Hardware-Hacker-Konferenz EHSM 2012 eröffnet

Ursprünglich als Ergänzungsveranstaltung zum 29C3 gedacht, wurde das "Exceptionally Hard & Soft Meeting" zur Konkurrenz-Konferenz. Am ersten Tag standen Fusionsreaktoren im Keller und Erdnussdosen-Geigerzähler im Mittelpunkt.

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  • Anika Kehrer

Eingang zum Hörsaalgebäude E-Technik der TU Berlin. Wer genau hinschaute, fand auch den Weg zum EHSM, indiziert durch das rote Plakat.

(Bild: Anika Kehrer)

Uni-Hof mit studentisch verwaltetem Café. Den Berliner Hand-made-Charme sieht das EHSM gern auf seiner Seite: "Sollen die CCCler doch wieder nach hier ziehen - wir gehen nicht nach Hamburg", trotzten sie im Twitter-Feed.

(Bild: Anika Kehrer)

Im zweiten Workshop bastelten sich die Teilnehmer einen Fingerring unter Anwendung von Ätzflüssigkeit für das Silber.

(Bild: Anika Kehrer)

Am Freitag hat die Hardware-Hacker-Konferenz "Exceptionally Hardware and Software Meeting" (EHSM) an der Berliner Technischen Universität bis einschließlich Sonntag die Zelte aufgeschlagen. Mehr als ein paar Zelte sind es, bildlich gesprochen, auch gar nicht: Von den drei angekündigten Ausstellern waren am ersten Tag nur zwei zu sehen, ein Stand davon auch noch unterbesetzt. Schadet jedoch eigentlich nicht, denn die meisten der geschätzten nur 60 Teilnehmer halten sich entweder im Vortragssaal oder im Workshopraum auf. Hier allerdings wurde schon am ersten Tag begeistert verdrahtet, gelötet und geätzt: In dem einen Raum entsteht aus einer Erdnussdose ein Low-End-Geigerzähler, und in dem anderen Raum ein selbstgemachter Silberring.

Es wundert ein wenig, dass sich nicht mehr Projekte als Aussteller zeigen, denn thematisch könnte das Zielpublikum spitzer nicht sein. Vielleicht liegt es tatsächlich am Hamburger 29c3. Zu dem versteht sich das EHSM ja nicht als Konkurrenz, wie Sébastien Bourdeauducq und Florian Streibelt vom Veranstalterteam in der Begrüßung noch einmal betonten. Im Gegenteil: Eigentlich war das EHSM als komplementäre Parallelveranstaltung zum Chaos-Kongress im BCC gedacht, berichten sie, mit der Berlin zudem einen weiteren Schritt auf dem Weg zur "Stadt der Konferenzen" gehen sollte. Motiv war, Hardware-Themen mehr Raum zu geben, als sie bisher auf dem Chaos-Kongress einnahmen. Durch die Verlegung des C3 nach Hamburg mussten sich die Hacker nun jedoch entscheiden.

Über die Thementiefe kann sich jedenfalls niemand beschweren. Gleich am Vormittag stießen zwei naturwissenschaftlich Versierte ihre Zuhörer in physikalisches und elektrotechnisches Kaltwasser: Die anonym auftretende Referentin Bionerd23 berichtet von Strahlungswerten in Tschernobyl im Vergleich zu den auch nicht weniger, jedoch auf natürliche Weise verstrahlten brasilianischen Stränden (was an besagten Stränden übrigens niemanden juckt). Sie ist auch diejenige, die später zum Dosen-Strahlungsmesser-Workshop einlud. Hier staunte die Deutsche darüber, dass eher 25 als die mitgebrachten 18 Bastelkits nötig gewesen wären, um das Besucherinteresse zu befriedigen. Sie hat sie selbst liebevoll zusammengestellt, sogar die Bauanleitung war händisch auf ein briefumschlaggroßes Papier aufgeschrieben.

Als Keynote-Speaker haben die Veranstalter den 17-jährigen Will Jack aus Ohio eingeflogen, der im Keller seines Elternhauses solange mit Starkstrom und Vakuumkammern herumgebastelt hat, bis er einen Kernfusionsreaktor beisammen hatte. Jack ist allerdings nicht der erste 17-jährige der daheim einen Fusions-Reaktor gebaut hat. Der US-Schüler Thiago David Olson verblüffte bereits 2006 die Fachwelt mit seinen Experimenten. Will Jacks Eltern hätten sich keine Sorgen gemacht, denn er sei vorsichtig gewesen, behauptet er. An seiner Schule – er geht in die 12. Klasse der Hudson High School – sei er jedoch schon eine kleine Berühmtheit. Das sagt er natürlich nicht ohne Stolz. Von welchem Lehrer er das für seine Experimente notwendige (nicht radioaktive) Deuterium zugeschustert bekam, hält er jedoch höflich geheim.

Nur mit derlei ausgesuchten, teuren Akquisemaßnahmen ist auch der stolze Ticketpreis von durchnittlich 90 Euro zu rechtfertigen (50 Euro im Vorverkauf bis Sommer, dann 90 Euro, jetzt 100 Euro an der Tageskasse). Das EHSM findet noch bis Sonntag auf dem Geländer der Technischen Universität Berlin statt. Im Grunde braucht man nicht hier zu sein, es sei denn, man sucht die Gesellschaft: Jeder Vortrag wird im Livestream übertragen.

(dab)