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Kommentar: Offene Standards gegen das Chat-Monopol

Konkurrenz ist gut für den Nutzer. Doch aktuell streiten sich Anbieter von Chat-Plattformen vor allem um das nächste Monopol. Dabei würden auch sie langfristig von einer Einigung auf einen offenen Standard profitieren, meint Moritz Förster.

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Kommentar: Offene Standards gegen das Chat-Monopol

Wie viele neue Plattformen zum Chatten braucht die Welt eigentlich noch? In den letzten Jahren erschienen gefühlt monatlich neue Dienste, die alle eine noch bessere Kommunikation versprechen. Und das gilt nicht nur für an Endnutzer gerichtete Messenger. Gerade im Bereich der Unternehmenssoftware integrieren immer mehr Anbieter ihre eigene Chat-Software – ganz im Sinne einer ergiebigeren Zusammenarbeit mit den Kollegen.

Klingt eigentlich nach einem Problem, das keines ist? Immerhin profitiert beim Konkurrenzkampf am Ende doch vor allem der Nutzer durch Innovationen. Aber die Anbieter konkurrieren nicht wirklich um ihn. Denn etwas technisch noch nie dagewesenes sind die angepriesenen Anwendungen selten. Auch der neueste Schrei, auf Teams und ihre spezifischen Aufgaben zugeschnittene Gruppen, ist letztlich nichts anderes als ein aufgehübschter Chat-Raum.

Stattdessen haben die Anbieter etwas anderes im Sinn: Anwender können nur selten Nachrichten mit Nutzern anderer Dienste austauschen. Lieber sollen sie im eigenen Netz eingesperrt bleiben. Vielleicht steht bei einer ansprechenden Nutzerbasis auch eine Übernahme an – Facebook hat für 450 Millionen WhatsApp-Konten massive 19 Milliarden US-Dollar gezahlt. Bei einer solchen Motivation braucht man vor allem die richtigen Zahlen. Und der Kunde mutiert vom König zur Melkkuh.

Entsprechend konkurrieren die Anbieter nur mit einem Ziel – hin zum Monopol. Wenn die Überzahl der Nutzer einen einzigen Dienst verwendet, will natürlich keiner außen vor bleiben und macht mit. Die einzige Alternative dazu wäre ein unabhängiger Standard. Und Geeignete gibt es gleich mehrere. Mit XMPP zum Beispiel ist der Nutzer nicht an einen Server, einen Client oder einen Anbieter gebunden. Vom potentiell besseren Datenschutz ganz zu schweigen.

Aber solange gerade große Konzerne aktiv nach dem Monopol streben, haben offene Standards trotz all ihrer Vorzüge leider keine Chance. Zu groß ist der Gruppenzwang, als dass einzelne Bewusste die Masse dem gewohnten Dienst entreißen könnten. Es bleibt bei den Unternehmen selbst, es besser zu machen.

Würden Nutzer nicht bei jedem Wechsel des Clients auch gleich alle Kontakte verlieren und sich auf konträre Funktionen einstellen müssen, dann würden wohl viele auch spontaner einen alternativen Dienst ausprobieren. Gerade kleinere Entwickler hätten bei der Einigung auf eine gemeinsame technische Basis eine bessere Chance.

Aber auch die Konzerne, die momentan von ihrem Monopol träumen können, sollten sich den eingeschlagenen Weg genau überlegen. Sie alle müssen schließlich wissen, dass bei einem solchen Rennen am Ende nur noch einer übrig bleiben kann. Und wer garantiert Facebook, dass es nicht Google wäre? (fo)