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Pro & Contra: Sollte Apple mehr Haltung zeigen?

Die chinesische Regierung verlangt das Löschen von Apps, Russland möchte eigene Software auf iPhones installieren. Und Tim Cook sucht Kontakt zu Trump.

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Artikel aus Mac & i Heft 6/2019, S. 7

Apple trägt eine große Verantwortung: Der Konzern verarbeitet Kobalt, das im Kongo unter menschenunwürdigen Umständen gefördert wird, und verbraucht massenhaft Energie. Nicht nur die Arbeitsbedingungen von Angestellten bei Zulieferern hängen von Apples Entscheidungen ab, sondern auch die Sicherheit von Daten, im Notfall sogar das Leben von Anwendern. Daher ist es wichtig, dass Tim Cook Missstände anspricht und, wo immer möglich, auflöst.

Allerdings gehen mir die Kalifornier noch nicht weit genug. Warum messen sie das iPhone nicht am Fairphone, verbauen noch weniger Konfliktmineralien, sorgen für austauschbare Komponenten und eine faire Bezahlung aller Beteiligten? Apple könnte es sich leisten.

Eine klare Haltung zeigte das Unternehmen kürzlich in Russland. Dort sollen künftig auf allen Smartphones staatlich verordnete Apps vorinstalliert werden. Apple lehnt dieses Ansinnen mit großem Nachdruck ab. Sollte die Regierung darauf bestehen, werde man das Geschäftsmodell in Russland gründlich überdenken, verlautete es aus der Konzernzentrale. Derart klare Ansagen wünsche ich mir viel häufiger, zum Beispiel auch in China, wo Apple sich allzu rasch zum Löschen unliebsamer Apps hat überreden lassen.

Außerdem müsste der Konzern eine klare Position zur amerikanischen Außen- und Innenpolitik einnehmen. Natürlich kommt ein CEO wie Tim Cook nicht umhin, mit seinem Staatsoberhaupt über so brisante Themen wie Strafzölle zu diskutieren, da geht es schließlich um viel Geld. Aber dass der liberale Cook dem erzkonservativen Donald Trump auch noch bei seinem Wahlkampf behilflich ist, indem er ihm gestattet, image-förderndes Videomaterial bei der Mac-Pro-Fertigung zu produzieren, ärgert mich.

Auch dass Apple kürzlich alle Apps aus dem Store verbannte, die sich mit dem Dampfen von gesundheitsschädlichen E-Zigaretten beschäftigen, ist aus meiner Sicht nur ein erster Schritt. Im nächsten Anlauf sollte Apple Spiele löschen, die abhängig machen und den Anwendern per In-App-Käufe Unsummen aus der Tasche ziehen. Angemessen wäre, die Nutzer vor Abzocke zu schützen statt an den Provisionen mitzuverdienen.

Also, Apple: Bitte mehr Haltung zeigen, auch dann, wenn es Geld kostet. (wre)

Apple baut Computer, Mobiltelefone und versucht sich neuerdings als Filmproduzent. Warum, um alles in der Welt, sollten wir von diesem Unternehmen wesentliche Beiträge zur Weltverbesserung erwarten? Wenn Sie mich fragen, mischt sich Apple bereits viel zu sehr in das tägliche Leben ein.

Nehmen wir nur einmal die gelöschten E-Zigaretten-Apps. Wie kommt Apple bloß auf die Idee, mir vorschreiben zu wollen, ob ich mit meinem iPhone eine E-Zigarette steuern darf? Wenn Apple um meine Gesundheit besorgt ist, wirft es demnächst womöglich auch Apps raus, die sich mit Whiskey, Bier oder Wein beschäftigen – Alkohol macht schließlich ebenfalls krank – oder Grill-Apps, weil man damit Fleisch verbrennen könnte. Bitte nicht.

Das sorgfältig gepflegte grüne Image hat für mich ebenfalls einen schalen Nachgeschmack. Immer wieder werben Videos mit viel Brimborium für “recyceltes Aluminium”. Tatsächlich sammelt Apple aber nur die beim Fräsen anfallenden Raspel ein und formt aus ihnen neue Geräteschalen. Aus meiner Sicht soll das mehr Kosten reduzieren als die Umwelt schonen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viel von dem zur Schau getragenem Engagement lediglich dem Zweck dient, möglichst positiv in der Öffentlichkeit dazustehen.

Zwar riskiert Apple in der Frage der russischen Staatsapps eine dicke Lippe, lässt sich von der chinesischen Regierung aber dazu drängen, Apps zu löschen, die den Demonstranten in Hongkong bei der Organisation von Protesten helfen. Schlimm finde ich dabei, dass Apple dann auch noch die “Argumente” der Regierungsseite übernimmt, die Apps gefährdeten die innere Sicherheit und die Arbeit der Polizei. Klare Haltung nur dann, wenn es gerade passt? Das braucht keiner.

Apple sollte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren, uns mit tollen, innovativen Produkten begeistern und die Weltverbesserei anderen überlassen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es klasse, wenn sich Tim Cook für Migranten einsetzt. Aber sollte er das nicht besser als Privatperson tun statt als CEO von Apple? Bill Gates hat das für sich sehr gut gelöst: Erst aus dem Unternehmen zurückziehen, dann das Thema Weltrettung angehen. (kai)

Wer hat recht? Diskutieren Sie mit!

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(Wolfgang Reszel, Kai Schwirzke) / (kai)