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Maker Days for Kids Bad Reichenhall

Bad Reichenhall verbinden die meisten wahrscheinlich spontan mit Sole, Asthmakuren und alten Leuten. Als Kontrastprogramm veranstaltete der BIMS e.V. in den Osterferien eine ambitionierte Alternativ-Veranstaltung für 10- bis 14-jährige Nachwuchs-Maker.

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Maker Days for Kids Bad Reichenhall

Das Haus der Jugend, ein moderner, allerdings auch etwas fantasielos-nüchterner Zweckbau an einer Ausfallstraße der Kurstadt Bad Reichenhall im Südosten Bayerns, war über Ostern der Veranstaltungsort für das viertägige Maker-Happening für Heranwachsende.

Jeweils von 11 bis 16 Uhr war Platz für 40 Kinder und Jugendliche, die sich in verschiedensten Bereichen des Selbermachens ausprobieren konnten, das Ganze kostenlos und ohne vorherige Anmeldung. SchülerInnen aus Bad Reichenhall standen teilweise schon eine Stunde vor Öffnung vor der Tür, andere wurden aus dem Umland von ihren Eltern gebracht. Und was es hier für die Kids alles zu entdecken und auszuprobieren gab: Unter fachkundiger Anleitung wurde – ganz konventionell mit Holzwerkzeugen – ein Fünf-Sterne-Insektenhotel gezimmert, in Workshops experimentierten Kinder mit Lightpainting und drehten Kurzfilme, man konnte sich ein T-Shirt mit individuellem Motiv selbst bedrucken, eine VR-Brille fürs eigene Handy basteln, an der Nähmaschine arbeiten, löten, häkeln, malen, programmieren und vieles mehr.

Maker Days for Kids Bad Reichenhall 2015 (20 Bilder)

Das Eingangsschild über dem Maker-Paradies für Kinder, für die meisten Erwachsene war ab hier Zutritt verboten. (Bild: Mathias Wunderlich)

Unmöglich, alle unterschiedlichen Angebote und Aktivitäten dieser vier Tage Making for Kids aufzuzählen – vieles entstand auch erst spontan durch die Ideen und die Kreativität der jungen Besucher. Und genau das gehörte zum Konzept der Veranstaltung: Exzellent vorbereitet und ausgestattet, aber eben nicht alle Angebote bis ins letzte Detail vorausgeplant und didaktisch überfrachtet. Sondern: In erster Linie Raum für die Fantasie und Kreativität der Kinder und Jugendlichen lassen, Material, Werkzeuge, Zeit und einen Ort zur Verfügung stellen, an dem sich etwas entwickeln kann, wo Fehler passieren können und sollen, weil genau daraus Neues entsteht ...

Quelle: Mathias Wunderlich

... was sich pädagogisch toll anhört, in der schulischen Realität von Heranwachsenden aber fast nicht mehr stattfindet. Schule wird bestimmt von durchgetakteten Stundenplänen, Lehrplänen, Kompetenzerwartungen und Testergebnissen. Gut, dass es manchmal Ferien gibt, in denen solch eine Veranstaltung wie die Maker Days for Kids stattfinden können. Und gut, dass es Menschen gibt, die Bildung vom anderen Ende her denken, abseits der standardisierten Wege.

Hinter der Veranstaltung stehen die Bildungsforscherin Dr. Sandra Schön und der E-Learning-Experte Dr. Martin Ebner. In monatelanger Vorarbeit haben sie das Event konzipiert, akribisch geplant, Material und Werkzeug zusammengetragen, Unterstützer gesucht und eine Crew für die Betreuung der einzelnen Stationen zusammengestellt und geschult.

Die Maker Days for Kids waren zweierlei: Für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen waren sie ein Happening voller Leichtigkeit und neuer Erfahrungen. Auf einer ganz anderen Ebene waren die Tage in Bad Reichenhall aber eine Art Test und so etwas wie eine Blaupause, wie Bildung und Maker-Movement in Zukunft sinnvoll verknüpft werden können. Eine ganze Reihe von Experten haben sich vor Ort umgeschaut, die Veranstaltung wurde in vielfacher Hinsicht dokumentiert, nebenher lief eine wissenschaftliche Begleitung, die in eine Diplomarbeit einfließen soll. Mit vielen Beteiligten – Kindern und Erwachsenen – wurden Interviews geführt, die in einen MOOC (Massive Open Online Course) münden werden. Von Bad Reichenhall aus könnte sich so die Idee der Maker Days for Kids verbreiten und vervielfältigt werden.

Denn eines ist klar: Diese Art von Bildung macht Arbeit! Sie erfordert neue Visionen einerseits, sehr kleinteiliges, akribisches Vorbereiten und Arbeiten aller Beteiligten andererseits. Aber das ist die Sache allemal wert – wer soll bitteschön die Technik der Zukunft beherrschen und weiterentwickeln, wenn nicht unsere Kinder?

Der Anfang ist gemacht, es ist jetzt an der Zeit, dass verantwortliche Personen das enorme Potenzial solcher Initiativen erkennen und angemessen fördern: Bildungspolitiker, Vertreter der Wirtschaft, Lehrer, Schulleiter, Veranstalter. Vielleicht wird man dann in zwanzig Jahren Bad Reichenhall nicht mehr zuerst mit Sole, Asthmakuren und alten Leuten assoziieren, sondern mit jungen Erfindern, modernster Technik und einem Umbruch in der Bildungslandschaft.

Unser Autor Mathias Wunderlich war als einer der freiwilligen Helfer bei den Maker Days for Kids vor Ort. (Mathias Wunderlich) / (pek)