Zeit für (k)einen Neuen

Alte Haushaltsgeräte zu verschrotten, solange sie funktionieren, kostet Überwindung, auch wenn moderner Ersatz mit einem Bruchteil an Energie auskommen. Wer neue Geräte kauft, schont die Umwelt. Finanziell profitiert er dabei aber - noch - selten.

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Der folgende Beitrag ist aus dem TR-Sonderheft Nr. 1 "Die Zukunft der Energie" entnommen, das Sie noch immer hier portokostenfrei online bestellen können:

A++ – das klingt nach einer 1 mit Sternchen, der Traumnote aller Schüler, oder nach Triple A, der höchsten Bonitätsklasse im Finanzwesen. Genau dies will die Hausgeräteindustrie ihrer Kundschaft auch signalisieren, wenn sie ihre neuen Kühlund Gefrierschränke mit A++-Aufklebern dekoriert: Diese Geräte sind das Beste vom Besten, mehr Energie sparen geht nicht! Und die Hersteller haben ja Recht, wenn sie diese Ingenieursleistung stolz herausstellen, schließlich ist das Kühlen und Frosten bisher der dickste Posten im Energiemix deutscher Haushalte. Nun hält ein Vorzeigeexemplar aus der Premium-Preislage mit einer Kilowattstunde 170 Liter Milch-Eier-Käse-Gemüse-Fisch-Fleisch-Bier-Obst-Senf-Cola-Kaviar-Sekt-Vorräte volle vier Tage lang frisch. Eine Stunde Kühlen kostet im 21. Jahrhundert nur noch lächerliche 0,2 Cent an Strom: Ein Staubsauger pustet die gleiche Menge Energie in einer halben Minute weg, ein Bügeleisen bekommt damit nicht mal ein halbes Taschentuch glatt.

Energieeffizienz ist das zugkräftigste Verkaufsargument bei "Weißer Ware", wie die Elektrobranche die Großgeräte für Wasch- und Einbauküche nennt. Der Markt ist gesättigt, die Technik so ausgereift, dass spektakuläre neue Funktionen rar sind. Da hört die Kundin, deren alter Kühlschrank den Geist aufgegeben hat, gern des Verkäufers tröstliche Botschaft, der Neue sei sparsamer als das Glühbirnchen, das die Backröhre in Schummerlicht taucht. Ein Alleinstellungsmerkmal ist aber auch "Energieeffizienz A++" nicht mehr: 106 Kühlund Gefriergeräte tragen dieses Gütezeichen, knapp zehn Prozent aller im Handel erhältlichen Modelle. Rund 40 Prozent des Sortiments zählen zur auch schon recht genügsamen Klasse A+. Die andere Hälfte genügt immerhin fast ausnahmslos den Ansprüchen der Kategorie A, die bei Einführung des Klassensystems vor zehn Jahren als Nonplusultra galt. Bei Geschirrspülern und Waschmaschinen ist das weiße A auf grünem Grund aktueller Standard. Selbst bei den Wäschetrocknern – prototypischen Hassobjekten aufrechter Klimaschützer und bisher meist mit B oder gar C markiert – haben die ersten Modelle die Spitze des ÖkoLabel-Alphabets erklommen.

Wer auf die prozentualen Verbesserungen in den Datenblättern schaut, kann durchaus in Versuchung geraten, in Carbon-korrekte Technik zu investieren, denn die weiße Ware ist für knapp die Hälfte unserer privaten Stromrechnung verantwortlich: Einen A-Kühlschrank zu ersetzen durch das beste Doppelplus-Produkt, mindert den Energiebedarf um mehr als 40 Prozent. Mit Einfachplus-Geräten sind 20 bis 25 Prozent möglich. Kräftige Effizienzsprünge gab es auch beim Waschen und Spülen.

Bei nüchterner Betrachtung erweist sich indes, dass viele Hersteller sich die Umweltfreundlichkeit ihrer Top-Produkte so teuer bezahlen lassen, dass viele Verbraucher spontan zur zweitbesten Lösung tendieren: nicht ganz so sparsam im Betrieb, dafür erheblich billiger in der Anschaffung. Anders als bei Energiesparlampen rechnen die Hersteller ihren Kunden aber nicht vor, nach welcher Betriebszeit sich der höhere Preis amortisiert. Das wäre auch schwierig: Ob und wie schnell sich die Investition in der Praxis wirklich auszahlt, hängt stark vom Nutzungsverhalten ab. Die offiziellen Verbrauchswerte in Kilowattstunden sind daher kaum realitätsnäher als die Spritund CO2-Zahlen aus der Autowerbung. Das Einzige, was hilft, ist eine Probe aufs Exempel – und das bedeutet gründliche Nachforschungen im eigenen Haushalt.

Dies kann bei etlichen Hausgeräten ziemlich desillusionierend sein, sogar beim erwähnten Paradebeispiel der Elektroindustrie für Energieeffizienz-Fortschritte. So plagten die Autoren schon länger Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Kühlschranks, der einst als Bestandteil der beim Einzug abgelösten Einbauküche in ihren Besitz gelangt war. Wenn überhaupt ein einzelnes Gerät für die unerfreulich hohe Stromrechnung mitverantwortlich zu machen war, dann war es sicherlich dieses letzte verbliebene Stück der Originalausstattung. Mit Hilfe der E-Nummer, einer Kennziffer auf dem Typenschild, fand die Dame von der Hersteller-Hotline in ihrer Datenbank den Modelljahrgang (1984) sowie einen erschreckenden Stromverbrauch: 274 Kilowattstunden pro Jahr. Das ist doppelt so viel wie heute üblich und dreimal so viel wie bei einer A++-Version. Selbst wenn sich der Gruftie an die Firmenangabe hält, saugt sein Wärmetauscher für mehr als 50 Euro Strom aus dem Netz – oder fünf Prozent der Gesamtstromrechnung der Familie.