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Vor 20 Jahren: Steve Jobs killt den Newton

Apples MessagePad war für seine Zeit ein erstaunlich fortschrittlicher Handheld. Dennoch stellte der Konzern die gesamte Produktlinie am 27. Februar 1998 offiziell ein. Teile leben im iPhone weiter.

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Vor 20 Jahren: Steve Jobs killt den Newton

So verabschiedete sich c't vor 20 Jahren vom Newton.

c't brachte es in Ausgabe 06/1998 auf den Punkt: "Apples Luxus-PDA wird nicht mehr gebaut" war da zu lesen. heise online schrieb recht nüchtern: "Apple stellt Newton ein".

Was war geschehen an jenem 27. Februar vor 20 Jahren? Apples – damals noch – Interim-CEO Steve Jobs hatte den Newton, so wurde zumindest lange kolportiert, eigentlich nie gemocht. Monate vor der öffentlichen Bekanntgabe der Entscheidung im Frühjahr 1998 gab es bereits Spekulationen, dass Apples Personal-Digital-Assistant-Sparte demnächst das Zeitliche segnen könnte.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Sowohl MessagePad 2000 als auch das Topgerät 2100 – darin steckten ein 162 MHz schneller StrongARM-Chip, ein 480 × 320 Pixel auflösender Bildschirm sowie 8 MByte ROM, 4 MByte RAM und 4 MByte Flash-Speicher – würden nicht mehr gebaut, verkündete Apple. Der für Bildungsanwendungen gedachte Ableger des Newton, das eMate 300, natürlich ebenfalls nicht mehr. Die Hoffnung, neue Großkunden könnten das Ende noch einmal aufhalten, zerschlugen sich bald.

Apple Newton (12 Bilder)

MessagePad 100

Das MessagePad 100 war der zweite Newton. Die Hardware unterschied sich nicht vom Original-Newton (ARM 610 mit 20 MHz), dafür gab's gleich das verbesserte Newton OS 1.3. Das MessagePad 100 kam im März 1994 auf den Markt.
(Bild: "Apple Newton" / Rama & Musée Bolo / cc-by-sa-2.0-fr)

Dabei gehörte der Newton zu den innovativsten Produktreihen, die in Apples Epoche ohne Steve Jobs von 1985 bis 1997 entstanden. Der Handheld hatte schon bei seinem Verkaufsbeginn am 3. August 1993 (Deutschland folgte im Dezember) Maßstäbe gesetzt. Viele der damals entwickelten Ideen wirken bis heute nach – von der leicht verständlichen Bedienoberfläche über die für den damaligen Zeitpunkt hervorragende Mobilität des Geräts bis hin zur Verwendung von ARM-Prozessoren, die auch heute noch (wenn auch enorm beschleunigt und technisch auf dem neuesten Stand) in iOS-Hardware stecken. Zudem gibt es einige Apple-Mitarbeiter, die sowohl am Newton-Projekt als auch am iPhone arbeiteten und die bei dem PDA gewonnenen Erkenntnisse durchaus zu berücksichtigen wussten.

Wie der Newton funktioniert – eine Einführung (Video: Apple).

Das Newton-Projekt begann bereits sechs Jahre vor dem Marktstart – 1987. Es sollte auch beweisen, dass Apple-Boss John Sculley, der Jobs 1985 aus dem Unternehmen gedrängt hatte, dazu fähig war, Apple zu spannenden Innovationen zu führen. Der Newton kam mit dem stiftbasierten Betriebssystem Newton OS, das eine Schrifterkennung hatte: Man schrieb auf den monochromen Bildschirm und der Newton digitalisierte die Schrift sofort. Die funktionierte zwar anfangs nicht besonders gut, machte aber mächtig Eindruck, wenn es zuverlässig arbeitete (Newton-OS-Updates halfen).

Es gab diverse interessante Anwendungen von der To-Do-Liste über das E-Mail- und Faxprogramm bis (später) hin zum Browser, mit dem man – mühsam, aber immerhin – surfen konnte (siehe Bilderschau). Wer keine Lust hatte, auf dem Newton mit dem Stift zu schreiben, konnte später auch eine Tastatur anschließen. Der Newton hatte PCMCIA-Slots für Erweiterungen, wie man ihn sonst von Notebooks kannte. Nickeligkeiten wie die Installation von Treibern oder das Herunter- und Hochfahren des Geräts mussten Newton-Besitzer nicht ertragen. Mit passender Hardware funktionierte das meiste "sofort" – und wenn man den Newton nicht brauchte, ging er in einen Schlafmodus und war nach dem Aufwecken direkt wieder zu benutzen.

Apples Handschrifterkennung sorgte anfangs für Lacher (Video: 21st Century Fox).

Das ursprüngliche Einsatzszenario des Newton war das des "Mobile Warriors", des mobilen Geschäftsmanns, der auch gerne aus kreativen Berufen, etwa der Architektur, kommen konnte. Apples Idee für diesen Use Case war es, dass dieser unterwegs Notizen anfertigen könnte, Baupläne einsehen und nötigenfalls Verträge an sein Büro faxen sollte, wenn es mal notwendig war. Und der Newton war dazu noch wesentlich kompakter und tragbarer als Laptops jener Ära. Ein Top-Verkaufserfolg war dem Newton über seine Lebensdauer nicht beschert – ein iPhone wurde er nie. Das lag auch am Preis, der zum Marktstart bei 700 US-Dollar lag. In Deutschland konnte man Tausende Mark inklusive Zubehör investieren, wenn man denn wollte.

Die Liebe bei den Fans des Newton war groß. Und so gab es, schrieb c't 1998, sogar eine Demonstration der "Newton Developers Association" in Cupertino. Ihre Mitglieder zogen am 6. März in einem Protestzug zum Apple-Hauptquartier. Vorsitzender Adam Tow machte aus seiner Wut – auch auf Steve Jobs – keinen Hehl: "Der Newton hat sich so weit entwickelt, dass er jetzt der beste Handheld-Computer auf dem Markt ist. Wir können es nicht zulassen, dass die Voreingenommenheit eines Mannes das zerstört, was im letzten Jahrzehnt mit dem Blut, Schweiß und den Tränen Tausender Menschen geschaffen wurde."

Geholfen hat das nichts. 30.000 MessagePads und eMates wurden in Apples angemieteter Müllkippe im US-Bundesstaat Utah vergraben. Dort sollen zuvor auch schon fast 3000 Lisas weggekippt worden sein.

Die bekannte US-Computersendung "Computer Chronicles" stellt den Newton vor (Video: Computer Chronicles).

(bsc)