Kommentar: Apple ohne Jony Ive – das Ende einer Ära

Apple-Designchef Jony Ive verlässt den Konzern nach 27 Jahren. Das könnte nicht die schlechteste Entscheidung für den iPhone-Hersteller sein.

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Jonathan "Jony" Ive war stilprägend für Apple – und eine ganze Generation von Technikdesignern.

(Bild: dpa, Christoph Dernbach)

Von
  • Ben Schwan

Apple und Jony Ive, Jony Ive und Apple – im Grunde waren diese beiden Bezeichnungen austauschbar. Das eine schien nicht ohne das andere zu gehen. Der extrem talentierte Designer, seit 1992 bei dem Konzern, war stilprägend für eine ganze Generation von Technikgestaltern und hat mit seinem Minimalismus, seinen freundlichen wie cleveren Ideen, seiner Zen-artigen Geduld und seiner ganzen Aura dafür gesorgt, dass Apple der Wiederaufstieg ab 1998 gelang.

Bei keinem wichtigen Produkt fehlte Ive, er ist der Gestalter des iMac genauso wie des iPod, des iPhone oder des iPad. Er hat mit seiner Arbeit – das muss man wirklich so sagen – die Welt revolutioniert. Ohne Ive würden wir heute nicht jeden Tag Hunderte Male auf glatte Glasplatten starren, die wir aus unserer Hosentasche ziehen und unsere Büros sähen deutlich weniger elegant aus, was die Technikversorgung auf dem Schreibtisch betrifft.

Und dennoch: Schon seit vielen Jahren gab es Spekulationen, dass Ive, Brite mit sonorem Essex-Akzent, der jedes noch so langweilige Apple-Produktvideo zu Kunst erhob, seinen Abschied plane. Als 2011 nach langer Krankheit Steve Jobs verstorben war, glaubten Beobachter schon, dass das auch das Ende der Ära Ive sein könnte. Denn Ive war mit Jobs quasi zusammengewachsen – sie waren enge Freunde und es gab keinen Ort bei Apple, den Jobs lieber hatte, als Ives magisches Designstudio.

Doch Ive blieb, bekam unter dem Jobs-Nachfolger Tim Cook eine noch herausragendere Position als zuvor und quasi freie Hand. So kümmerte er sich mit seinem Team bald auch um das Design der Software und holte mit iOS 7 im Jahr 2013 das iPhone in ein neues User-Interface-Zeitalter – auch wenn das den Usern anfangs überhaupt nicht schmeckte. 2015 wurde Ive zum "Chief Design Officer" (CDO) befördert, was nur nach außen hin demonstrierte, dass bei allen Apple-Designentscheidungen ohne ihn rein gar nichts ging.

Jony Ives Produkte (12 Bilder)

Twentieth Anniversary Macintosh

Schon der Twentieth Anniversary Macintosh (TAM) war ein Jony-Ive-Produkt – noch vor seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Steve Jobs. Er erschien im Frühjahr 1997 und gehörte zu den ersten Projekten, die der Brite für Apple durchführte.
(Bild: Apple)

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ive allerdings schon eine ganz spezielle Hauptarbeit: Die Gestaltung des neuen Apple Park. Das neue "Mutterschiff" in Cupertino mit seiner Norman-Foster-Architektur kam ohne den CDO nicht voran. Er kümmerte sich quasi um alles – von der Treppe über die Glastür bis zum Türgriff. Das sorgte dafür, dass er während dieser Arbeit sein Tagesgeschäft an zwei Mitarbeiter des Designstudios auslagerte. Apples Produkte waren also durchaus schon zuvor einmal "Ive-los".

Nachdem der Apple Park fertig war, ging Ive auf seine Position als Oberaufseher der Apple-Designer zurück. Doch das scheint ihm auf Dauer keine Freude mehr gemacht zu haben. Er wollte noch einmal "mehr" – auch Dinge gestalten, die nichts mit Elektronik zu tun hatten. Er hatte parallel zu seiner Arbeit bei Apple immer wieder externe Designmeisterstücke entwickelt – von der Badezimmerarmatur bis zum Schreibtisch komplett aus Alu – und schien irgendwie beim iPhone-Hersteller nicht mehr ausgefüllt oder zumindest in dessen festgelegten Produktzyklen nicht frei genug zu sein. Da scheint es nur konsequent, dass er mit "LoveFrom" nun ein eigenes Studio gründet. Dass er das zusammen mit Marc Newson tut, der zuletzt auch für Apple arbeitete und dem die Apple Watch wichtige Teile ihres Designs zu verdanken hat, ist nur konsequent: Die beiden sind dicke Freunde.

Ein seltener Einblick in Apples Design-Abteilung. (Quelle: Apple)

Für Apple kann noch niemand sagen, wie es nach der Ära Ive weitergeht. Es ist für das Unternehmen ein großer Verlust, entsprechend schlug die Nachricht auch ein wie eine Bombe. Die Apple-Aktie stürzte nachbörslich um 1 Prozent ab, auch wenn sie sich später wieder berappelte – offenbar vertraut die Wall Street dem Führungstalent von Tim Cook. Die Arbeit von Ive werden angestammte Mitarbeiter seines Designstudios übernehmen – Alan Dye (Human Interface Design, also Software) und Evans Hankey (Industriedesign). Daneben wird mit COO Jeff Williams einer von Cooks engsten Mitarbeitern die Designarbeit überwachen. Dass sich Apple einen "neuen" Jony Ive zulegen wird, ist hingegen eher unwahrscheinlich, denn kopierbar ist er nicht.

Eine Chance ergibt sich aus Ives Abgang aber durchaus: Apple könnte eingefahrene Routinen neu denken, jungen Talenten mehr und neue Chancen geben. Dass das geht, zeigt schon besagte Apple Watch. In seinem Pressestatement betont Apple denn auch, dass Williams die Entwicklung der Computeruhr geleitet habe – und Hankey deren Design. Damit will der Konzern wohl zeigen, dass er durchaus "Ive-los" sein kann. Und die Apple Watch hat sich mittlerweile zu einem großen Erfolg entwickelt, so belächelt sie anfangs auch wurde. Andererseits fragt man sich nun, wer wirklich die Oberaufsicht über das Design bei Apple hat, wenn Ive nicht mehr da ist. Tim Cook ist kein Designer, Jeff Williams ebenfalls nicht. Man kann nur hoffen, dass es nicht zu einer Selbstzerfleischung kommt.

Dass Ive mit seinem neuen Designstudio LoveFrom Apple wirklich großartig helfen kann, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Die Zusammenarbeit als "exklusiver Kunde" sorgt nur dafür, dass der Abgang etwas abgemildert wird. Doch wer bei Apple raus ist, ist "wirklich raus". Das wird auch Ive wissen – und es war ihm anscheinend wichtiger, nun, mit (erst) 52 Jahren, wieder "frei" zu sein.

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(bsc)