Virtual Reality: Zur Videokonferenz mit der Oculus Go

Facebook hat neue VR-Technik angekündigt. Unsere Autorin hat die Vorstellung standesgemäß in der virtuellen Realität verfolgt.

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Zu Besuch auf einem virtuellen Event
Von
  • Rachel Metz

Als Oculus Ende September seine fünfte jährliche VR-Entwicklerkonferenz im kalifornischen San Jose veranstaltete, hatte ich einen Sitz in der ersten Reihe. Also eigentlich nicht wirklich: In der Realität saß ich rund 80 Kilometer entfernt auf dem Sofa in meinem Haus. Doch ich trug eine Oculus Go, das günstigere, kabellose Headset der Facebook-Tochter, mit dem ich an der Veranstaltung per virtueller Realität teilnehmen konnte – mit Hilfe der Oculus-Venues-App.

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In meinem Headset sah es so aus, als wäre ich in einem abgedunkelten Kino, umringt von vielen anderen virtuellen Teilnehmern, von denen alle Mark Zuckerberg ansahen, den Chef von Facebook – und dessen Mitarbeiter, die präsentierten, was es Neues gibt im VR-Bereich.

Oculus verspricht seit langem, dass VR die Menschen zusammenbringen wird und sie nicht isolieren soll. Dennoch hat sich die Technik bislang nicht breit im Markt durchsetzen können – schon gar nicht für soziale Interaktionen. Die Chancen stehen gut, dass die meisten meiner Freunde kein VR-Headset besitzen, entsprechend schwer ist es schon mal, mit passenden Leuten in der virtuellen Realität abzuhängen. Nur in seltenen Fällen sorgen VR-Apps dafür, dass man sich in Gemeinschaft mit anderen Personen fühlt.

Veranstaltungen, Konzerte oder Filme könnten hier eine Ausnahme bilden – zumindest ist es einfacher, solche Events im virtuellen Raum zu imitieren. Das Event von meinem Sofa aus zu verfolgen war dementsprechend auch ein Experiment. Ich hielt einen Oculus-Go-Controller in meiner Hand, die andere war mit VR-tauglichen Snacks (Popcorn und Gummibären) gefüllt. Würde es sich ähnlich spannend anfühlen wie eine echte Großveranstaltung? Vier Stunden Autofahrt hatte ich mir so erspart, entsprechend hoffte ich darauf, dass die Antwort "ja" lauten würde.

Es gab zwei Optionen, die Veranstaltung in VR zu verfolgen: Direkt "privat" oder umgeben von Avataren anderer Leute, die das Event ebenfalls durch ihre Brille betrachteten. Ich wählte die letztere Option und entschied mich für eine Figur mit grünem Haar und grünem Schnurrbart. Das VR-Event war gut besucht. Es gab einige Dutzend zumeist männlich aussehende Avatare im Comic-Look – Kopf und Torso schwebten über virtuellen Sitzen. Hände hatten sie jeweils nur eine, denn Oculus Go und das Konkurrenzgerät Samsung Gear VR unterstützen derzeit nur einzelne Controller. Jedes Avatar trug eine Art Brille – Oculus arbeitet aber daran, die Figuren realistischer zu gestalten, so dass sie blinzeln und ihren Mund bewegen können.

Schritt für Schritt erfolgten die Produktankündigungen. Besonders spannend war das neue Headset namens Oculus Quest. Es soll ab nächstem Frühjahr zum Preis von 400 US-Dollar mit Handcontrollern erscheinen und eine Standalone-Version des bekannten Rift-Headsets werden, mit dem High-End-VR-Darstellungen möglich sind. Dessen wichtigster Nachteil ist bisher, dass man das Headset mit einem teuren und leistungsstarken PC verbinden muss – per Kabel.

Obwohl die Auflösung von Zuckerberg und den anderen Sprechern nicht so gut war wie in der Realität, war sie doch ordentlich. Das Video streamte weitgehend ohne Stottern, es kam nur nach anderthalb Stunden zu einem kurzen Ausfall. So nah an der Bühne "zu sitzen" war ebenfalls gut, es wirkte realitätsnaher als vor einem Laptop oder Fernseher. Ergo: Man fühlte sich dem Sprecher physisch näher als bei einem normalen Livestream.

Mir wurde außerdem schnell klar, dass ich neben einem Online-Bekannten saß (besser: schwebte), einem anderen Journalisten, der sich entschlossen hatte, der Veranstaltung virtuell beizuwohnen. Es kam ansonsten selten vor, dass ich bekannte virtuelle Gesichter sah; wir sagten Hallo und unterhielten und kurz sehr nett.

Was dagegen nicht so gut funktionierte, war die Rezeption des Tons von der Bühne. Die virtuelle Menge neigte nämlich zu lautem Atem, Räuspern und zufälligen Kommentaren. Ich konnte zwar einzelne Personen in der Menge stummschalten, doch es war unmöglich, aufgrund der vielen VR-Anwesenden zu sehen, wer sich jeweils nicht ruhig verhielt. Die virtuellen Münder bewegten sich schließlich nicht. Alle um mich herum klangen sehr laut und es gab offenbar auch keine Möglichkeit, ein kurzes "Psscht!" an den Nachbarn oder die Nachbarin zu senden.

Ich entschloss mich daher, zwischen dem privaten und öffentlichen Modus zu wechseln. Das Problem: Jedes Mal, wenn ich in den öffentlichen Raum zurückkehrte, landete ich auf einem neuen Sitzplatz. Schließlich entschied ich, den Ton der VR-Zuschauer komplett abzudrehen, damit ich mich auf die Veranstaltung konzentrieren konnte.

Dann erfuhr ich etwas, was mich leicht ärgerte: Die Menge, die in San Jose vor Ort war, durfte das neue Quest-Headset gleich ausprobieren. Noch ein Nachteil, einem Event per VR beizuwohnen – neue Hardware kann man so nicht testen.

Ich war nicht die einzige enttäuschte Person. "Ich hätte die Technik gerne ausprobiert", sagte jemand neben mir. "Warum geht das nicht in VR", sprach ein anderer.

Ein weiteres Problem: Der liebe Akku. Nach gut einer Stunde gab mein Headset bekannt, dass die Batterie fast alle sei. Mir fehlte ein passendes langes Kabel, entsprechend musste ich den Rest der Veranstaltung vom Fußboden aus direkt neben der Steckdose verfolgen – und zwar nahezu unbeweglich.

Schlimmer noch: Ich bekam Augenschmerzen und der Kopf tat mir weh. Ich verbringe normalerweise nicht länger als 20 Minuten im virtuellen Raum. Eine 90 Minuten lange Präsentation wurde da zum Marathon.

Unwohl fühlte ich mich bereits nach gut 30 Minuten und ich musste zwischendurch Pausen machen und das Headset anheben, um die reale Umgebung hineinzulassen.

Nach dem Ende der Veranstaltung hatte ich die Gelegenheit, mit Nutzern zu sprechen, die dem Event genauso in VR gefolgt waren wie ich. Einer der von, ein texanischer Rentner namens Howard Warren, fand den VR-Auftritt großartig. Er habe sich sein Oculus-Go-Headset erst vor kaum einer Woche gekauft, um virtuelle Reisen unternehmen zu können.

Er selbst sitzt im Rollstuhl und ist auf eine Dialyse angewiesen, was seine Mobilität einschränkt. Die Oculus-Veranstaltung war schon sein zweites großes VR-Event, zuvor sah er sich einen "Twilight"-Film in VR an, was eine coole Gruppenerfahrung gewesen sei. "Die Möglichkeit, mich virtuell an Orte zu begeben, ist für mich eine große Sache."

Warren könnte nicht der einzige VR-Event-Fan bleiben, wenn es Oculus gelingt, die Technik zu verbessern und billiger zu machen. Das Quest-Headset könnte hier helfen. "Wir bewegen uns zunehmend in ein Szenario, bei dem wir uns zwischen physischer und digitaler Welt hin und her bewegen können", sagte Zuckerberg. Ganz soweit sind wir dann aber heute noch nicht.

(bsc)