Menü
Mac & i

Zur iPhone-Krise: Wie Apple gegenhalten könnte

Der Versuch, sinkende Smartphone-Verkäufe durch höhere Preise zu kompensieren, ging nach hinten los. Apple-Boss Cook muss sich auf echte Innovationen besinnen.

vorlesen Drucken Kommentare lesen 202 Beiträge
Tim Cook

Apple-Chef Tim Cook versicherte den Analysten, er sei «sehr optimistisch» für die Zukunft.

(Bild: dpa, Robin Van Lonkhuijsen)

Apples Umsatzwarnung von letzter Woche, die für einen deutlichen Niedergang der Aktie des iPhone-Konzerns sorgte, hat die Branche überrascht: Das Unternehmen um CEO Tim Cook galt vielen Beobachtern als unverwundbar. Doch nun zeigt sich, dass dem nicht so ist: Insbesondere der chinesische Markt macht Apple starke Schwierigkeiten.

Der Plan, iPhones teurer und mit höheren Margen zu verkaufen, um dem sich abschwächenden bis stagnierenden Smartphone-Markt zu begegnen, ging offenbar nicht auf – auch für Apple gilt augenscheinlich eine Höchstpreisgrenze, bis zu 1650 Euro wollen viele Kunden für ein iPhone (in diesem Fall das XS Max in Topausstattung) dann wohl doch nicht zahlen.

Apple hat nun mehrere Möglichkeiten, auf die Probleme zu reagieren – und erste Gegenstrategien sind bereits eingeleitet. Das beginnt bei der Tatsache, dass der Hersteller das (eigentlich als Massenmodell geplante) XR bei Abgabe eines alten iPhones zum vergleichsweise Günstig-Preis (ab 580 Euro) offeriert und mittels des gleichen "Give back"-Programms auch das iPhone XS verbilligt (ab 880 Euro).

Zu Apples aktueller iPhone-Krise:

mehr anzeigen

Weiterhin scheint man bei Apple langsam zu verstehen, dass es nicht ausreicht, einfach nur ältere iPhone-Modelle verbilligt zu offerieren, wenn neue Varianten erscheinen. In Deutschland ist das bei Apple direkt aufgrund des von Qualcomm erwirkten Verkaufsverbots für iPhone 7, 8 und X aktuell sowieso nicht möglich. Das iPhone SE, einst beliebtes Einsteigergerät im Kompaktformat, könnte Apple in Form des lange erwarteten "iPhone SE 2" wiederbeleben. Apple muss bei alledem allerdings aufpassen, sich sein Image als "Upmarket"-Elektronikmarke nicht kaputt zu machen.

Beim Mac hat Apple mittlerweile endlich fast sein gesamtes Line-up überholt. Allerdings sind auch diese Maschinen nicht als günstig zu bezeichnen. Womöglich rundet der Konzern sein Angebot bald mit einem billigeren MacBook nach unten ab, um auch hier wieder mehr vom Massenmarkt abzubekommen.

64GB RAM im neuen Mac mini kosten 1680€ Aufpreis. Immerhin lässt sich der Arbeitsspeicher selbst aufrüsten und so Geld sparen.

Ein vergleichsweise günstiges Massenprodukt ist bereits die Apple Watch, die sich für den Konzern zum Bestseller entwickelt hat. Ab gut 300 Euro geht es hier für das ältere Series-3-Modell los. Wenn man durch deutsche Großstädte läuft, sieht man immer mehr der Computeruhren, was wiederum dem Absatz von iPhone & Co. hilft, da die Geräte ohne selbige nicht betrieben (geschweige denn eingerichtet) werden können.

Eine Möglichkeit, wieder aus der iPhone-Krise zu kommen, ist auch der verstärkte Einsatz im Servicegeschäft. Es soll viele Milliarden Umsatz für Apple generieren, wobei der Konzern hier noch viele Hausaufgaben zu erledigen hat. Wichtige Plattformbenutzer wie Netflix oder Spotify hat Apple kürzlich verloren, weil sie nicht mehr bereit sind, bis zu 30 Prozent ihrer Umsätze als Provision an den App Store abzuführen. Hier müssen niedrigere Preise her.

iCloud hat nach wie vor einen albern niedrigen Gratisspeicherplatz von nur 5 GByte. Würde Apple diesen erhöhen, würden Nutzer womöglich merken, wie praktisch der Dienst eigentlich ist – vom Backup bis zum Internet-Laufwerk iCloud Drive – und verstärkt ein kostenpflichtiges Abo für mehr Platz abschließen.

Schließlich fehlt es Apple in den vergangenen Jahren an Durchführungskompetenz. Auf diverse neue Mac-Modelle warteten User seit Jahren, während Apple alte Geräte, die niemand mehr wollte, einfach weiter verkaufte. Produkte wie AirPower oder die zweite Generation der AirPods kommen einfach nicht auf den Markt, obwohl sie das Zeug zu Bestsellern hätten. Dass deren Fertigstellung einem Milliardengiganten wie Apple nicht gelingt, versteht kaum ein Marktbeobachter.

Und dann wäre da noch jener Bereich, für den Apple eigentlich berühmt ist: Echte Innovationen – beziehungsweise die Schaffung von Geräten, die gut bedienbar in die Zukunft weisen. Die Apple Watch ist das einzige komplett neue Produkt in der Ära Tim Cook, der in diesem Jahr sein achtes Dienstjubiläum als CEO hat. Deshalb muss Apple endlich Gas geben. Von den "iCar"-Fahrzeugplänen hört man nur alle Schaltjahre etwas in der Gerüchteküche. Und ob wirklich irgendwann einmal eine AR-Brille von Apple kommt, weiß noch niemand. Ganz zu schweigen vom ominösen TV-Gerät, das immer wieder mal durch die Gerüchteküche schwappt.

Man mag es dementsprechend zwar kaum erwähnen, doch es stimmt: Apple fehlt eine Führungsfigur, wie sie dereinst Steve Jobs darstellte. Oder aber: Tim Cook muss öfter mal auf den Tisch hauen. Dass sich beispielsweise sein wichtigster Mitarbeiter, Apple-Designchef Jony Ive, über Jahre vor allem mit Apples neuem Hauptquartier beschäftigen durfte (inklusive dem Design der Türgriffe der Büros), ist ein Treppenwitz. Jobs hätte dem nicht lange tatenlos zugesehen. (bsc)