Ausprobiert: iTunes Match

Apple hat seinen Musikabgleichdienst in den USA gestartet. Wir warfen einen kurzen Blick auf das Angebot und seine Funktionen.

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Von
  • Sven Hansen

Apple hat seinen Musikabgleichdienst iTunes Match in den USA gestartet. Wir warfen einen kurzen Blick auf das Angebot und seine Funktionen. Da es in Deutschland bisher nicht nutzbar ist, meldeten wir uns zum Ausprobieren mit einer US-amerikanischen Kreditkarte an. Nach Installation der neuesten iTunes-Version 10.5.1 (42) findet sich iTunes Match als zusätzlicher Eintrag im Store-Bereich der iTunes-Menüleiste. Sobald man hier das Jahres-Abo für 25-US-Dollar abgeschlossen hat, startet die dreistufige Ersteinrichtung des Dienstes.

iTunes Match gleicht die Inhalte der lokalen Mediathek in einem dreistufigen Verfahren mit dem iTunes-Gesamtkatalog ab.

Zunächst analysiert iTunes die gesamte lokale Musiksammlung. Die Prozessorlast stieg auf unserem Testrechner signifikant an, offensichtlich kommt ein Fingerprinting- oder Hash-Verfahren zum Einsatz, das weit über das bloße Auswerten von Metainformationen oder Dateinamen hinaus geht. Anschließend gleicht iTunes die Musikstücke der lokalen Bibliothek mit Apples immerhin 20 Millionen Titel umfassendem Gesamtkatalog ab – das ist der eigentliche Matching-Vorgang. In einem letzten Schritt werden Titel, die dort nicht gefunden werden konnten, in die persönliche iCloud geladen. Besitzt man hauptsächlich Musik, die iTunes selbst anbietet, geht der Abgleich relativ schnell. Das Matching unserer Testsammlung mit 1200 Liedern, die auch viele abseits des Mainstreams enthält, dauerte bei unserer Upstream-Rate von 7 MBit/s rund zwei Stunden, wobei der Upload der fehlenden Dateien den Großteil einnahm. Immerhin lässt sich das an beliebiger Stelle unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen. Werke von Künstlern wie Norah Jones oder Michael Jackson wurden sicher erkannt.

Dateien mit Bitraten unter 96 kBit/s werden abgelehnt, Lieder mit einer Dateigröße von mehr als 200 MByte ebenfalls. Der "Cloud-Status" aller Musiktitel – "Gefunden", "Übertragen" oder "nicht geeignet" – ist in einer neu hinzugekommenen Spalte in iTunes ablesbar. Dabei fiel auf, dass in einigen Fällen eigentlich geschlossene Alben nicht komplett erkannt wurden und in Teilen hochgeladen werden mussten. Bei in einem Stück abgemischten Konzeptalben wie Pink Floyds "The Wall" war dies besonders störend: In der Cloud wechselten sich später AAC-Dateien munter mit MP3-Dateien niedrigerer Qualität ab.

Aktiviert man iTunes Match auf einem iOS-Gerät, ersetzen die Cloud-Inhalte fortan die lokale Musikbibliothek.

Neben der Musik speichert iTunes auch alle Abspiellisten in der iCloud. Hat man seine iTunes-Bibliothek durch von CD gegrabbte Lieder oder MP3-Dateien erweitert, werden auch diese automatisch von iTunes Match erfasst und bereitgestellt. Alle in der iCloud gespeicherten Titel lassen sich nun von mit dem persönlichen Konto verknüpften iOS-Geräten und iTunes-Playern herunterladen oder im Streaming-Verfahren anhören.

Vom iPod Touch und iPad aus konnten wir auf iTunes Match nach einem Update auf iOS 5.0.1 zugreifen. Hierzu muss man einmalig im Einstellungsmenü unter Musik den Schalter "iTunes Match" aktivieren. Eine Warnmeldung informiert darüber, dass der Dienst künftig die lokale Musikbibliothek auf den Mobilgeräten ersetzt – tatsächlich ließ sich die ursprünglich auf den Geräten befindliche Bibliothek auch nach einem Abschalten von iTunes Match nicht mehr abrufen. Der Dienst übernimmt komplett die Synchronisationsfunktion, die zuvor iTunes am PC oder Mac innehatte.

Grundsätzlich werden alle in der Cloud befindlichen Titel angezeigt, erst mit dem Auswählen eines Songs startet der automatische Download. Auf Wunsch lassen sich auch Alben oder die ganze Discographie einzelner Künstler komplett herunterladen. In der Praxis ist so sichergestellt, dass man die Musik ohne Netzverbindung anhören kann. Auch das Apple TV spielt die Cloud-Musik ab, allerdings ausschließlich im Streaming-Verfahren.

Auf iOS-Geräten - hier auf dem iPad - lassen sich ganze Alben für die spätere Offline-Nutzung herunterladen.

Man kann auf die Cloud-Inhalte auch über die iTunes-Software auf zuvor freigeschalteten Rechnern zugreifen; alle in der Cloud befindlichen Dateien lassen sich streamen oder als DRM-freie AAC-Datei mit 256 kBit/s herunterladen. Diese Download-Funktion kann man auch auf dem Ursprungs-PC
nutzen: Wer die lokalen Quelldateien, oft mit den üblichen 128 kBit/s im MP3-Format kodiert, entfernt, kann die Musik anschließend wieder aus der Cloud herunterladen – in besserer Qualität: als 256-kBit/s-Dateien im AAC-Format.

Während unserer Tests kam es sporadisch zu Ausfällen des Dienstes. Dabei ließen sich zwar die mit dem iTunes-Gesamtkatalog abgeglichenen Titel noch abrufen, die zuvor in die iCloud geladene Musik war jedoch nicht mehr verfügbar. Sie ließen sich auf den mobilen Geräten anzeigen, aber nicht abspielen. Inzwischen scheint der erste Andrang aber vorüber zu sein, sodass der Dienst stabil arbeitet. Wenn in den USA die Lichter aus gehen, gibt er sich diesseits des Atlantik am performantesten.

Mit iTunes Match liefert Apple einen innovativen Dienst, der zumindest US-Kunden zum Schnäppchenpreis von den Bürden der kabelgebundenen Synchronisation ihrer Rechner und Mobilgeräte befreit. Wer seine Musiksammlung brav per iTunes zusammengegrabbt oder bei Apple eingekauft hat, bezahlt mit der Jahresgebühr lediglich den Komfort des Cloud-Dienstes. Besitzer einer zusammengeschnorrten MP3-Sammlung werden mit iTunes Match – vielleicht das erste Mal – an ein Bezahlmodell herangeführt. Sie dürfte vor allem der über den Service erreichbare Sprung in der Audio-Qualität interessieren.

Ärgerlich ist der komplette Wegfall der lokalen Sammlung auf den iOS-Geräten. Eine Funktion zum Wiederherstellen der ursprünglich auf dem Gerät abgespeicherten Musik wäre hilfreich. Stimmt der Preis, dürfte iTunes Match auch in Deutschland ein Erfolg werden – wenn es Apple denn gelingt, die zum Start nötigen Verträge zu schließen. Die Label zeigen sich inzwischen erfreulich beweglich, wenn es um neue Geschäftsmodelle im Musikvertrieb geht. An der guten alten Mutter GEMA haben sich allerdings schon andere die Zähne ausgebissen. (sha)