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"Jobs"-Film bleibt ohne Tiefgang

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Am Freitag startete "Jobs" in den US-Kinos, eine inoffizielle Biografie, die Beobachter gespannt erwartet hatten. Der Film zeigt den Kampf eines Getriebenen gegen seine Freunde, gegen Kollegen und gegen die Wirklichkeit. "Ashton als Arschloch" wäre vielleicht der passendere Titel gewesen. Diese Rolle spielt der Hauptdarsteller, der Sitcom-Star Ashton Kutcher, zwar ordentlich. Einen glaubwürdigen Steve Jobs bringt er aber nicht auf die Leinwand, trotz der verblüffenden Ähnlichkeit und gelungen eingeübter Eigenheiten Jobs', etwa der leicht gebückten Art zu gehen.

Ashton schreit, Ashton droht, Ashton erniedrigt, Ashton nutzt aus, Ashton betrügt, Ashton feuert, Ashton verleugnet – kurz gesagt, er geht über Leichen. Und er weint, immer wieder: Die Anzahl der in "Jobs" fließenden Männertränen dürfte in Hollywood einen neuen Rekord aufstellen. Meist ist es Ashton, manchmal auch jemand anderes, etwa der von Josh Gad ungleich glaubhafter gespielte Steve Wozniak, der Tränen lassen muss.

Ashton Kutcher als Steve Jobs

(Bild: Verleih)

Mit der Mutter von Steve Jobs' erster Tochter darf auch einmal eine Frau weinen. Abgesehen von der Pfui-Teufel-wie-kann-er-nur-Verleugnung seiner Tochter (samt dramatischem Rauswurf der schwangeren Kindesmutter) erfährt man vom Privatleben der Hauptperson aber kaum etwas. Vielleicht war dem Drehbuchschreiber das Risiko, die Figur menschlich wirken zu lassen, zu groß. Möglicherweise sind diese Szenen aber auch der Schere zum Opfer gefallen: Der Film wirkt bisweilen wie eine zusammengeschnittene TV-Serie.

Sieben Monate in Indien auf spiritueller Suche samt Guru waren für den jungen Jobs sicher prägend. Tatsächlich wurde dafür in Indien gedreht, doch der Film reduziert die Szenen zu einer kurzen Bildcollage. Überhaupt wird so mancher Teil der Handlung nicht zu Ende erzählt, etwa die Aussöhnung mit der Tochter. Oder die geheimnisvollen Blicke, die zwischen dem von Jobs angeheuerten Marketing-Mann John Sculley und einer rangniederen Blondine ausgetauscht werden.

Auch eine Fehde mit Bill Gates bleibt rätselhaft: Ashton greift zum Hörer, beschimpft Gates wütend, kündigt eine Klage an und schwört ewige Blutrache, bevor er den Hörer aufs Telefon knallt. Gates bekommt man weder zu hören noch zu sehen, die tiefere Beziehung zwischen den Beiden wird nicht thematisiert, und auch der Ausgang der Klage bleibt offen.

Viele Details – etwa, wer im Hintergrund mit wem was mauschelte, wie sich die Geschäfte konkret entwickelten, welche Probleme Apple hatte – waren zwar elementar für die Entwicklung des Unternehmens, bleiben im Film aber unklar. Der konzentriert sich, durchaus in Einklang mit dem Titel, auf die Figur des Steve Jobs.

Damit man diesen auch ja als Asympathen erster Klasse wahrnimmt, parkt der Protagonist seinen Schlitten grundsätzlich auf dem Behindertenparkplatz, obwohl daneben viele Parkplätze frei sind. Als bekäme er die Rechnung dafür serviert, wird er kaltgestellt.

Jobs und sein kongenialer Partner Steve Wozniak (Josh Gad).

(Bild: Verleih)

Der letzte Akt mit Jobs' Rückkehr zu Apple beginnt unerwarteterweise mit Gartenarbeit; der nun mit kleiner runder Brille bestückte Kutcher darf einige Karotten herausreißen. Will der Drehbuchverfasser einen Bogen zum Rausschmiss der Kindesmutter spannen? Oder will er damit die Veränderung Jobs' andeuten, der inzwischen seine Tochter um sich hat? Wiederum fehlen Details und Tiefgang, und der Zuschauer bleibt ratsuchend zurück.

Plötzlich wird die zuvor leicht düstere Atmosphäre durch helles Licht und viel Weiß ersetzt: Ein Heilgenschein, quasi. Der geübte Hollywood-Konsument weiß – jetzt kehrt der Erlöser wieder!

Der junge Jonathan Ive (Giles Matthey), heute Co-Chef des Unternehmens, hält noch einen Lobgesang auf Steve Jobs, bevor der den durchweg sympathisch gezeichneten Partner Mike Markkula (Dermot Mulroney) rausschmeißt. Markkula war nicht nur Unterstützer seit der ersten Stunde, sondern hat Jobs den Wiedereinstieg bei Apple ermöglicht. Dem Protagonisten zur Seite stehen dann nur noch zwei weitere Manager, deren Identität dem Streifen nicht so wichtig ist. Einer stellt das Schlusswort in den Raum: "Und was machen wir jetzt?"

Die wirklich spannende Frage, wie Jobs es geschafft hat, das fast insolvente Unternehmen mit Altlasten zum wertvollsten Börsenunternehmen der Welt zu führen, die Geschichte von iPod, iPhone und iPad, von App Store und iTunes, eben jenen Dingen, für die Apple bei den jüngeren Konsumenten bekannt ist, erzählt der Film nicht. Er lässt auch Freunde nicht zu Wort kommen, die Jobs vergöttern.

Keine Frage, es gibt wesentlich unerfreulichere Biografien, doch der unabhängig von einem großen Hollywoodstudio produzierte "Jobs" bleibt Durchschnitt: durchschnittliche Kamera, durchschnittliche Musik, ohne Längen. Für Autor Matt Whiteley ist es laut IMDB das Erstlingswerk, und dafür gar nicht so übel. Die eine oder andere historische Ungenauigkeit und Vereinfachung gehört im Filmgeschäft dazu. Apple-Fans mag genau das stören. Zumal die Figur Steve Jobs mehr hergegeben hätte.

Von Sony darf man mehr erwarten. Das Studio hat sich die Rechte an Jobs' offizieller Biographie gesichert. Nach Angaben des verpflichteten Drehbuchautors Aaron Sorkin arbeitet man an drei halbstündigen Episoden um wichtige Reden des Apple-Mitgründers.

Ob und wann "Jobs in die deutschen Kinos kommt, ist derzeit unklar. Einen Distributor scheint es noch nicht zu geben. (Daniel AJ Sokolov) / (se)