Zahlen, bitte! Immer erreichbar über Frequenz 87,340 MHz – das Eurosignal

Noch vor dem Handyzeitalter konnten Reisende mit dem Eurosignal auf einfachstem Wege benachrichtigt werden – über ein Radioempfangsgerät und seltsame Töne.

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Von
  • Markus Will

Menschen jenseits der 30 dürften es noch kennen: Wer als Kind mal am Radio den Knopf für die Sendersuche drehte, empfing um die Frequenz von 87,5 MHz herum seltsame, fast spielerisch anmutende Tonsignale. Das Gedankenkarussell kreiste: War es ein kodierter Polizeifunk? Hörte man Signale eines Geheimdienstes oder gar von Aliens? Die Erklärung der faszinierenden Tonreihe war profaner: Zu hören war das Eurosignal, eine Art analoger Meldedienst.

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Die permanente mobile Erreichbarkeit war in den 1970ern in der Bundesrepublik weitgehend noch Zukunftsmusik. Zwar gab es mit dem 1958 gestarteten A- und dem 1972 eingeführten B-Netz bereits Autotelefonsysteme, aber sie hatten noch mit technischen Einschränkungen zu kämpfen. Und sie waren teuer: Ein A-Netz-Telefon kostete mit Einstiegspreisen von 5000 bis 6000 D-Mark allein mehr als ein VW-Käfer. Aber insbesondere bei Ärzten, Kurieren und Handelsreisenden gab es einen Bedarf, unabhängig vom Standort erreichbar zu sein.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Das Eurosignal-Projekt begann in den 1960er-Jahren, als die CEPT (Kommission der europäischen Post- und Fernmeldeverwaltungen) sich bemühte, einheitliche Standards für ein solches System zu entwickeln. Man stützte sich auf Erfahrungen aus den USA. Auf der CEPT-Konferenz 1967 wurde in Rom eine europaweite Lösung geplant. Die deutsche sowie die französische Post begannen im Jahr 1970 mit der Entwicklung eines gemeinsamen Dienstes. Das System ging in Deutschland als "Europäischer Funkrufdienst" (EFuRD) am 23. April 1974 in Betrieb, Frankreich folgte (als Eurosignal) am 1. Dezember 1975. Die Schweiz zog am 1. September 1985 nach.

Modell Telefunken ES-2 mit entsprechender Staub-Patina. Der tragbare Funkruf-Empfänger wog etwa 700 g, hatte die Abmessung 46 x 129 x 171 mm und konnte mit einem Satz Alkali-Batterien bis zu 50 Stunden in Bereitschaft bleiben. Es ließ sich aber auch mit Netzteil im Auto oder im Haus mit Strom versorgen.

(Bild: CC BY-SA 3.0, Gonzosft)

"Erreichbar" bedeutete in diesem Falle, dass über UKW-Radiosignale spezielle Empfangsgeräte angefunkt wurden. Um einen Teilnehmer zu alarmieren, rief der Absender eine spezielle Telefonnummer an. Je nachdem in welcher Region die Ziel-Person unterwegs war, rief der Absender mit Kontaktwunsch die Nummer der Nord-, Mitte- oder Südzentrale an, gefolgt von der Teilnehmer-Nummer des Empfängergerätes. Wenn es korrekt vom System aufgenommen wurde, ging das Signal unmittelbar über einen UKW-Sender hinaus. Anhand entsprechender Tonfolgen aktivierte sich das Empfangsgerät. Dann machte es meist mit einem Piep und Blinklicht auf sich aufmerksam. Daher wurde der Dienst auch "Europiep" genannt. Was das codierte Signal bewirken sollte, war eine Frage der vorherigen Absprache. Es konnte beispielsweise ein Signal zur Rückkehr zur Zentrale, ein Rückruf in die Firma oder beim Ehepartner sein. Es kam nur darauf an, die Person darauf aufmerksam zu machen.

Ein Empfangsgerät kostete Anfangs 1500 bis 2500 D-Mark und konnte bis zu vier verschiedene Signale verarbeiten. Pro Empfangssignal wurden allerdings 50 D-Mark monatliche Gebühr fällig. Zumeist waren die Geräte in Autos verbaut, sie ließen sich aber auch anders transportieren.

Über folgende Frequenzen wurden die in Europa Signale ausgesendet: (jeweils mit +-4KHz-Toleranz)
Kanal A: 87,340 MHz
Kanal B: 87,365 MHz
Kanal C: 87,390 MHz
Kanal D: 87,415 MHz

In Deutschland wurden Kanal A und B genutzt. Frankreich, alle vier Kanäle. In der Schweiz wurde nur Kanal D verwendet. Zwar waren in ganz Europa entsprechende Strukturen geplant, aber bis auf diese drei Staaten zogen keine weiteren mit. Stattdessen boten andere Länder eigene Lösungen, die zu dem System inkompatibel waren.

Die Funkrufbereiche Westdeutschlands in der Übersicht. Wer sich im Bereich Nord und Süd, sowie Berlin aufhielt, schaltete auf Kanal B. Wer sich in der Mitte aufhielt, schaltete auf Kanal A. Hamburg wurde ebenfalls in Kanal A geführt.

(Bild: Deutschlandgrafik: CC BY-SA 4.0, Lang Constantin, Bearbeitung: heise online)

Das Eurosignal-System sorgte auch für Kritik. Statt Frequenzmodulation setzten die Entwickler auf Amplitudenmodulation, was nahe der Sendeanlagen für Störungen sorgen konnte. Sender in direkter Frequenznachbarschaft konnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Norddeutsche Hörer von NDR 2 mit 87,6 MHz waren manchmal leidgeplagt. Außerdem galt das System als sehr primitiv. Es ließen sich nicht einmal Textnachrichten übermitteln. Dafür war der Empfang dank Radiofrequenz auch auf abgelegenen Orten möglich.

Eine Unterrichtung der Bundesregierung kam 1989 zu einem kritischen Fazit des Marktes (PDF): "Da es keine Normung in diesem Bereich gibt, hat sich der europäische Markt aufgesplittert. Diese Aufsplitterung des Marktes und der fehlende Wettbewerb führten zu unnötig hohen Kosten für die Empfänger."
Empfohlen wurde ein einheitlicher Funkrufdienst und die Öffnung der teilweise durch Telekommonopole geschlossene Märkte. Obwohl sie partiell der gleiche Code verwendeten, waren Eurosignal und andere Systeme nicht miteinander kompatibel. Damit war es nur mit Eurosignal möglich, (gegen Aufpreis) über Ländergrenzen hinweg erreichbar zu sein.

Alternativen wie Cityruf oder Scall sowie die aufkommenden Mobiltelefone setzten dem System zu. Was in den 1970ern noch eine große Hilfe für Reisende war, entwickelte sich in den 1990ern Jahren zum Anachronismus. Folge: Zu Jahresbeginn 1998 stellten Frankreich und die Schweiz den Dienst ein. Am 31. März 1998 zog die Telekom nach und die faszinierenden UKW-Tonreihen waren Geschichte.

Dabei hatte das Eurosignal bereits Eingang in die Popkultur gefunden: Das französische Electro-Duo Air veröffentlichte 1997 auf ihrer EP "Premiers Symtômes" den Track "Les professionnels", der mit einer Europiep-Sequenz beginnt. Und Fans des Eurosignals haben sogar eine Website geschaffen, mit der man einen alten Eurosignal-Empfänger wieder zum Piepen bringen kann. Man benötigt nur einen Rechner und einen UKW-Modulator.

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(mawi)