Zehn Jahre DAB+: Zum Start gleich Sendepause

Vor zehn Jahren begann mit DAB+ das Zeitalter des terrestrischen Digitalradios in Deutschland – bereits zum zweiten Mal. Der Auftakt missglückte.

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(Bild: Hadrian/Shutterstock)

Von
  • Karl-Gerhard Haas

Es schien, als wiederholte sich die Geschichte: Kurz nach dem Start des Digitalradios DAB+ in Deutschland am 1. August 2011 wurden die Sender in Dortmund für vier Tage abgeschaltet. Der neue Rundfunkdienst störte die damals noch analog verbreiteten TV-Bilder in den Kabelnetzen und den ebenfalls analogen Polizeifunk. Das Vorgängersystem DAB (Digital Audio Broadcast) hatte in Deutschland in den 1990ern unter anderem die Bundeswehr torpediert, die Störungen für ihr Radar befürchtete und deshalb auf mickriger Sendeleistung bestand.

Der holprige DAB+-Start ist symptomatisch für Digitalradio in Deutschland. Gleich vier Anläufe versemmelte der selbsternannte Hochtechnologiestandort: die Satellitenradios DSR und ADR und die terrestrischen Formate DAB und DRM. Zählt man noch das primär auf Afrika gerichtete Worldspace dazu, kommt man auf fünf.

Mit DAB+ wollte man diese Pleiten vergessen machen. Der designierte UKW-Nachfolger soll den Hörerinnen und Hörern mehr Programme und beim mobilen Empfang etwa im Auto stabilere Qualität liefern. Die Basis dafür ist vorhanden: Die Sendeleistung konnte man gegenüber dem gescheiterten DAB deutlich erhöhen; während DAB-Empfänger – je nach Modell – über 1000 D-Mark kosteten, gab es DAB+-Radios dank neuer, günstiger ICs schon zum Start unter 100 Euro. Aktuell liegen die günstigsten Geräte im Online-Handel bei 30 Euro.

Helwin Lesch, zu DAB-Zeiten bei der "Bayerischen Medientechnik", einem Gemeinschaftsunternehmen des Bayerischen Rundfunks (BR) und der bayerischen Landeszentrale für neue Medien, nennt im Gespräch mit heise online einen weiteren Webfehler des DAB-Projekts: "Es gab die Forderung, dass die DAB-Verbreitung der von UKW entsprechen solle. Neue Sender waren ausdrücklich nicht gewünscht. Die meisten Konsumenten interessieren sich aber nicht primär für Technik, sondern für die Programme, die sie damit nutzen können. Weshalb sollten sie in neue Geräte investieren, wenn sie damit nur die bereits per UKW empfangbaren Sender hören können?"

Dabei ermöglicht schon DAB und erst recht das nochmal effizientere DAB+ die Verbreitung zusätzlicher Angebote. Lesch: "In München senden 15 Radiostationen über UKW, über DAB+ sind es 70." Allein Leschs Arbeitgeber ist mit acht Hörfunkprogrammen vertreten. "Der Musikgeschmack der Menschen differenziert sich immer mehr aus. Darauf müssen private wie öffentlich-rechtliche Sender reagieren."

Aber interessiert sich das Publikum nach den zahlreichen Fehlstarts und im Zeitalter von Internetradio und Streaming überhaupt noch für klassischen Rundfunk? Laut der in Frankfurt/Main ansässigen GfU (ursprünglich Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik in Deutschland, heute gfu – Consumer & Home Electronics) wurden im ersten Quartal 2021 in Deutschland 398.000 DAB+-Empfänger verkauft, was einem Zuwachs von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der damit erzielte Umsatz betrug in diesem Zeitraum 48 Millionen Euro. In Deutschland seien aktuell über 17 Millionen DAB+-Radios vorhanden – sieben Millionen mehr als im Vorjahr.

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Was geholfen haben wird: Seit Ende 2020 müssen nicht nur neue Autoradios, sondern auch alle anderen Empfänger einen digitalen Sendeweg unterstützen, sofern sie mit Display ausgestattet sind. Damit wird eine UKW-Abschaltung in den nächsten Jahren immer wahrscheinlicher. Aus den meisten Breitbandkabelnetzen ist das analoge Radio längst raus, im von Vodafone übernommenen Ex-Unitymedia-Netz ist im Frühjahr 2023 Schluss mit UKW. Auch das letzte Störfeuer aus Niedersachsen dürfte allen Beteiligten mittlerweile peinlich sein – auf Antrag der FDP forderte der dortige Landtag 2019, die DAB+-Förderung einzustellen.

Rechtlich war dieser Beschluss ohnehin fragwürdig, weil folgenlos, aktuell fordern die Liberalen aus der norddeutschen Tiefebene, ein zweiter DAB+-Multiplex für Privatradios müsse her. BR-Mann Lesch erklärt: "Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) der öffentlich-rechtlichen Sender gesteht uns für die Programmverbreitung einen festen Betrag zu. Das Geld für DAB+ wird zwangsläufig bei UKW eingespart."

Auch Überlegungen, den neuen 5G-Mobilfunk für Hörfunk zu nutzen, betrachtet Lesch skeptisch. "Wir haben bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sehen müssen, wie anfällig das Mobilfunknetz ist. Die Sendemasten für DAB stehen meist auf Bergen, sind also schon deshalb vor Überflutung sicher. Die Sender haben Diesel-Notstromaggregate, die mehrere Tage ohne Strom überbrücken können. Unsere Sender werden nicht übers Internet gesteuert, sind also nach menschlichem Ermessen auch vor Hackern sicher."

Es könnte also nach jahrzehntelangem Hickhack und Gemurkse doch noch etwas werden mit dem Digitalradio in Deutschland. Was sich allerdings kaum erfüllen wird: der Wunsch mancher Nutzer, DAB+ auch per Kabel zu hören. Die meisten Betreiber schalteten erst vor Kurzem in ihren Netzen UKW ab und nötigten ihre Radiokundschaft zum Kauf von DVB-C-Empfängern. Dort sind alle öffentlich-rechtlichen und viele Privatradios vertreten – zwar im betagten MPEG-1/Layer-II-Format, aber mit Bitraten von 256 Kilobit/Sekunde und mehr; viele der ARD-Klassikwellen senden zusätzlich Dolby-Digital-Mehrkanalton. Es ist also schlicht sinnlos, dieselben Programme mit niedriger Bitrate parallel zu verbreiten – zumal die Breitbandkabelanbieter gar nicht genug Bandbreite in ihren Netzen für Internet und Telefon haben können.

(dahe)