Zukunft der Smartphones: Bitkom-Branchenexperte im c’t-Interview

Huawei unter Druck – Oppo, Vivo und Xiaomi auf dem Sprung. Was das für den Markt bedeutet und wieso AR-Brillen wichtig werden, erläutert Sebastian Klöß.

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Corona-Warn-App

Die Handy-App zur Eindämmung des Coronavirus in Deutschland läuft nach Einschätzung von Experten nicht auf jedem Smartphone.

(Bild: dpa, Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Von
  • Robin Brand

Sebastian Klöß verantwortet beim Branchenverband Bitkom die Studie "Die Zukunft der Consumer Technology". Im c’t-Interview wagt er einen Blick auf die Zukunft der Smartphones – und auf ihr Ende.

c’t: Herr Klöß, derzeit scheint ein neuer chinesischer Smartphone-Hersteller nach dem anderen den europäischen Markt zu betreten, Huawei ist durch ein US-Embargo aber stark unter Druck. Der Markt insgesamt befindet sich durch 5G und faltbare Displays im Wandel. Wer wird in fünf Jahren der größte Smartphone-Hersteller sein?

Sebastian Klöß: Es gibt große Player, die seit Jahren sehr stark sind. Und ich glaube, diese wird es in den nächsten Jahren auch weiterhin geben. Es werden vermutlich aber auch Player auftauchen, die wir jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben.

Dr. Sebastian Klöß leitet beim Bitkom die Studie "Die Zukunft der Consumer Technology".

c’t: Mit dem Kern, der erhalten bleiben wird, sind sicherlich Apple und Samsung gemeint. Zählen Sie auch Huawei dazu?

Sebastian Klöß: Huawei ist durch das US-Embargo natürlich ein besonderer Fall. Das lässt sich relativ schwer abschätzen, weil es so etwas im Smartphone-Markt und generell im Bereich Consumer Technology noch nicht gab. Das heißt, wenn die Embargo-Auflagen bleiben, wird es für Huawei weiterhin schwierig sein, auf dem weltweiten Markt zu agieren.

c’t: Die bisherigen Äußerungen der Biden-Administration lassen nicht unbedingt auf eine baldige Rücknahme des Embargos schließen.

Sebastian Klöß: Es ist noch zu früh, um zu sagen, wie es weitergehen wird. Aber auch unter der alten Administration haben sowohl Republikaner als auch Demokraten Huawei sehr kritisch gesehen. Diese kritischen Töne sind durch den Präsidentenwechsel nicht komplett verschwunden, aber ich glaube schon, dass die Karten neu gemischt werden und die Entwicklung offener ist. Ich denke, in etwa einem Jahr wird man genauer sagen können, ob die USA sich in Richtung Huawei öffnen werden.

c’t: Huawei hat mit dem Verkauf von Honor reagiert und bringt seine Smartphones in Europa teilweise in stark limitierter Stückzahl auf den Markt. Wie lange kann der Konzern das durchhalten?

Sebastian Klöß: Es ist schwierig, wenn man keinen Zugang zu den zwei dominierenden Smartphone-Ökosystemen hat. Und das ist die Schwierigkeit, die in den nächsten Jahren bleiben wird.

c’t: Angenommen, Huawei erhält wieder Zugang zu Google-Diensten. Kann das Unternehmen überhaupt das Vertrauen zurückgewinnen?

Sebastian Klöß: Für immer verloren ist es nicht. Ich glaube, es ist ein aktuelles, praktisches Problem. Wenn man keinen Zugriff auf Anwendungen hat, die in der Smartphone-Welt extrem wichtig sind, ist das für Nutzerinnen und Nutzer schwierig. Wenn diese Funktionen wieder da sind, kehren die Leute auch zurück.

c’t: Dennoch profitieren derzeit neue, aufstrebende chinesische Hersteller von Huaweis Schwäche. Ob Oppo, Vivo oder Xiaomi: Alle treten selbstbewusst auf, verkünden einen Verkaufsrekord nach dem anderen. Was sind das für Konzerne?

Sebastian Klöß: Wenn wir auf die Hersteller hinter den Marken schauen, sind es eigentlich zwei große Player. BBK Electronics mit Oppo, Vivo, Realme und OnePlus auf der einen, Xiaomi auf der anderen Seite. Beide haben in China große Wirtschaftsmacht und entsprechend großes technisches Know-how, mit dem sie im deutschen Markt für eine große Dynamik gesorgt haben.

c’t: Oppo, Vivo und OnePlus betonen gerne ihre Unabhängigkeit voneinander. Wie viel davon ist Realität?

Sebastian Klöß: Es gibt schon eine Eigenständigkeit, was Markenphilosophien oder einzelne Gerätefeatures betrifft. Aber sie haben denselben großen Mutterkonzern im Hintergrund.

c’t: Worauf achten die Konsumenten bei der Auswahl eines Smartphones besonders?

Sebastian Klöß: Auf der einen Seite sind es Innovationen, auf der anderen Seite die Basics. Nach unserer aktuellen Nutzerbefragung sind bruchsicheres Display, Bildschirm- und Verarbeitungsqualität sowie Akkulaufzeit die wichtigsten Kriterien vor dem Kauf. Das heißt, die Basics muss man beherrschen, der Rest kommt on top. Auch die Kamera bleibt die nächsten Jahre wichtig, aber ich glaube nicht, dass es noch eine Linse mehr wird. Da dürfte das Ende der Fahnenstange erreicht sein.

c’t: Die Innovation Faltdisplay hat allerdings einen Stotterstart hingelegt.

Sebastian Klöß: Faltdisplays halte ich nach wie vor für spannend, wenn auch die Entwicklung nicht ganz so schnell voranging, wie man vielleicht vor zwei Jahren noch gedacht hat. Die technischen Hürden sind doch höher als gedacht. Aber bei unserer Befragung haben knapp 30 Prozent ein faltbares Display für ihr nächstes Smartphone als wichtig oder sehr wichtig eingestuft. Das heißt, da liegt eine ganze Menge Potenzial.

c’t: Welche neuen Trends zeichnen sich ab?

Sebastian Klöß: Ich sehe großes Potenzial in dem ganzen Komplex um Augmented Reality. LiDAR-Sensoren, die derzeit nur vereinzelt in Top-Handys zu finden sind, werden nach und nach auch in die Mittelklasse schwappen, sodass AR-Anwendungen noch besser, präziser und schneller werden.

Faltbare Displays, 5G und LiDAR-Sensoren: Smartphones machen mal wieder eine rasante Entwicklung durch – und könnten dennoch bald obsolet sein, glaubt der Experte Sebastian Klöß.

c’t: Bisher sieht man davon wenig.

Sebastian Klöß: Im Businessbereich spielt AR schon eine große Rolle für Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder Fernwartung. Im Consumer-Bereich sieht man davon jenseits von Pokémon Go und Facefiltern relativ wenig, obwohl viele zum Beispiel mit der Maßband-App AR-Anwendungen heute schon nutzen. Das Smartphone wird leistungsfähiger für AR, wie man schon an einzelnen Anwendungen wie Tagesschau oder Kochhilfen in AR sieht. Außerdem kann es als Prozessorunit, als Powerhouse für AR-Brillen dienen. Und dann bin ich gespannt, wann es wirklich so weit sein wird, dass die Datenbrillen die Smartphones angreifen, weil man so viel Rechenleistung in der Brille hat, dass man gar kein Smartphone mehr braucht.

c’t: Wie wichtig ist hierfür ein flächendeckendes 5G-Netz?

Sebastian Klöß: Das wäre so ein Anwendungsfall, wo sich 5G dann bezahlt machen würde im Consumer-Bereich. Eine Brille ist einfach in ihrer Größe und damit in der Rechenleistung und Akkukapazität beschränkt. Wenn man die ganze Rechenleistung auslagern kann und nur noch per 5G mit geringer Latenz auf die Brille streamt, ist das eine riesige Chance.

c’t: Wenn Sie eine optimistische Prognose wagen: Wann ist das Smartphone obsolet?

Sebastian Klöß: Wenn es gut läuft, kann ich mir vorstellen, dass sich in fünf Jahren schon viel verändert hat. Gerade im laufenden Jahr kommen ja die ersten AR-Brillen in den Consumer-Bereich. Ich denke, in den nächsten zwei, drei Jahren wird es ein breiteres Angebot geben.

c’t: Also hätten wir nicht nach dem größten Smartphone-, sondern nach dem größten Brillenhersteller in fünf Jahren fragen müssen.

Sebastian Klöß: Das ist spannend, aber gerade von großen Smartphone-Herstellern wird erwartet, dass sie hinsichtlich AR-Brillen einiges tun werden.

c’t: Und Apple gibt wieder den entscheidenden Impuls?

Sebastian Klöß: Auf Apple schaut die ganze AR-/VR-Branche mit großen Erwartungen und Hoffnungen. Eine Apple-AR-Brille würde der Technik ganz neuen Schwung verleihen.

c’t: Über die Apple-Brille wird seit Jahren spekuliert. Auch in diesem Jahr rechnen einige mit ihrer Vorstellung. Wann kommt sie denn nun?

Sebastian Klöß: Nach allem, was ich gehört habe, glaube ich, nicht in diesem Jahr. Aber ich gehe fest davon aus, dass Apple und andere Hersteller in absehbarer Zeit gute und alltagstaugliche Brillen zeigen werden.

c’t: Neben Apple sorgen vor allem asiatische Hersteller für Innovation. Wo ist der Raum für europäische Unternehmen?

Sebastian Klöß: Es ist ein schwieriger Markt und in der Vergangenheit haben sich europäische Hersteller schwergetan. Die große Herausforderung beim Smartphone ist: Das Gesamtpaket aus Kamera, Leistung und Preis muss stimmen. Nachhaltigkeit wird wichtiger, das sehen wir auch immer wieder in unseren Umfragen. Man kann sich als besonders nachhaltig oder besonders sicher in Sachen Datenschutz positionieren. Das wären Alleinstellungsmerkmale, mit denen europäische Unternehmen eine Chance hätten. Aber nur dann, wenn das Gesamtpaket stimmt.

c’t: In anderen Worten: Die wenigsten sind bereit, 200 Euro Aufpreis für ein nachhaltiges Smartphone zu bezahlen?

Sebastian Klöß: Das hat die Erfahrung bislang gelehrt.

c’t Ausgabe 10/2021

Wir haben unser Notfallsystem c't-WIMage neu aufgelegt. Außerdem erfahren Sie in c’t 10/2021, wie Sie die Selbstheilung von Windows nutzen, Ihre Fritzbox absichern und wer beim Linux-Kernel mitredet. Wir haben Oberklasse-Notebooks, -Handys und Gaming-Mäuse getestet und erläutern die Grundlagen von Flash-Speichern, Ethereum und NFTs. Ausgabe 10/2021 ist ab dem 23. April im Heise-Shop und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk erhältlich.

(rbr)