von Xerox gelangte, das 1970 eröffnet wurde. Hier entwickelte sie zusammen mit Carver Mead die VLSI-Architektur und schrieb mit ihm den 1980 erschienen Klassiker "Introduction to VLSI Systems", der zahlreiche Start-Ups beflügelte.

1989 wurde Conway Professorin an der Universität Michigan und in die National Academy of Engineering aufgenommen. An der Universität entdeckte der Ingenieur Charles Vest eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Als Präsident des Massachussetts Institute of Technology (MIT) versuchte Vest im Jahre 2000 den damaligen IBM-Präsidenten lou Gerstner davon zu überzeugen, sich bei Conway zu entschuldigen, doch dieser lehnte das nach einiger Bedenkzeit ab.

Umso mehr konnte sich Lynn Conway über andere Auszeichnungen freuen. Sie ist eine der Menschen, die auf dem Stonewall of 40 trans heroes steht. Im Jahre 2014 wurde sie vom Time Magazine zur einflussreichsten LGBTQ-Person in der amerikanischen Kultur erklärt. Und nun ist etwas wunderbares passiert: IBM hat sich entschuldigt.

(jk)