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Schöner Programmieren: Processing 3 mit neuem Editor

Bislang war die maximal reduzierte Entwicklungsumgebung eines der Markenzeichen von Processing, der Programmiersprache für Quereinsteiger. Version 3 hat einige Werkzeuge an Bord, die das Coden leichter machen.

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Processing 3

(Bild: processing.org)

Für die schlanke Entwicklungsumgebung Processing für schnelle Code-Skizzen bekommt man regelmäßig kleine Updates, jetzt gibt es aber einen großen Sprung nach vorne: Processing 3 ist fertig und steht gratis zum Download für Windows, Linux und Mac OS X bereit. Neben dem neu gestalteten Editor fallen vor allem die Hilfsmittel fürs Programmieren und die Fehlersuche auf: So findet während der Eingabe eine Syntaxprüfung statt, bei der Fehler rot unterkringelt werden und Warnungen gelb. Statt wie bisher in der Textkonsole zu landen, haben Fehler und Warnungen ihr eigenes Tab unterhalb des Code-Editors bekommen.

Drückt man während der Eingabe die Steuerungs- und die Leerzeichentaste, schlägt der Editor mögliche Vervollständigungen vor. So was ist – wie der erstmals in Processing eingebaute Debugger – bei professionellen Entwicklungsumgebungen zwar schon seit Jahrzehnten Standard, bisher verzichteten die Entwickler aber bewusst darauf, um den Editor möglichst wenig verwirrend für Anfänger und Quereinsteiger zu halten. Was hingegen keineswegs Standard ist: Im sogenannten Tweak Mode ausgeführt, kann man im Code eines Programms während der Laufzeit Parameter verändern, indem man mit der Maus im Editor daraufklickt und durch Ziehen die Werte verändert. Die Auswirkungen werden live angezeigt.

Musste man für jede Anwendung bisher mit size() eine feste Größe in Pixeln vorgeben, gibt es jetzt einen Befehl für die Vollbilddarstellung, auch über mehrere Displays hinweg. Unter der Haube wurde das mittlerweile ungebräuchliche Java-Applet als Basis jedes Processing-Programms aufgeben, was auch den Weg für die verbesserte Darstellung von Grafiken über OpenGL frei gemacht hat. Für zweidimensionale Grafiken auf hochaufgelösten Displays kann man auch den experimentellen Renderer FX2D ausprobieren.

Ein eigener Contribution Manager bindet externe Bibiliotheken bequem ein und wacht auch über Updates dafür. Insgesamt macht Processing mit Version 3 den Eindruck, als habe das Projekt sich entschlossen, den ursprünglichen Code-Skizzen-Editor allmählich zu einer echten Entwicklungsumgebung zu erweiteren.

Speziell für alle, die schon mit Processing gearbeitet haben, gibt es ein gut 20-minütiges Video, in dem der gut gelaunte Entwickler Dan Shiffman die Neuheiten bei Processing 3 ausführlich erklärt:

Für Neueinsteiger gibt es ein interaktives Online-Tutorial.

Im Jahr 2001 initiierten Ben Fry und Casey Reas das Procssing-Projekt – mit dem Ziel, das Programmieren als Werkzeug für bildende Künstler, Designer und andere Quereinsteiger zu etablieren. Deshalb bringt Processing von Haus aus besondere Talente für statische, animierte und interaktive Grafiken mit. Fertige GUI-Elemente wie Schieberegler oder Texteingabe-Felder fehlen in der Grundausstattung allerdings völlig. Dafür gibt es unzählige Erweiterungen und Bibiliothken aus der ständig wachsenden Processing-Nutzergemeinde, die Werkzeuge etwa für Bild- und Videoverarbeitung, Klangerzeugung oder auch die fehlenden Menüs, Knöpfe und Regler für grafische Bedienoberflächen beisteuern. Wer nicht nur programmieren, sondern auch selbst Hardware bauen will, findet in Arduino das passende Schwesterprojekt zu Processing.

Die Webseite des Projekts versammelt zahlreiche Beispiele, ausführliche Dokumentationen und Tutorials, steht aber – wie die Software selbst – nur auf Englisch zur Verfügung. Allerdings sind in den vergangenen Jahren bereits einige Lehrbücher zu Processing auf deutsch erschienen.

Programmieren darf man mit Processing in einer gezielt vereinfachten Variante der mächtigen objektorientierten Programmiersprache Java. Ganz ohne deren für Anfänger verwirrenden Überbau bringt schon eine Handvoll Zeilen imperativen Quellcodes Grafiken und Animationen auf den Bildschirm. Da hinter den Kulissen eine vollwertiges Java am Werk ist, können versierte Programmierer auf den reichhaltigen Fundus an fertigen Methoden, Klassen und Pakete des Java-API zurückgreifen. Fertige Programme, im Processing-Jargon als "Sketches" bezeichnet, spuckt der Editor auf Knopfdruck wahlweise als ausführbares Java-Binary für Windows, Linux oder Mac OS X aus; mit einer Erweiterung bekommt man seine Programme auch auf Android-Mobiltelefone.

Für die Entwicklung umfangreicher Projekte war Processing bisher nur bedingt geeignet – der reduzierte Editor für den Quellcode hat zwar seinen eigenen Charme, aber Annehmlichkeiten wie automatische Ergänzung von Funktionsnamen und Schlüsselwörtern oder auch ein Debugger fehlen bis jetzt. Es war allerdings schon immer problemlos möglich, seinen Code in Processing zu beginnen und ihn, wenn er den Kinderschuhen entwachsen ist, in eine große Entwicklungsumgebung wie Eclipse umzuziehen. (pek)