c't-Interview: Taugen Kryptowährungen als Geldanlage?

Bitcoin als Geldanlage? Im c't-Interview erklären die Anlageexperten Hermann-Josef Tenhagen und Hendrik Buhrs von Finanztip, warum das keine gute Idee ist.

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Bitcoin
Von
  • Markus Montz

Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum erreichen spektakuläre Rekordkurse, die wiederum mehr Menschen zum Mitmischen verleiten. Der Einstieg ist nicht schwer, aber bevor Sie Ihr sauer verdientes Geld in hochriskante Kryptowährungen stecken, sollten Sie gut abwägen. Im Gespräch mit c't erklären Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen und Geldanlage-Experte Hendrik Buhrs aus der Redaktion des Internet-Ratgebers Finanztip, warum Bitcoin aus ihrer Sicht nicht zur Geldanlage taugt. Und sie schauen auch auf die geplanten Digitalwährungen.

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c’t: Wem empfehlen Sie, in Bitcoin und andere Kryptowährungen zu investieren?

Hermann-Josef Tenhagen: Empfehlen? Niemandem. Wenn Sie mit Geld, das Sie auf keinen Fall brauchen, Ihr Glück versuchen und dabei etwas über die Technologie Blockchain und das Wesen der Spekulation lernen wollen, können Sie das natürlich tun. Und weil gar nicht so wenige – vielleicht auch aus anderen Motiven – ihr Geld so einsetzen, haben wir in einem Ratgeber aufgeschrieben, wie man dabei die gröbsten Schnitzer vermeidet.

Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen

(Bild: Finanztip, www.finanztip.de)

Woher rührt Ihre Skepsis gegenüber Bitcoin und Co.?

Tenhagen: Kryptowährungen wie Bitcoin taugen nicht als klassische Geldanlage mit dem Gedanken, einigermaßen sicher das eingesetzte Kapital zu mehren oder gar für die Altersvorsorge. Mein Geld dort zu parken, damit es in den kommenden 30 Jahren Früchte trägt und dann die eigene Rente finanziert, dieses Risiko würde ich mit Bitcoins zum Beispiel nicht eingehen.

Hendrik Buhrs: Ich sehe für den durchschnittlichen Anleger auch gar keine Notwendigkeit, zu Kryptowährungen zu greifen. Der defensive Teil Ihrer Geldanlage kommt auf die Bank. Dort können Sie sicher sein, dass quasi genau Ihr Anlagebetrag wieder zurückkommt, wenn Sie ihn brauchen. "Quasi genau" heißt: plus 0,5 Prozent Zinsen oder minus 0,5 Prozent Gebühr, dafür aber im Ganzen sicher und abrufbar. Der offensive Teil liegt, mit etwas mehr Risiko, in einem weltweit angelegten günstigen Aktienfonds, etwa einem börsengehandelten Indexfonds (ETF). Der wächst parallel zur globalen Wirtschaft und sollte auch die Inflation übertrumpfen. Diese beiden Standbeine genügen für eine langfristige Anlage.

Was sind die größten Risiken bei Kryptowährungen? Wie sehen Sie diese im Vergleich zu anderen Anlagen wie beispielsweise klassisch in Aktien oder Investmentfonds?

Tenhagen: Bitcoin und andere Kryptowährungen sind per se Risiko. Wir haben ausgerechnet, dass der Bitcoin in den vergangenen fünf Jahren 15-mal so volatil war wie ein ETF auf den MSCI World (Finanztip-Podcast zum Bitcoin, u.a. zur großen Volatilität). Damit war er auch deutlich unbeständiger als eine klassische Einzelaktie. Das größte Risiko ist natürlich, dass der Wert nur auf der Basis von Vereinbarungen zwischen den privaten Nutzern der dahinter liegenden Blockchain beruht. Diesen Wert können Bitcoin & Co. verlieren, wenn die Protagonisten einen anderen Weg zur Geldanlage finden, die Sicherungssysteme am Ende doch nicht halten oder aber große Mitspieler das System ausnutzen – sei es, indem sie das bei einer Kapitalaufnahme eingesammelte Geld in einen Hafen außerhalb der Reichweite der wohlmeinenden Nutzer transferieren oder als Mehrheit die Blockchain manipulieren.

Und welche Chancen sehen Sie in solchen Währungen?

Tenhagen: In gut organisierten demokratischen Staatswesen braucht man den Bitcoin nicht. Etwas anderes ist es, wenn das eigene Staatswesen nicht funktioniert und hart erarbeitetes Geld durch politische Entscheidungen in einer Diktatur weggenommen oder durch Inflationsregimes wertlos gemacht wird. Dann kann ich gut verstehen, dass Anleger in eine vermeintlich internationale Anlage fliehen, die sie auf einem USB-Stick oder sogar nur mit einem auswendig gelernten Passwort über die Grenze hinweg mitnehmen können.

Buhrs: Das Motiv Staatsversagen hat auch Facebook mit seiner Kryptowährungsidee getrieben – und der Konzern hat auch deshalb in erster Linie an einen Einsatz in weniger entwickelten Staaten gedacht.

Tenhagen: Tatsächlich ist das ja auch der Grund, warum ganz legale staatskritische Organisationen wie Wikileaks Kryptowährungen ebenso nutzen wie die Kampagnen von Alexej Nawalny oder am anderen Ende des Spektrums auch kriminelle Organisationen.

Welche rechtlichen und steuerlichen Hürden gilt es zu beachten?

Tenhagen: Wer beispielsweise Bitcoins kauft und wiederverkauft und dabei Gewinne erzielt, muss diese im ersten Jahr versteuern – jedenfalls, wenn die Gewinne 600 Euro überschreiten. Ist das Jahr einmal rum, sind Spekulationsgewinne mit Bitcoin steuerfrei.

Buhrs: Wichtig ist auch, die Belege zu verwahren – für den Kauf der Bitcoins und gegebenenfalls auch für einen Übertrag zu einer anderen Plattform. Wenn man irgendwann die Bitcoins in Euro zurücktauschen möchte, ist man auf Rückfragen von Bank oder Finanzamt vorbereitet und kann ihnen die Herkunft des Geldes erklären.

Finanztip-Anlageexperte Hendrik Buhrs

(Bild: Finanztip, www.finanztip.de)

Was halten Sie von Kryptowährungs-Derivaten, also beispielsweise Differenzkontrakten (CFDs) oder vergleichbaren Produkten?

Buhrs: Wenn ich von einer Anlageform überzeugt bin, dann sollte ich sie auch möglichst "pur" kaufen. Ein Derivat schaltet immer eine weitere Zwischenebene ein, inklusive Ausfallrisiko. Diesen potenziellen Nachteilen sollte schon ein Pro-Argument gegenüberstehen – aber das sehe ich bei Derivaten auf die gängigen Kryptos nicht. Ein Stückchen echten Bitcoin zu kaufen ist nicht komplizierter als den CFD oder das Zertifikat darauf. Wenn Sie den Nervenkitzel der schwankenden Kurse noch erhöhen möchten, dann sind Hebelprodukte vermutlich das passende Produkt. Wenn Sie die Unabhängigkeit der Blockchain-Idee lieben, passt ein Derivat überhaupt nicht dazu.

Inwieweit halten Sie eine zukünftige Erweiterung des "Krypto"-Konzeptes auf andere Anlageformen wie Aktien oder Anleihen für denkbar?

Buhrs: Bruchstücke einer Tesla-Aktie sind schon als Krypto-Produkt erhältlich. Aber auch da bleibe ich Purist. Mir ist eine Original-Aktie lieber, die auf meinen Namen bei einem etablierten Zentraldepot liegt. Allerdings ist auch hier die Entwicklung voll im Gange. Die hinterlegten Urkunden können theoretisch durch dezentrale Einträge ersetzt werden. Ein Gesetz zur Einführung von elektronischen Wertpapieren ist im Bundestag gerade in der Mache. Für Kleinanleger, die alle paar Monate einen Schwung Anteile auf den MSCI World kaufen und bis zur Rente im Depot liegen lassen, fehlt mir da jedoch der praktische Vorteil.

Blicken wir weiter: Wo sehen Sie die Bedeutung von Kryptowährungen in fünf oder zehn Jahren?

Buhrs: Ich glaube schon, dass das Konzept Kryptowährung Bestand haben wird. Ob das aber heißt, dass konkret der Bitcoin weiterhin den Markt dominiert oder die technische Entwicklung andere Varianten ganz nach vorne spült, darüber könnte ich nur Vermutungen anstellen. Und genau deshalb tue ich mich schwer mit der Frage, ob Normalverdiener ein Jahresgehalt oder gar ihre Rentenrücklage in diesen Bereich stecken sollten. Da beruhigt mich mein ETF-Depot mit 1600 Einzelunternehmen aus aller Welt doch deutlich mehr.

Tenhagen: Die Blockchain-Technologie finde ich faszinierend, die hat bestimmt Bestand. Aber eine künstliche Währung, die ein Programm aus ihrer Ablehnung staatlicher Strukturen macht, da bin ich per se skeptisch. Ganz abgesehen von der Frage, ob dann nicht eine andere Variante vorzuziehen wäre. Aktuell machen Bitcoin durch das Mining einfach unheimlich viel Dreck und belasten die Umwelt.

Wie sehen Sie unternehmerische Kryptowährungsprojekte wie Facebooks "Diem"?

Tenhagen: Man sollte sich klarmachen, dass Facebook und andere Privatunternehmen nicht die Caritas sind. Wenn die eine Währung auf die Beine stellen, muss sich das auch für die Eigentümer lohnen.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei staatlichen Projekten wie zum Beispiel einem digitalen Euro?

Buhrs: Wie ein digitaler Euro konkret aussehen würde, ist noch unklar. Sowohl die Europäische Zentralbank wie auch ihre Pendants in anderen Ländern brüten derzeit über Prototypen und Studien. Das Konzept ist an manchen Stellen genau das Gegenteil vom Bitcoin, nämlich zentral statt dezentral. Eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz eines E-Euro ist, dass er keine neue Unwucht ins Finanzsystem bringt. Ein digitaler Euro könnte jedenfalls den Wettbewerb unterschiedlicher Zahlungsmöglichkeiten erweitern. Das ist für Verbraucher erst einmal eine gute Sache. Die Nebenkosten von Alltagszahlungen würden tendenziell sinken. Die Bahamas haben seit Kurzem eine digitale Variante ihres Dollars. Dort wird man Erfahrungen im Alltag sammeln können, allerdings in einem vergleichsweise winzigen Wirtschaftsraum.

Tenhagen: Wenn das Bezahlen als Vorgang billiger wird, ist das doch gut. Auch hier wieder meine Skepsis gegenüber dem Bitcoin: Wie das Bezahlen bei dem energieintensiven Konstrukt tatsächlich einmal nachhaltig billiger werden soll, weiß ich nicht.

c’t Ausgabe 11/2021

In c’t 11/2021 untersuchen wir die Chancen und Risiken von Kryptogeld. Außerdem zeigen wir, wie Sie den Ton im Videocall verbessern können, wir haben 4K-Monitore mit USB-Dock und Tischaufsätze fürs Homeoffice getestet und Software fürs Vereinsmanagement. Sie erfahren, wie Sie den Raspi blitzschnell einrichten, Fotos per KI entrauschen und mit 3D-Fotos Googles Street View bereichern können. Ausgabe 11/2021 ist ab dem 7. Mai im Heise-Shop und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk erhältlich.

(mon)