Kommentar: Microsoft und Slack schlagen aus der Krise schamlos Kapital

Slack und Teams kommen gerade gut an – wobei die Anbieter alles tun, um die Krise auszunutzen und eine vormals freie Infrastruktur an sich zu reißen.

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(Bild: And-One/Shutterstock.com)

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Während die traditionelle Industrie hierzulande mit dem Coronavirus vor dem Abgrund steht, reibt sich die Zukunft bereits die Hände: Selten konnten sich Anbieter von Cloud-Diensten fürs Heimbüro über ein solch massives Wachstum freuen und so auf die Verzüge der Digitalisierung verweisen. Und selten führten sie so deutlich vor, was heute in der transformierenden IT grundlegend schiefläuft.

Ein Kommentar von Moritz Förster

Moritz Förster schreibt seit 2012 für die iX und heise online. Er betreut neben dem iX-Channel die Bereiche Arbeitsplatz und Server.

Diese Woche ist also gefühlt jedes Büro auf eine Kollaborationsplattform wie Microsoft Teams oder Slack umgestiegen. Die beiden nur so als Beispiel, denn jeden Tag trudeln dutzende Mails ein, wie toll diverse Anbieter doch seien, dass sie sich jetzt zu einem Rabatt hinreißen lassen. Jede Krise ist eben eine Gelegenheit – und Nutzerzahlen sind Trumpf. Klar, das ist die unterste Schublade des Marketings. Vielleicht merken die Verantwortlichen noch nicht einmal, was sie da abziehen, meinen, ihre Großzügigkeit sei echt ganz fantastisch – aber das ist auch egal, denn am Ende klingelt für sie dank der Panik die Kasse.

Nun müssen ja tatsächlich Millionen Angestellte ihre Büros verlassen und am heimischen Schreibtisch Platz nehmen. Aber damit sie einen produktiven Tag haben und sich mit ihren Kollegen abstimmen können, sind solche Dienste eigentlich gar nicht nötig. Chat-Software existiert schon länger als das Internet, für E-Mails gilt dasselbe und Telefone … nun ja, die Liste der Kommunikationsmittel ließe sich endlos bis in die Antike fortsetzen. Selbst das Heimbüro am Rechner gibt es als Telework schon seit 1973.

Die Diskussion ist symptomatisch für das Wesen der gegenwärtigen IT – nur noch ein Tool hier, ein Tool da und alle Hürden sind aus der Welt geschafft. Schaffen es aber die Mitarbeiter nicht, ihre Arbeit mit der bisherigen Technik abzustimmen, wird weitere Software kaum helfen. Im besten Fall existiert nur noch ein zusätzlicher Kanal, der jedoch im schlimmsten Fall noch mehr Zeit frisst. Und diese fehlt am Ende beim Kunden.

Microsoft und Slack tun das, was solche Anbieter immer tun: Sie definieren selbst ein Problem, das ohne ihre Dienste angeblich nicht lösbar wäre. Dabei existiert es gar nicht. Und trotzdem stoßen sie auf weit geöffnete Ohren: So tief verwurzelt ist der Glaube an das nächste Tool mittlerweile, dass Mitarbeiter dieses aktiv einfordern. Und ist ein Arbeitsplatz nicht auf dem allerneusten Stand, gilt das manchen Bewerbern schon als Ausschlussgrund – was zumindest Studien genau dieser Anbieter stolz verkünden.

Unser historisch einmaliger Grad der Vernetzung macht es erst möglich, dass so viele Angestellte von einem Tag auf den anderen ins Heimbüro wechseln und trotzdem nahtlos miteinander in Kontakt bleiben können. Aber Slack und Teams sind dafür nicht verantwortlich. Mit diesen Tools wird lediglich eine vormals öffentliche und freie Infrastruktur mit wachsendem Erfolg einverleibt - und die Nutzer so in eine weitere kommerzielle Abhängigkeit entführt. (fo)