eHighway-Test: Lkw mit Oberleitungen im Plan

Die Corona-Pandemie hat die Pläne verzögert, Lkws über Oberleitungen zu elektrifizieren. Die Test-Bilanz nach einem Jahr sei trotzdem positiv

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Lkw mit Oberleitung

Auf dem Dach befindet sich ein ausfahrbarer Pantograf, über den der E-Motor mit Strom versorgt wird.

(Bild: Scania)

Von
  • dpa

So widersinnig es auch scheinen mag: In Deutschland wird immer mehr Lastverkehr auf die Straße verlagert. Damit steigt der Druck, auch diesen Teil des Verkehrs weniger umweltschädlich als bislang zu bewältigen. Die Idee, Lastwagen auf der Autobahn mit Hilfe von Oberleitungen mit Strom zu versorgen, wird seit einem Jahr unter anderem in Hessen getestet. So richtig in Schwung ist das Projekt bislang noch nicht gekommen, was auch mit der Corona-Pandemie zusammenhängt. Wegen der Reisebeschränkungen sind nur zwei Test-Lastwagen auf der Autobahn 5 unterwegs, wie Projektleiter Achim Reußwig von der Verkehrsbehörde Hessen Mobil der dpa sagte. Eigentlich sollten es doppelt so viele sein.

Reußwig erwartet dennoch keine Verzögerung des bis Ende 2022 angelegten Versuchs. Er gehe davon aus, dass die erforderlichen Daten gesammelt werden können. „Auf der Grundlage der Ergebnisse sollen ja auch Entscheidungen fallen, die nicht beliebig in die Zukunft hinausgeschoben werden können, ob das nun ein System ist, auf das man setzen kann.“ Ergebnisse seien im ersten Quartal 2023 zu erwarten.

Auf einem fünf Kilometer langen Streckenabschnitt können Hybrid-Lastwagen an einer Oberleitung Strom abnehmen. Der wird nicht etwa in riesigen und schweren Batterien gespeichert, sondern direkt vom E-Motor umgesetzt. Der Speicher selbst ist mit 18,5 kWh, von denen sich 7,4 kWh nutzen lassen, denkbar klein. Er dient im Prinzip nur als Puffer, wenngleich Scania eine elektrische Reichweite von immerhin 10 bis 15 Kilometern angibt. Der 130-kW-E-Motor unterstützt den Verbrenner beim Beschleunigen und kann auch als Generator arbeiten. Abseits der Stromversorgung nutzt der Lkw einen Dieselmotor mit 331 kW (450 PS) als Antrieb.

Der Lkw ist als Hybrid ausgelegt: Abseits der Stromversorgung nutzt er den Dieselmotor, mit Oberleitungen den E-Motor. Die Batteriekapazität reicht, um kurze Strecken abseits der Stromleitungen elektrisch fahren zu können.

(Bild: Scania)

Nach einem Jahr könne Hessen Mobil eine erste positive Zwischenbilanz ziehen, sagte der Projektleiter: „Wir sind sehr zufrieden. Man kann eine solche Anlage mit vertretbarem Aufwand vernünftig und sicher betreiben.“ Es habe keine von der Anlagentechnik bedingten Ausfälle gegeben. An sehr heißen Sommertagen habe sich gezeigt, dass sich die Trafostationen stark aufheizen; dort sei eine bessere Kühlung nötig. Die Rund-um-die Uhr-Überwachung durch die Verkehrszentrale und die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr laufe sehr gut.

„Als erstes Fazit können wir sagen: Das Wagnis hat sich gelohnt; nach der Erfahrung mit dem zuverlässigen Betrieb der Anlage über den Zeitraum eines Jahres kann man sich gut vorstellen, dass künftig zu einer Autobahn auch ganz regulär eine Energieversorgung mit Oberleitung dazugehört“, sagte Reußwig. Dies habe sich auch nach einem Unfall mit einem falsch beladenen Lastwagen im Januar 2020 gezeigt, der an die Oberleitung gestoßen war. Die Anlage habe danach planmäßig den Strom abgeschaltet.

Der Schaden kann wegen der Corona-Pandemie erst Ende dieser Woche behoben werden, wie der Projektleiter berichtete. Die Teststrecke auf der A5 zwischen Langen und Weiterstadt, einer der meistbefahrenen Autobahnabschnitte bundesweit, habe deshalb seither nur in eine Richtung funktioniert.

Die Corona-Pandemie habe zudem verhindert, dass zwei weitere Lastwagen zum Einsatz kommen können. Sie seien zwar von Scania nach Deutschland geliefert worden, doch die für die Inbetriebnahme nötigen Experten dürften nicht einreisen, Fahrerschulungen könnten nicht stattfinden. „Wir hoffen, dass wir im Sommer endlich mit voller Planstärke von insgesamt fünf Fahrzeugen auf der Strecke unterwegs sind“, sagte Reußwig.

Noch nichts gesagt werden könne derzeit dazu, wie viele Emissionen eingespart würden. Eine für Mitte dieses Jahres in Aussicht gestellte Zwischenbilanz dazu müsse auf Anfang 2021 verschoben werden. Die Lkws sind für Speditionen unterwegs und kommen werktäglich an den Oberleitungen vorbei.

Der Bund der Steuerzahler kritisiert das vom Bund geförderte, millionenschwere Gesamtprojekt, das auch Teststrecken in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein umfasst. Der Verband befürchtet eine finanzielle Sackgasse. Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg kam im Frühjahr dagegen zum Ergebnis, dass Oberleitungs-Lkw schon 2030 wirtschaftlich attraktiv sein könnten. Dazu müssten aber in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Euro investiert werden.

Die elektrifizierte Autobahn für Lastwagen ist ein aufwendiges Projekt. Auf der A5 sind in beide Fahrtrichtungen auf der rechten Spur jeweils fünf Kilometer mit Oberleitungsmasten versehen. Die Batterie ist so bemessen, dass für einen Überholvorgang auf der nicht elektrifizierten, linken Fahrspur der Verbrennungsmotor nicht gebraucht wird. In einer ersten Zwischenbilanz im August 2019 zeigten sich die Fahrer vor allem von dem deutlich gesenkten Fahrgeräusch angetan.

Insgesamt wurden entlang dieser Strecke 229 Masten errichtet. Das Bundesumweltministerium fördert das Projekt mit insgesamt knapp 30 Millionen Euro. Die A5 ist in dem Abschnitt vierspurig ausgebaut. Nach einer Erhebung vor der Corona-Pandemie fuhren hier täglich rund 14.000 Lkw. Weitere Tests, wie man Lkws über Oberleitungen mit Strom versorgen könnte, gibt es in Italien und Schweden

(mfz)