Zeitsprung: Das Rennmotorrad Britten V1000

Der Eigenbau eines interessierten Laien inklusive Motor und Fahrwerk stahl in den 90ern den dominierenden Werksteams die Schau und hält bis heute Rekorde.

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Erfolg durch Nonkonformismus: Die Britten machte sehr vieles ganz anders und war fast ohne Serienbauteile überlegen auf der Rennpiste.

(Bild: Britten)

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Die Britten V1000 ist eines der legendärsten Rennmotorräder und war seiner Zeit weit voraus. Es besticht durch unkonventionelle Lösungen, von denen heute einige aus dem Rennsport nicht mehr wegzudenken sind. Was hätte ihr folgen können, wäre ihr genialer Konstrukteur John Britten nicht bereits vor 25 Jahren gestorben.

Beim "Battle of the Twins" in Daytona 1992 stach ein leuchtend Blau und Pink lackiertes Motorrad aus der Masse der Race-Bikes heraus. Es hatte keinen Rahmen, sondern ein Monocoque aus kohlefaser- und kevlarverstärktem Kunststoff, der V2 war als tragendes Element integriert und das Vorderrad wurde von einer Hossack-Gabel geführt. So eine kühne Konstruktion hatte noch kein Hersteller gewagt, sie wirkte wie aus einem Science-Fiction.

Britten V1000 (13 Bilder)

Die Britten V1000 gilt als eines der legendärsten Rennmotorräder. Sie war ihrer Zeit voraus mit einem Monocoque aus Kohlefaserlaminat, das den Motor als tragendes Element aufnahm, und einer Hossack-Gabel.
(Bild: Britten )

Nicht nur die Zuschauer, sondern auch die meisten Teams fragten sich, was das für ein merkwürdiges Motorrad war, dessen V2 sogar die bestimmt nicht leisen Ducatis 888 übertönte. Viele staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, dass die V1000 aus Neuseeland stammte und ein gewisser John Britten sie in seiner Garage konstruiert hatte. Die meisten nahmen das Kiwi-Bike zunächst nicht ernst, doch im Training wich das mitleidige Lächeln fassungslosem Staunen. Die V1000 legte beachtliche Rundenzeiten vor und das seit Jahren sieggewohnte Ducati-Team bekam ein mulmiges Gefühl. Selbst Ducati-Werksfahrer und amtierendem Superbike-Weltmeister Doug Polen dürfte das Kiwi-Bike nicht geheuer gewesen sein.

Im Sattel der Britten saß der Neuseeländer Andrew Stroud, der bereits in der Superbike-WM gefahren war und bei der Entwicklung der V1000 die Testfahrten übernommen hatte. Der V2 war im Training zunächst richtig schnell, doch dann verlor er plötzlich Kühlwasser. Es blieb dem kleinen Britten-Team nichts anderes übrig, als den Kühler zu füllen und zu hoffen, dass das Motorrad im Qualifying durchhalten würde. Stroud musste nach nur zwei Runden den heißgelaufenen Motor abstellen, doch die Zeit reichte trotzdem für Startplatz 12. Das Team nahm sofort den Motor auseinander und entdeckte als Ursache einen Haarriss in der Laufbuchse eines Zylinders. Das benötigte Ersatzteil lag zuhause in Neuseeland. John Britten schweißte mitten in der Nacht die Laufbuchse in der Hoffnung, dass sie das Rennen überstehen würde.

Am nächsten Tag legte Stroud einen guten Start hin und kämpfte sich Runde für Runde durch das Feld. Die V1000 hatte soviel Power, dass sie beim Herausbeschleunigen aus den Kurven regelmäßig das Vorderrad hob und die Konkurrenten mit einem Wheelie überholte. Das Publikum tobte vor Begeisterung und auch John Britten, der das Rennen mit seiner Frau und den drei Kindern verfolgte, hielt es nicht mehr auf seinem Sitz, er sprang jubelnd an der Strecke entlang.

Stroud übernahm schließlich die Führung und ließ die Werks-Ducatis hinter sich. Es sah nach einem sicheren Sieg aus, als ihn kurz vor Schluss ein Elektrik-Problem stoppte. Dennoch hatte sich die Britten V1000 mit diesem furiosen Rennen in den Olymp der Race-Bikes geschossen. Stroud sollte in den folgenden Jahren viermal das Rennen in Daytona auf der V1000 gewinnen. In Assen holte die Britten sich 1992 ihren ersten internationalen Sieg beim "Battle of the Twins", sicherte sich 1995 den WM-Titel bei den BEARS, holte diverse nationale Titel und gewann die Rennen in Daytona von 1995 bis 1999 durchgehend. Außerdem stellte die V1000 bei den FIM World Speed Records 1994 gleich vier Geschwindigkeits-Weltrekorde in ihrer Klasse auf, wovon einer – die fliegende Meile mit 302,705 km/h – bis heute besteht. Auch bei der legendären TT Isle of Man wurde die Britten V1000 mehrfach eingesetzt, unter anderem vom zweifachen TT-Sieger Shaun Harris.

Der 1950 geborene Neuseeländer John Britten aus Christchurch hatte beschlossen, das beste Zweizylinder-Rennmotorrad der Welt bauen. Er war ein bescheidener, fast schüchterner Mensch, der nur im Kreis seiner Familie und Freunde aufblühte. Dass John Britten handwerkliches Talent besaß, bewies er schon mit sechs Jahren, als er ein Go-Kart zusammenbaute, dessen Teile er in der Werkstatt seines Vaters aufgelesen hatte. Als Teenager entdeckte er eine verrottete Indian Scout von 1927 in einer Scheune und restaurierte sie. Er machte sein Ingenieur-Diplom an der Abendschule und baute zunächst in seiner eigenen Manufaktur Glaslampen und Designermöbel, ehe er in das Immobilienunternehmen seines Vaters einstieg. Britten begeisterte sich für viele unterschiedliche Themen, doch seine große Leidenschaft galt den Motorrädern.