Ökotüten für San Francisco

Die kalifornische Metropole gibt sich einmal mehr als Vorreiter in Sachen Umweltschutz: Dort will man künftig Plastiktüten, die nicht biologisch abbaubar sind, verbieten. Doch das bringt auch Probleme mit sich.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 1 Beitrag
Von
  • Peter Fairley

Die Gemeinde San Francisco hat sich im vergangenen Monat dazu entschlossen, erstmals in den Vereinigten Staaten ein Verbot für Einkaufstaschen aus Polyethylen auszusprechen. Die Entscheidung könnte zwar den Anteil an nicht abbaubarem Plastik auf den Müllhalden reduzieren, doch die Abhängigkeit von Ölimporten verringert sich dadurch kaum. Der Grund: Die meisten biologisch abbaubaren Polyethylen-Alternativen, die man sich in San Francisco nun erhofft, beinhalten zumindest zum Teil weiterhin Stoffe, die auf Erdöl basieren.

Dennoch könnte die San-Francisco-Initiative einen wichtigen neuen Markt für biologisch abbaubaren Kunststoff schaffen. Noch bedeutender: Auch Tüten, die hauptsächlich auf erneuerbaren Pflanzenrohstoffen bestehen, hätten eine Chance. Die größten Hoffnungen setzt man dabei in das US-Unternehmen Metabolix aus Cambridge, das im vergangenen Jahr für 95 Millionen Dollar an die Börse ging. Es hat soeben ein Joint-Venture mit dem Landwirtschaftsgiganten Archer Daniels Midland (ADM) abgeschlossen, um Polymere auf Maiszuckerbasis zu entwickeln.

Polyethylen-Tüten sind deshalb so verbreitet, weil sie sich kostengünstig produzieren und so einfach handhaben lassen. Allein in San Francisco werden pro Jahr 181 Millionen Stück ausgegeben. Bis vor kurzem kostete die biologisch abbaubare Variante mindestens drei Mal so viel und war deutlich weniger haltbar.

In den letzten zehn Jahren haben sich diese Nachteile allerdings reduziert. "Heute gibt es umweltfreundliche Produkte, die genauso funktional sind und auch der Preisunterschied ist inzwischen wesentlich geringer", erklärt Keith Edwards, der das Biopolymer-Geschäft des deutschen Kunststoff- und Chemiegiganten BASF in Nordamerika leitet.

Die meisten biologisch abbaubaren Tüten werden aus einer Mischung aus Pflanzenstärke und Erdöl-basierten Polyestern produziert. Letztere sorgen für eine bessere Haltbarkeit und machen es möglich, bestehende Verarbeitungsanlagen weiterhin zu verwenden. Die führenden Produzenten sind BASF und der italienische Polymer-Spezialist Novamont.

BASF-Mann Edwards schätzt, dass solche biologisch abbaubare Tüten drei bis vier US--Cent mehr kosten als die ein bis zwei Cent teuren Konkurrenten aus Polyethylen. Dennoch dürften sie in San Francisco bald eine hohe Nachfrage erzeugen.

Darauf setzen die örtlichen Umweltbehörden. Aktuell sammelt die Stadt rund 300 Tonnen Biomüll pro Tag ein. Die Recycling-Rate liegt insgesamt bei 67 Prozent. Dieser Wert müsste jedoch weiter steigen, damit die Stadt ihr ambitioniertes Ziel einer Quote von 75 Prozent bis 2010 erreichen kann.

BASF hat vor kurzem seine Kapazitäten für biologisch abbaubare Granulate fast verdoppelt. Die Jahresproduktion soll sich bis 2010 verdrei- bis vervierfachen. Auch Novamont baut derzeit größere Produktionsstraßen auf, die Polyester und Pflanzenöl verarbeiten können – in zwei Jahren will man spätestens soweit sein.

Bei Metabolix ist man noch ambitionierter und setzt auf biologischere Produktionssysteme. Ab 2008 will die Firma 5000 Tonnen natürliches Polyester pro Jahr produzieren – in einer ersten Spezialanlage für Polyhydroxyalkanoat-Polymere, kurz PHA. Die Fabrik wird von ADM aufgebaut und sitzt neben einer Feuchtmaismühle.

Sie nutzt Maiszucker, um Fermentationstanks mit Bakterien zu versorgen. Die wurden von Metabolix genetisch so gezüchtet, dass sie das Polymer erzeugen können. Als Brennmittel dient ebenfalls Mais. "Wir reduzieren damit im Vergleich zu herkömmlichen Plastiktüten die Treibhausgas-Emissionen um Zweidrittel und die Erdöl-Verwendung um 80 Prozent", erläutert Metabolix-Vizepräsident Brian Igoe.

PHA benötige zum Zerfall auch keine hohen Temperaturen, wie sie in industriellen Kompostieranlagen verwendet werden. Das bedeutet, dass die Metabolix-Polymere selbst dann abgebaut werden, wenn sie in den Ozean gelangen. "Wir sagen nicht, dass man unsere Produkte einfach auf die Straße werfen sollte, aber so etwas kommt bei unserem heutigen System eben vor", meint Igoe. Die positiven Umweltaspekte will Metabolix auch in der Bewerbung seines neuen Polymer-Materials herausstellen, denn es kostet noch immer drei Mal so viel wie rein Erdöl-basierte Konkurrenten.

Igoe glaubt dennoch, dass die Kundschaft bereit sein wird, mehr zu bezahlen – auch deshalb, weil sie mit dem neuen Material den Komfort gewohnter Plastiktüten weiterhin genießen kann. "Solche Tüten sind sehr funktional. Und wenn sie dann auch noch Umweltvorteile haben, werden sie häufiger verwendet. Es gibt sicherlich eine Verbrauchergruppe, die bereit ist, dafür zu bezahlen."

Ironischerweise führt die erhöhte Nachfrage nach biologisch abbaubaren Kunststoffen allerdings zu einem anderen Problem: Der notwendige Maiszucker wird langsam knapp. Verwendet man diesen für die Ethanolgewinnung, erhöht sich auch der Preis von Nahrungsmitteln. In Mexiko kosten die dort viel gegessenen Tortillas inzwischen doppelt so viel wie früher, was zu öffentlichen Massenprotesten führte.

Metabolix und andere Firmen, die eigentlich zur Nahrungsmittelproduktion gedachte Biorohstoffe verwenden, könnten bald mit einer höheren Kostenbasis zu kämpfen haben. Und dann würden selbst die ökologisch engagierten Einwohner in San Francisco die hohen Preise kaum mehr zahlen. (bsc)