Zwei gegen Siemens

Braucht man nicht, gibt es schon, können wir besser – so waren die Reaktionen, als das Erlanger Start-up Advanova seine digitale Patientenakte vorstellte. Mittlerweile konkurriert es mit den Größen der Branche.

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Braucht man nicht, gibt es schon, können wir besser – so waren die Reaktionen, als das Erlanger Start-up Advanova seine digitale Patientenakte vorstellte. Mittlerweile konkurriert es mit den Größen der Branche.

Frank Hemer wusste von Anfang an, dass aus seiner Diplomarbeit ein Produkt werden soll. 2005 entwickelte er als Informatikstudent eine digitale Patientenakte, um die Papierversion in den Krankenhäusern zu ersetzen. Denn sie hat ein paar lästige Eigenschaften: Die auch Papierkurven genannten Akten werden immer wieder verlegt, die handschriftlichen Einträge sind oft schlecht lesbar, Ärzte und Pfleger können sie nicht gleichzeitig einsehen. Hemers Idee war an sich nicht neu, doch die existierenden Angebote großer Krankenhaus-IT-Anbieter wie Siemens, Agfa und Meierhofer hatten ihn nicht überzeugt. Das muss besser gehen, sagte er sich. Er kannte sich mit dem Thema aus, denn vor der Informatik hatte er Medizin studiert. „Ich hatte nach sechs Monaten einen Prototyp, den man guten Gewissens vorzeigen konnte. Er war viel zu schade, ihn einfach nur in die Ecke zu stellen“, sagt Hemer. Und er war bereit, für seine Überzeugung Durststrecken in Kauf zu nehmen.

Das Durchhalten hat sich gelohnt. Heute ist Hemer einer von zwei Geschäftsführern des Erlanger Start-ups Advanova, das er gemeinsam mit Bastian Bleisinger gegründet hat. Ihre Software „VMobil“ ist seit Ende 2012 am Markt, Anfang 2013 bekamen sie vom High-Tech-Gründerfonds 500000 Euro Förderung. Zudem ist das Uniklinikum Erlangen zahlender Kunde, das System läuft auf sieben Stationen in der Frauen- und der Kinderklinik. „Wir sind dabei, mit drei weiteren Kliniken Pilotvereinbarungen zu treffen. Mit etwa sechzig weiteren sind wir im Gespräch“, bilanziert Bleisinger. Auf der „Connecting Healthcare IT“ Anfang April in Berlin, der Leitmesse für Medizinsoftware, sei der Advanova-Stand überrannt worden.

Wer dagegen alles andere als begeistert ist, sind die Großen des Geschäfts. „Die fürchten den Wettbewerb wie der Teufel das Weihwasser“, sagt Bleisinger. Sie versuchen, den Markt zu sichern, indem sie Daten nur in wenigen Fällen mit anderen teilen wollen.“ Sie lassen sich das Einlesen aus anderen Systemen oder das Exportieren in diese von den Krankenhäusern sehr gut bezahlen. Dabei sei das technisch bei Weitem nicht so anspruchsvoll, wie sie behaupten, sekundiert Hemer. Und wer bereits über ein Verwaltungssystem verfügt, dem drohen sie teilweise mit Garantieverlust, wenn die Klinik die Akten aus dem System exportiert – als gehörten die Daten nicht der Klinik.

Die Krankenhäuser wiederum sind schwer zum Wechseln zu bewegen, weil sie ihre mehrere Millionen teuren Plattformen so lange wie möglich nutzen wollen – auch wenn die mobilen Lösungen nicht gut funktionieren. So zeigen viele nur Daten an, erlauben aber fast keine Eingaben. Oder die Datenübernahme aus anderen Systemen läuft nicht so reibungslos wie versprochen. Bleisinger dagegen versichert: „Unsere Daten können Sie in jedes System exportieren und aus jedem anderen welche importieren.“ Für potenzielle Kunden ist das zunächst nur ein Versprechen. Der Erfolg der Erlanger wird davon abhängen, dass sie es stets einlösen können. Gerade wenn Kliniken schlechte Erfahrungen gemacht haben, hat es Advanova schwer. „Wir sind da schon als Missionar unterwegs“, sagt Bleisinger. (vsz)