Zum Welttag des Radios: Der Rundfunk ist tot, es lebe der Rundfunk!

Am 13. Februar 2022 begeht die Unesco zum elften Mal den Welttag des Radios. Ist dieses Medium wirklich noch relevant – oder haben andere es längst abgelöst?

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Ein "Radiola"-Radio

(Bild: CemoLmages/Shutterstock.com)

Von
  • Karl-Gerhard Haas

Technisch betrachtet ist die Sache klar: Der Teil des Äthers aus den Pioniertagen des Radios, also das Lang-, Mittel- und Kurzwellenband, sind bei Veranstaltern wie Hörern kaum mehr gefragt – und das in den meisten Teilen der Welt. Das Abschalten der tausende Kilometer weit reichenden Sender begann mit dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges und beschleunigte sich seit der Jahrtausendwende mit dem weltweiten Auf- und Ausbau schneller Internetzugänge. Mit diesen – und stetig sinkenden Serverkosten – wurde gleichzeitig Internetradio populär: Damit sind sowohl die Webstreams der etablierten öffentlich-rechtlichen, staatlichen wie privaten Rundfunksender dieser Welt gemeint als auch neue kommerzielle wie Hobbyistenkanäle, die ausschließlich übers Internet zu empfangen sind.

Die vielfach totgesagte und in einigen europäischen Ländern tatsächlich abgeschaltete Ultrakurzwelle hält sich in Deutschland wacker, der digitale Nachfolger DAB+ gewinnt aber Marktanteile; Sendernetz wie Angebot wachsen hierzulande. Schließlich sind in den meisten Ländern der Welt hunderte Radioprogramme über Breitbandkabel und Satellit zu empfangen.

Daneben existieren Podcasts und andere, nach Lust und Laune abrufbare Audiobeiträge sowie Musikstreamingdienste wie Spotify. Sie spulen nicht ein definiertes Programm ab, sondern präsentieren den Hörern und Hörerinnen ein auf ihren Geschmack abgestimmtes, individuelles Angebot – wer Helene Fischer mag, kann den ganzen Tag außer Puste sein.

Mit dem Welttag des Radios ("World Radio Day") will die Unesco (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) diese Vielfalt ins Bewusstsein des Publikums bringen. Anlass für den Termin ist die Gründung des Radios der Vereinten Nationen an diesem Datum im Jahr 1946. Zum Gedenktag legt die Unesco jeweils eines oder mehrere Themen fest, zu denen sie interessierten Radiosendern Material zur Verfügung stellt – im Jahr 2022 sind dies

  • Glaubwürdigkeit des Radio-Journalismus
  • Vertrauen und (barrierefreier) Zugang
  • Wirtschaftliche Überlebensfähigkeit von Radioangeboten

Man sieht schon: Das sind Themen, die sich in erster Linie an Macher richten, die ehrenamtlich ein Programm erstellen oder in den Ländern dieser Welt arbeiten, wo es um Meinungsfreiheit nicht übermäßig gut bestellt ist. Im Heimatland von heise online wird zwar über Radiomacher, deren Relevanz und Finanzierung debattiert, ebenso über deren Arbeit – aber nicht über die grundsätzliche Bedeutung des Mediums.

Laut der letzten Media-Analyse des Branchenverbands AGMA ist Radio mit knapp 75 Prozent täglicher Nutzung das populärste Medium Deutschlands. Dabei liegt die Tagesreichweite unter der Woche bei mehr als 53 Millionen Menschen; die tägliche Verweildauer bei über vier Stunden. Die deutschen Landesmedienanstalten konstatieren in ihrem Digitalisierungsbericht 2021 für 92 Prozent aller Haushalte in Deutschland mindestens eine Radio-Empfangsmöglichkeit, wovon 45 Prozent der Geräte auch digital empfangen können. Mehr als 46 Millionen Menschen in Deutschland nutzen die digitale Verbreitung – zu dieser Gruppe zählen auch Webradio-Nutzer. Diese Zahlen belegen: Die Technik, um Wort und Musik in die Welt zu übertragen, wandelt sich stetig – die Art der Kommunikation bleibt aber aktuell.

An der technischen Diversifikation ist auch nichts Beklagenswertes – im Gegenteil: Sie hilft, Informationen in Länder zu bringen, in denen man von objektiver, unabhängiger Berichterstattung nur träumen kann. Zu Zeiten des Kalten Krieges funkten westliche Länder auf Mittel-, Kurz- und Langwelle gen Osten. Genauso eifrig störten die dortigen Machthaber aber die Programme des sogenannten "Klassenfeindes".

Ähnliches berichtet im Gespräch mit Heise Online Christoph Jumpelt, Pressesprecher bei der in Bonn beheimateten Deutschen Welle, aus Äthiopien: "Unsere dorthin gerichteten Kurzwellenprogramme wurden in der Vergangenheit gestört."

Grundsätzlich ist die Technik für Auslandssender nach wie vor interessant. Jumpelt: "In der Sub-Sahara ist die Internetabdeckung schlecht – dort erreichen wir unsere Hörer per klassischem Rundfunk. Im September 2021 erweiterten wir zudem unser Kurzwellenangebot für Afghanistan." In besser mit Internet versorgten Gebieten verbreiten nicht nur die Audio- und Videostreams des Hauses dessen Programm. "In Afrika ist für viele Menschen Facebook gleichbedeutend mit dem Internet. Deswegen sind wir auch auf dieser Plattform mit unserem Angebot präsent."

Im Inland stehen die Sender vor anderen technischen Überlegungen. Nach dem zähen, holprigen Start nimmt DAB+ auch in Deutschland Fahrt auf. Roland Stehle, Sprecher der in Frankfurt/Main ansässigen GfU (ursprünglich Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik in Deutschland, heute gfu – Consumer & Home Electronics): "DAB+ als digitaler Verbreitungsstandard ganz ohne Internetverbindung ermöglicht eine kostenfreie Nutzung von Radioprogrammen in digitaler Qualität und ohne jegliche Volumenbegrenzung." Dem ist wohl so – aber mit der Verbreitung von Smartphones und netzwerkfähigen Empfangsgeräten werden Internetradio und Streamingdienste auch für traditionelle Broadcaster immer wichtiger.

Kabel und insbesondere Satellit scheinen für die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender hingegen zum Auslaufmodell zu werden. Als die ARD den 2005 mit großem Tamtam eingeweihten eigenen Satellitentransponder für ihre Radioprogramme Ende 2021 leise abschaltete (jetzt sendet sie die Radioprogramme auf den vorhandenen TV-Kanälen im neueren, aber mit Altgeräten nicht kompatiblen AAC), blieb die Entrüstung aus.

Wie also wird sich die Audio-Einbahnkommunikation entwickeln? Wie alle anderen Medien auch. Sie wird für Macher wie Nutzer zugänglicher und vielseitiger. Zu den Zeiten des klassischen Radios bedurfte es – umgerechnet – mehrere tausend Euro teurer Ausrüstung, um einen einfachen Wortbeitrag aufnehmen, schneiden und mischen zu können – heutzutage reichen dazu Smartphone oder ein Standard-PC. Einen Rundfunksender gar zu betreiben war allein wegen der Stromkosten und der wenigen verfügbaren Frequenzen ein ebenso teures wie streng reglementiertes Unterfangen. Allein schon die technische Reichweite der Sender verhinderte in vielen Fällen, dass Bürger eines Landes Zugang zu Perspektiven aus dem Rest der Welt hatten.

Mit den einfacheren Möglichkeiten, selbst Radio zu machen, entwickeln sich auch Musikgeschmack und Interessenlagen immer kleinteiliger. Und es ist technisch und finanziell kein Problem mehr, diese Nischen auch zu bedienen – ob als Hobby oder um damit Geld zu verdienen. Für die etablierten Radiomacher – egal, ob öffentlich-rechtlich oder privat – bedeutet dies neue Konkurrenz, aber auch neue Chancen. Was die Verbreitungswege angeht: Eine gesetzlich verordnete UKW-Abschaltung ist in Deutschland wohl endgültig vom Tisch – aber mehr und mehr Sender engagieren sich bei DAB+ und werden mittelfristig ihre UKW-Türme wohl abschalten.

Korrektur: Durch ein Missverständnis entstand der Eindruck, die Störung der Deutschen Welle in Äthiopien sei ein aktuelles Problem. Das ist nicht mehr der Fall; wir haben die betreffende Stelle angepasst.

(bme)