Zwei gegen Siemens

Braucht man nicht, gibt es schon, können wir besser – so waren die Reaktionen, als das Erlanger Start-up Advanova seine digitale Patientenakte vorstellte. Mittlerweile konkurriert es mit den Größen der Branche.

Lesezeit: 7 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 6 Beiträge
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Braucht man nicht, gibt es schon, können wir besser – so waren die Reaktionen, als das Erlanger Start-up Advanova seine digitale Patientenakte vorstellte. Mittlerweile konkurriert es mit den Größen der Branche.

Frank Hemer wusste von Anfang an, dass aus seiner Diplomarbeit ein Produkt werden soll. 2005 entwickelte er als Informatikstudent eine digitale Patientenakte, um die Papierversion in den Krankenhäusern zu ersetzen. Denn sie hat ein paar lästige Eigenschaften: Die auch Papierkurven genannten Akten werden immer wieder verlegt, die handschriftlichen Einträge sind oft schlecht lesbar, Ärzte und Pfleger können sie nicht gleichzeitig einsehen. Hemers Idee war an sich nicht neu, doch die existierenden Angebote großer Krankenhaus-IT-Anbieter wie Siemens, Agfa und Meierhofer hatten ihn nicht überzeugt. Das muss besser gehen, sagte er sich. Er kannte sich mit dem Thema aus, denn vor der Informatik hatte er Medizin studiert. "Ich hatte nach sechs Monaten einen Prototyp, den man guten Gewissens vorzeigen konnte. Er war viel zu schade, ihn einfach nur in die Ecke zu stellen", sagt Hemer. Und er war bereit, für seine Überzeugung Durststrecken in Kauf zu nehmen.

Das Durchhalten hat sich gelohnt. Heute ist Hemer einer von zwei Geschäftsführern des Erlanger Start-ups Advanova, das er gemeinsam mit Bastian Bleisinger gegründet hat. Ihre Software "VMobil" ist seit Ende 2012 am Markt, Anfang 2013 bekamen sie vom High-Tech-Gründerfonds 500000 Euro Förderung. Zudem ist das Uniklinikum Erlangen zahlender Kunde, das System läuft auf sieben Stationen in der Frauen- und der Kinderklinik. "Wir sind dabei, mit drei weiteren Kliniken Pilotvereinbarungen zu treffen. Mit etwa sechzig weiteren sind wir im Gespräch", bilanziert Bleisinger. Auf der "Connecting Healthcare IT" Anfang April in Berlin, der Leitmesse für Medizinsoftware, sei der Advanova-Stand überrannt worden.

Wer dagegen alles andere als begeistert ist, sind die Großen des Geschäfts. "Die fürchten den Wettbewerb wie der Teufel das Weihwasser", sagt Bleisinger. Sie versuchen, den Markt zu sichern, indem sie Daten nur in wenigen Fällen mit anderen teilen wollen." Sie lassen sich das Einlesen aus anderen Systemen oder das Exportieren in diese von den Krankenhäusern sehr gut bezahlen. Dabei sei das technisch bei Weitem nicht so anspruchsvoll, wie sie behaupten, sekundiert Hemer. Und wer bereits über ein Verwaltungssystem verfügt, dem drohen sie teilweise mit Garantieverlust, wenn die Klinik die Akten aus dem System exportiert – als gehörten die Daten nicht der Klinik.

Die Krankenhäuser wiederum sind schwer zum Wechseln zu bewegen, weil sie ihre mehrere Millionen teuren Plattformen so lange wie möglich nutzen wollen – auch wenn die mobilen Lösungen nicht gut funktionieren. So zeigen viele nur Daten an, erlauben aber fast keine Eingaben. Oder die Datenübernahme aus anderen Systemen läuft nicht so reibungslos wie versprochen. Bleisinger dagegen versichert: "Unsere Daten können Sie in jedes System exportieren und aus jedem anderen welche importieren." Für potenzielle Kunden ist das zunächst nur ein Versprechen. Der Erfolg der Erlanger wird davon abhängen, dass sie es stets einlösen können. Gerade wenn Kliniken schlechte Erfahrungen gemacht haben, hat es Advanova schwer. "Wir sind da schon als Missionar unterwegs", sagt Bleisinger.

Die Chance, dass die Überzeugungsarbeit nicht nur im Erlanger Klinikum fruchtet, steht allerdings gut. Denn die beiden Gründer wissen um die Erwartungen ihrer Kunden. Als Informatiker kennt sich Hemer mit Programmieren und Softwareentwicklung aus. Als gelernter Arzt weiß er, dass eine digitale Patientenakte die Vorzüge der papiernen beibehalten muss, damit sie akzeptiert wird. In den Bögen vermerken Pfleger und Ärzte etwa Vitalwerte, Fieberkurven und Symptome wie Schmerzen – und neue Therapiemaßnahmen, die der behandelnde Arzt anordnet, etwa die Dosierung von Medikamenten. "Die Bögen sind mit Grund so gewachsen, wie sie jetzt sind, damit man sich schnell in ihnen zurechtfindet", erklärt Hemer. Das Programm musste also ähnlich aufgebaut, genauso leicht bedienbar und ebenfalls tragbar sein – also auch auf Tablets funktionieren.

Hemer war aber auch mit den Unzulänglichkeiten der Patientenakten bestens vertraut. Zum Beispiel suchen Schwestern und Pfleger pro Tag im Schnitt zwei Stunden nach verlegten Akten. Doch selbst wenn sie da sind, kann nur einer an ihnen arbeiten. Hat sie also bei der Visite der Chefarzt in der Hand, um die Behandlung festzulegen, schreiben die anderen Ärzte und Schwestern notgedrungen auf Zetteln mit. Dann legen sie diese in die Akte, um sie später nacheinander nachzutragen – wenn die Zettel inzwischen nicht weg sind. Zudem ist es in den dicken Papierkonvoluten schwer, Widersprüche zu finden.

Hemers Software stellt genau wie die Papierkurve alle relevanten Informationen auf einmal dar. Werte und Texteingaben lassen sich direkt auswählen oder per Stylus schnell eintragen. Vor jedem Ausloggen zeigt das System alle Änderungen an und verlangt eine weitere Bestätigung. Über die intuitive Bedienung hinaus lassen sich die Patientenakten per WLAN von mehreren Personen parallel bedienen. Doch das allein reicht nicht. "WLAN ist schön und gut", sagt Bleisinger, "aber zwischen dicken Klinikmauern oder in Aufzügen kann es nicht überall erreichbar sein." Loggt ein System, wie es bisherige tun, den Nutzer dann zwangsweise aus oder friert ein, legt dieser es ganz schnell wieder weg.

"Kein großer Player hat ein System mit intelligenten Synchronisationsalgorithmen, das dennoch offline funktioniert", ergänzt der Geschäftsführer. "Wir schon." VMobil arbeitet dann problemlos weiter und synchronisiert die Änderungen, sobald das Tablet wieder in WLAN-Reichweite kommt. Solche Pausen dauerten Bleisinger zufolge aber meist nur ein paar Minuten. Widerspricht oder doppelt sich der neue Eintrag mit anderen, warnt das System. Weitere Funktionen sollen folgen. So bindet das Team etwa Infos über Nebenwirkungen und Kontraindikationen bei Arzneien ein, die Ärzte bisher in Büchern nachschlagen müssen.

So klar die Vorteile des Systems heute erscheinen, so schwer taten sich anfangs die potenziellen Geldgeber. Als der Prototyp 2006 fertig war, wollte Hemer eine Firma gründen. Doch mehrere Anträge für Existenzgründer scheitern. "Von der Fraunhofer-Gesellschaft bekam ich einen fingerdicken Stapel Google-Ergebnisse zurück: Die mobile Visite gäbe es schon längst", erinnert sich Hemer. Der Doppel-Absolvent lässt sich aber nicht entmutigen, entwickelt die Software weiter, lebt von Ersparnissen und Gelegenheitsjobs.

2008 testet dann endlich die Erlanger Frauenklinik als erste die Software – zunächst mit den Akten von zwei Patientinnen, die zur Kontrolle auch auf Papier geführt werden. VMobil überzeugte, danach legte die Station alle neuen Patientinnen-Akten damit an. Nach vereinzelter Skepsis bei Pflegekräften, die sich zu alt für die Computerlösung fühlen, nehmen schließlich alle Akteure die digitale Akte gut an. Ein vielversprechender Grundstein für weitere Verhandlungen. (vsz)