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Festival STWST48 – Kritische Information und Desinformation in 48 Stunden

Neben der elektronischen Kunst, wie sie auf der Ars Electronica zu sehen ist, gibt es auch eine alternative elektronische Kunst, der sich in Linz am vergangenen Wochenende die STWST48 als Erweiterung widmete.

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Festival STWST48 – Kritische Information und Disinformation in 48 Stunden

Die Stadtwerkstatt in Linz, einer der Schauplätze des alternativen elektronischen Kunstfestivals STWST48.

(Bild: Amina Lehner)

Nicht zufällig fand gleichzeitig zum weltweit renommierten Ars-Electronica-Festival die STWST48 statt. In 48 Stunden sollte hier gezeigt werden, dass es eine alternative elektronische Kunst gibt. Die Communities dafür existieren laut Shu Lea Chang, einer der beiden Kuratorinnen des Festivals, weltweit. Die STWST48 wollte sie in Linz zusammenbringen und vernetzen.

48 Stunden lang wurden von Künstlerinnen und Künstlern, Hackerinnen und Hackern Informationen gecrasht, entgiftet, ins Weltall geschickt, in Desinformation umgewandelt oder aber versucht, ihr zu entfliehen. Damit erweiterten die Projekte die Ars Electronica um eine politische Dimension. Für den Kurator Franz Xaver ist es wichtig, dass Kunst außerhalb des Systems handelt; solange man Teil davon ist, sei das nicht möglich.

STWST48 in Linz (11 Bilder)

"Wir brauchen Zufälligkeit für einen freien Willen, überall finden wir Zufälligkeit, auch in uns selbst." Das Projekt Ghostradio generiert über einen Kelvin-Generator und eine Langdrahtantenne Geräusche, die in zufällige Zahlen gewandelt werden.
(Bild: Amina Lehner)

Die Büros und Studioräume des Freien Radio Linz (FRO 105.0MHz) und der Netzkulturinitiative servus.at im ersten Stock der Stadtwerkstatt sind zu Ausstellungsräumen umfunktioniert worden. Quentin Chevreau und Annick Rivoire von Makery.info sehen schon etwas müde aus, seit über 30 Stunden führen die beiden Interviews mit Bastlerinnen und Bastlern, Hackerinnen und Hackern auf der ganzen Welt. "Die Labs könnten unterschiedlicher gar nicht sein, doch was sie alle verbindet, ist ihre Offenheit. Sie sind alle für jeden und jede zugänglich und teilen auch gerne ihre Information," meint Quentin Chevrier, Community Manager bei Makery.

Der Puls des Publikums wird in Sinuswellen übersetzt.

(Bild: Amina Lehner)

Nebenan sitzt Michelle Lewis-King mit ihrem Pulse Project. Die PhD-Anwärterin kreiert ein Soundscape aus den Pulsaufzeichnungen des Publikums. Zwölf Organe gibt es in der chinesischen Medizin, ihnen allen sind unterschiedliche Frequenzen zugeordnet. Die jeweiligen Pulsaufzeichnungen werden in Sinuswellen übersetzt, durch ihre Überlagerung entsteht von jedem Menschen eine einzigartige Soundlandschaft.

Von der Main Stage dröhnt es bis in die Ausstellungsräume. Das GIASO – kurz für "Great International Streaming Orchestra" – des Kollektivs APO33 spielt gerade ein Konzert. Sieben Musikerinnen und Musiker sind zu hören, auf der Bühne selbst stehen aber nur zwei: Jenny Pickett und Romain Papion. Über das Internet werden Kompositionen und Improvisationen gestreamt und von den beiden vor Ort gemischt. Der Mix ist zeitgleich online zu hören, damit das gesamte Orchester mitbekommt, was letztendlich mit allen Delays beim Publikum ankommt. Über den Stream und einen zusätzlichen Chat wird miteinander kommuniziert und auf die Musik Einfluss genommen.

Mit dem eigenen Smartphone (das hier in einer der grünen Hüllen steckt) kann der Stream von ↄ⃝NSA manipuliert werden.

(Bild: Amina Lehner)

Auch das zweite Projekt des Kollektivs APO33 namens " ↄ⃝NSA – critical NETWORKED STREAMING ACTION" beschäftigt sich mit Streams. Bei dieser interaktiven Arbeit werden mit der Programmiersprache Pure Data die Webstreams von verschiedenen Internetradios eingefangen, vermischt und neu zusammengestellt. Diese Installation soll auf Massenüberwachung, unter anderem der NSA, aufmerksam machen. Die selbst entwickelte Software der jeweiligen Projekte sind Open Source und werden zur weiteren Verwendung vor allem für andere Künstlerinnen und Künstler zugänglich gemacht.

DJU DJU ist noch bis Ende September "geöffnet".

(Bild: Amina Lehner)

Einige Meter von der Stadtwerkstatt entfernt, am Ufer der Donau, liegt DJU DJU, eine "soziale Skulptur". Gebaut und betreut von Kunststudierenden ist sie als Intervention des öffentlichen Raumes gedacht. Hier können nachhaltig soziale Praktiken, wie der Austausch von Information, in einer gemütlichen Atmosphäre geübt werden.

Die Eleonore liegt am Winterhafen in der Donau.

(Bild: Amina Lehner)

Die Donau abwärts am Winterhafen liegt das Schiff Eleonore. Auf ihr leben und arbeiten jedes Jahr verschiedene Künstlerinnen und Künstler während ihres Programms "Artist in Residence" der Stadtwerkstatt. Zum Abschluss der 48 Stunden findet am Sonntag der METUP Brunch statt. Gesprochen wird über das, was auf dem Tisch liegt: Fermentiertes.

Die Kuratorinnen und Kuratoren der STWST48 zeigen, dass es auf dem Festival um mehr geht als um Informationstechnik – es geht um Information im Allgemeinen: "Was bedeutet Information für uns, für unser Leben, für die Evolution, für einfach alles? Wir haben viel mit Informationstechnologie gearbeitet, das reicht nicht, es ist an der Zeit, sich mit Information an sich auseinanderzusetzen," ist Kurator Franz Xaver überzeugt. (Amina Lehner) / (pek)