Menü

Big Data: Gefahr für die Demokratie und ökonomische Chance

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 84 Beiträge
Von

Der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert hat vor unerwünschten Auswirkungen der systematischen Auswertung riesiger Datenmengen gewarnt. "Big Data eröffnet Möglichkeiten des informationellen Machtmissbrauchs durch Manipulation, Diskriminierung und informationelle ökonomische Ausbeutung – verbunden mit der Verletzung der Grundrechte der Menschen", erklärte der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) bei einem politischen Abend der Initiative D21 und der Fraunhofer-Gesellschaft am Dienstag in Berlin. Dem stehe das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als "elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungs- und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Grundwesens" entgegen.

Würden Angaben über Finanztransaktionen, Bonität, medizinische Behandlung, privaten Konsum, Berufstätigkeit, aus der Internetnutzung, von elektronischen Karten und Smartphones oder aus der Video- und Kommunikationsüberwachung zusammengeführt, könne daraus ein gefährliches Ungleichgewicht entstehen, führte Weichert aus. Der Datenschützer sprach sich daher im Einklang mit Kollegen für hohe Anforderungen an die Transparenz und die konkreten Verfahren von Big Data sowie den Einsatz von Techniken zum Erhalt der Privatsphäre wie eine wirksame Anonymisierung aus.

Zugleich forderte der Datenschützer bessere Kontrollmöglichkeiten und eine höhere Transparenz massiver Informationsverarbeitungen: "Ich möchte wissen, wie der Algorithmus aussieht", konstatierte Weichert. Es müsse für Prüfer möglich sein, "in den Sourcecode reinschauen zu können". Dies habe auch für Anwendungen internationaler Konzerne zu gelten. Innovationen würden so nicht ausgeschlossen, vielmehr seien sie beim Datenschutz ebenfalls nötig.

Generell dürfen informationelle Schätze per Big Data dem ULD-Chef zufolge nur nach einer Technikfolgenabschätzung und im gesellschaftlichen Konsens gehoben werden. Die Entwicklung solcher bürgerrechtsverträglicher Rahmenbedingungen stelle eine große Chance für Deutschland dar, da "alle Demokratien" auf entsprechende datenschutzgerechte Lösungen angewiesen seien.

Die Deutschen dürften "nicht immer nur auf der Bremse stehen", hielt Marianne Janik, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland, dagegen. Sie müssten "mutiger sein, statt gleich nach Kontrolle zu schielen". Die Branchenvertreterin bezeichnete es als fraglich, "ob wir schon soweit sind, um bei Big Data Leitplanken zu setzen". Beim Cloud Computing habe Deutschland mit seiner Herangehensweise bereits einiges verpasst. Ganz erschreckend seien rein nationale Ansätze wie etwa der einer Datenverarbeitung in französischen Rechnerwolken, da diese Neuerungen blockierten.

"Wahlen werden nicht gewonnen mit dem Thema Big Data", meinte der FDP-Netzpolitiker Manuel Höferlin. Trotzdem müsse eine "gesellschaftliche Akzeptanz" dafür entstehen. Dabei sei aber zu überdenken, ob die ursprüngliche Bedeutung zentraler Begriffe wie Auftragsverarbeitung oder informationelle Selbstbestimmung noch zeitgemäß sei. Viele Menschen übten ihr Persönlichkeitsrecht schließlich mittlerweile dadurch aus, "dass sie Daten über sich zur Verfügung stellen". Dafür sei Vertrauen wichtig, das etwa über unabhängige Audits erreicht werden könne.

Big Data dürfe nicht auf Anwendungen von Amazon, Facebook oder Google reduziert werden, erklärte Stefan Wrobel vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS). Das Prinzip stehe für einen grundsätzlichen Wandel in der Wissenschaft und beginne da, wo Forscher neben vorgefasste Modelle der Welt datengetriebene Beobachtungen stellen könnten. Konkret gehe es etwa darum, "Betrüger zu fassen und effizienter zu produzieren". Vorangetrieben würden bessere Logistikketten oder verlässlichere Infrastrukturen. Damit sich dabei die Kreativität Bahn brechen könne, dürfe die Politik keine detaillierten Vorgaben machen. "Klare Rahmenbedingungen" wünschten sich aber auch Unternehmen.

Mit dem in deutschen Gesetzen festgeschriebenen Gebot der Datensparsamkeit kann die Big-Data-Welt nach Einschätzung Wrobels leben. Dieses treffe auf per Zwang von Behörden erhobene Informationen zu, nicht jedoch auf Netzstrukturen, in denen jeder zugleich Nutzer und Produzent von Daten sei. Insgesamt seien die Deutschen im Bereich Privatsphäre überaus gespalten: So sähen sie Google sehr kritisch, nutzten die Suchmaschine aber am häufigsten. Sie zettelten Proteste an gegen mögliche Datenverkäufe bei der Bahn, organisierten diese aber über Facebook. (Stefan Krempl) / (jk)