Kommentar: Frauen in die IT – aber nicht mit falschen Argumenten

Eine EU-Studie fordert einen höheren Frauenanteil in der ITK-Industrie, weil dadurch das Bruttoinlandsprodukt steige. Sie erweist dem Ziel damit einen Bärendienst.

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Von
  • Christian Kirsch

Dass Frauen in der IT- und Telekom-Branche unterrepräsentiert sind, ist nicht neu. Eine von der EU-Kommission beauftragte Studie versucht nun, die ökonomischen Folgen dessen zu bewerten. Die Autoren wollen herausgefunden haben, dass durch einen ausgewogenen Anteil beider Geschlechter bei den IT-Jobs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU um 9 Milliarden Euro jährlich steigen würde. Das sei immerhin das 1,3-Fache des maltesischen BIP, heißt es weiter.

Solche Zahlenspielchen beeindrucken möglicherweise Sechsjährige. Ältere werfen einen Blick auf die Eurostat-Daten und sehen, dass der genannte Betrag gerade mal 0,6 Prozent des jährliche EU-BIP ausmacht. Aus diesem oberflächlich ökonomischen Blickwinkel betrachtet, wären folglich Investitionen in mehr Gleichberechtigung in der ITK-Industrie überflüssig, weil nicht ertragbringend.

Bei genauerem Hinsehen besagt der behauptete BIP-Zuwachs ohnehin nichts: Wer sein Gehalt gleich wieder für die Kinderbetreuung ausgeben muss, hat zwar etwas für die Wirtschaftsstatistik getan, aber keinen eigenen messbaren Vorteil. Auf das BIP wirken sich beide Beträge jedoch gleichermaßen positiv aus.

Das ökonomische Argument erweist der Sache "Gleichberechtigung" einen Bärendienst. Richtig ist die politische oder, wenn man so will, moralische Begründung: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Also gehört derselbe Anteil Frauen wie Männer in die ITK-Branche und natürlich auch in deren Führungsetagen – so wie umgekehrt Männer in den sozialen Sektor. Bei brauchbarer Kinderbetreuung, ordentlicher Bezahlung und Sozialleistungen sollte es kein Problem sein, genügend Interessenten jedweden Geschlechts zu finden. (ck)