Hello, I'm Macintosh – zum 35. Geburtstag des Mac

Im Januar 1984 präsentierte Steve Jobs den Macintosh. Seitdem hat Apple Innovationen vorgestellt, Krisen überlebt und die (Computer-)Welt verändert.

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1984: Der erste Apple Macintosh bot eine revolutionäre Bedienoberfläche, aber noch wenig nützliche Anwendungen.

(Bild: Apple)

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Es ist das Super-Bowl-Finale am 22. Januar 1984, knapp hundert Millionen Menschen schauen zu. Das Spiel selbst verläuft weniger spannend – bereits zur Halbzeit liegen die Los Angeles Raiders gegen die Washington Redskins mit 21:3 in Führung. Für Furore sorgt viel mehr ein außergewöhnlicher Werbespot, der im dritten Viertel ausgestrahlt wird. In dem 60 Sekunden langen Clip von Star-Regisseur Ridley Scott kündigt Apple den ersten Macintosh an. Doch es geht nicht einfach nur um einen neuen Computer. Die Botschaft lautet: Der Mac wird die Welt davor bewahren, dass die düstere Vision aus George Orwells Roman "1984" im namensgebenden Jahr Wirklichkeit wird: "Big Brother" IBM wird mit seinen grauen PCs nicht die IT-Welt beherrschen.

Obwohl Apple selbst ihn nur ein einziges Mal ausstrahlte, schrieb der Clip Geschichte. Nachrichtensendungen wiederholten ihn mehrfach, um über den Publicity-Coup zu berichten. Die Zeitschriften Advertising Age und TV Guide kürten "1984" später zum besten Werbespot aller Zeiten.

Apple-Mitbegründer Steve Jobs hatte die Entwicklung des Macintosh seit September 1980 selbst vorangetrieben. Jobs wollte zuvor mit dem Apple Lisa die Idee einer grafischen Benutzungsoberfläche weitertreiben, die er 1979 im legendären Forschungslabor Xerox PARC entdeckt hatte. Apple ermöglichte dem Kopierer-Hersteller damals, sich für eine Million Dollar Apple-Anteile zu kaufen, die nach dem Börsengang des Unternehmens 17 Millionen Dollar wert waren. Dafür durften sich Jobs und sein Team Xerox-Techniken wie Smalltalk anschauen, die beim Xerox Star für eine (in der Praxis nur in Ansätzen brauchbare) GUI sorgten.

(Quelle: Apple)

Jobs erkannte das Potenzial sofort. Er war wie geblendet und wollte die Technik unbedingt bei der Entwicklung des Apple Lisa einbringen. Doch der Apple-Verwaltungsrat traute ihm nicht zu, das Projekt zum Erfolg zu führen. Daher schnappte sich der wilde Firmenmitbegründer das Macintosh-Projekt von Jef Raskin, das als Nachfolger für den Apple II als "Volks-Computer" in Arbeit war. Raskin hatte geplant, den Macintosh mit einem möglichst preiswerten Prozessor, dem Motorola 6809, und einem extrem eng bemessenen Hauptspeicher von 64 Kilobyte auszustatten, um ihn nicht teurer als 1000 Dollar werden zu lassen. Doch um die Ideen von Xerox zu veredeln und zum Laufen zu bringen, reichte diese Hardware nicht aus.

Andy Hertzfeld, der den Systemkern des Mac (und später das Benutzer-Interface von Google+) entwickelt hat, und seine Kollegen mussten in diesen Monaten immer wieder unter den Wutattacken von Jobs leiden.

Das Team wurde aber auch positiv angespornt: "Steve war sehr verärgert, dass der Mac zunächst so lange zum Booten brauchte", berichtete Hertzfeld Jahre später. "So versuchte er (den Software-Entwickler) Larry Kenyon zu motivieren. Er erzählte ihm: 'Du weißt, wie viele Menschen diese Maschine kaufen werden? Es werden Millionen sein. Stellen wir uns vor, dass Du die Maschine eine Sekunde schneller booten lassen kannst. Das macht bei zehn Millionen Nutzern 360 Millionen Sekunden im Jahr. Das entspricht 50 Menschenleben. Würdest Du nicht auch drei Tage investieren, um 50 Menschenleben zu retten?' Es war ein netter Weg, so über das Problem nachzudenken." Kenyon machte sich noch einmal an die Arbeit und verkürzte den Bootvorgang um weitere drei Sekunden. So löste das "Macintosh-Team" ein Problem nach dem anderen.

Zwei Tage nach der Ausstrahlung des 1984-Werbespots führte Jobs am 24. Januar 1984 auf der Aktionärsversammlung von Apple erstmals in der Öffentlichkeit vor, wofür sein Team monatelang bis zum Umfallen gearbeitet hatte. Bei der Demo spielte der Mac die Titelmusik von "Die Stunde des Siegers". Das Wort MACINTOSH lief horizontal über den Bildschirm, gefolgt von einer Serie von Screenshots, die die grafischen Möglichkeiten des Mac unterstreichen sollten. Dann verkündete der Computer mit elektronischer Stimme: "Hallo. Ich bin Macintosh." Der Saal tobte.

Apple bot den ersten Macintosh zum Preis von 2495 US-Dollar an – inflationsbereinigt entspricht das heute knapp 5500 Euro. Der Mac war der erste Rechner mit einer grafischen Desktop-Oberfläche, den sich auch Privatanwender leisten konnten. Statt des schwachen 6809 haben die Entwickler den Motorola 68000 verbaut, der mit 8 MHz getaktet war und auf 128 Kilobyte Arbeitsspeicher zugreifen konnte. Der Prozessor trug seinen Namen, weil er aus 68 000 Transistoren bestand. Zum Vergleich: Apples A12-Chip, der im iPhone XS, XS Max und iPhone XR steckt, besteht aus 6,9 Milliarden Transistoren.

Ein 3,5"-Floppylaufwerk von Sony mit 400 Kilobyte Speicherplatz und ein kleiner 9"-Bildschirm vervollständigten den Macintosh. Wie der Vorgänger Lisa war auch er mit einer grafischen Bedienoberfläche und einer Maus ausgestattet, sodass die Anwender sich nicht mit Kommandozeileneingaben herumquälen mussten.

Das Konzept des Macintosh überzeugte viele Enthusiasten sofort. Der kommerzielle Erfolg des Mac stellte sich jedoch erst nach einer längeren Durststrecke ein. Im Sommer 1981 war Apple noch davon ausgegangen, bis 1985 über 2,2 Millionen Macs verkaufen zu können, also rund 47 000 Stück pro Monat. Doch der Macintosh kam erst Anfang 1984 auf den Markt. Und nachdem die Fans ihren ersten Kaufrausch befriedigt hatten, sackte der Absatz dramatisch auf rund 5000 Geräte pro Monat ab. In Deutschland war der Mac zwar der Star der Hannover Messe im Frühsommer 1984. Er verschwand dann aber zunächst wieder in der Versenkung.

Steve Jobs bei der Präsentation des Macintosh.

Dafür gab es auch einige handfeste Gründe. In einem TV-Interview erinnerte sich der damalige Apple-Chef John Sculley später: "Der Mac konnte einfach nicht viel: Wir hatten Mac Paint und Mac Write als einzige Anwendungen, und der Markt hatte das schon gemerkt. Am Ende des Jahres sagten die Leute: Vielleicht ist der IBM-PC nicht so einfach zu benutzen oder so attraktiv wie der Macintosh. Aber er macht etwas, was wir gerne wollen – Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Datenbank. Wir sahen die Umsatzzahlen für den Mac Ende 1984 runtergehen, und das wurde ein Problem im folgenden Jahr."

Der mit 128 Kilobyte viel zu eng bemessene Hauptspeicher machte diese Aufgabe aber nicht einfach. Erst als ein Jahr später der "Fat Mac" mit 512 Kilobyte DRAM auf den Markt kam, war der Flaschenhals beseitigt. Er war der erste Macintosh, mit dem man vernünftig arbeiten konnte.