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Tinker Board im Test: Hardware Top, Software Flop

Zuviel versprochen, nichts mit HDMI 2.0 und 4K-Auflösung: Nach der Ankündigung von Asus im Januar folgte bald die erste Ernüchterung. Auch im Test überzeugt das Tinker Board nicht.

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Tinker Board im Test: Hardware Top, Software Flop
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[Update, 15:20 Uhr: Asus hat uns inzwischen versichert, dass die Produktion ununterbrochen fortgeführt wird.]

Schön wäre es gewesen: ein Raspi-Klon mit 2 GByte RAM, schnellerer SD-Karten-Anbindung, 4K-Auflösung, Gigabit-Ethernet, WLAN – im gleichen Formfaktor und den gleichen Schnittstellen wie beim Raspberry Pi, für 60 Euro. Das alles sollte das Tinker Board von Asus erfüllen. Doch leider scheitert die Hardware an der nicht ausgereiften Software – wie bei so vielen Raspi-Klonen in der Vergangenheit.

Von der versprochenen 4K-Unterstützung bleibt in der Praxis nur Full-HD, das auf 4K mit 30 Hz hochskaliert wird – fehlende Treiber vereiteln echtes Ultra-HD und ob Asus sie nachliefert, ist unklar. Nach Angaben mehrerer Distributoren soll die Produktion des Boards ohnehin bereits eingestellt sein. HEVC/H.265-Video ruckeln unschön. Im Test legt das System des öfteren kurze Denkpausen ein, mitunter schaltete es mitten im Betrieb auch den Monitor komplett ab. Nach einem Tastendruck war das Bild jedoch wieder da. Zudem erkannte das Board bei diversen Full-HD-Monitoren die Auflösung nicht und stellte augenverstörende 1024 × 768 ein.

Die Anschlüsse des Tinker Board

(Bild: Asus)

Der auf dem Board verbaute Rockchip-SoC 3288 enthält vier ARM-Cortex-A17-Kerne, die mit maximal 1,8 GHz laufen – leider nur mit altmodischen 32 Bit. Im Sysbench brauchte das Board 77 Sekunden und war damit nominell langsamer als ein Pi 3 mit 48 Sekunden. Zunächst glaubten wir an ein Stromversorgungsproblem und tauschten das billige Steckernetzteil gegen ein Labornetzteil mit Stromanzeige aus. Zudem kontrollierten wir, ob alle vier Kerne auch zu 100 Prozent ausgelastet waren und mit 1,8 GHz liefen (1,4 A bei Volllast), um eventuelle Taktdrosselungen wegen Hitzeproblemen zu erkennen (ein Kühlkörper für den SoC zum Aufkleben lag unserer Lieferung bei).

Doch die Werte von Sysbench ließen sich nicht verbessern. Interessanterweise zeigte UnixBench mit 1150 Punkten eine erwartungsgemäß über dem Pi 3 liegende Leistung – die auch fast an einen Odroid C2 herankam. Die WLAN-Verbindung (nach 802.11 b/g/n) war mit unter 30 MBit/s schnarchlangsam, Gigabit-Ethernet lief mit knap 950 MBit/s.

Die MicroSD-Karte wird per SDIO-3.0-Schnittstelle angesteuert, womit schnellere Zugriffe als beim Raspi 3 möglich sind (hdparm cached Reads 776 MB/s, Buffered Reads 37 MB/s). Die Zugriffe auf den Arbeitsspeicher laufen im Schnitt 25 Prozent schneller ab als beim Pi 3 (mbw memcpy 1150 MiB/S, mbw dump 1360 MiB/s, mbw mcblock 1610 MiB/s).

Das zum Download und zur Installation angebotene TinkerOS beruht auf Linaro 8.7, also Debian Jessie plus LXDE-Window-Manager. Es ist jedoch nur mit rudimentären Anwendungen ausgestattet. Nach dem ersten Booten ist die Tastatur noch englisch eingestellt. Die Umstellung auf ein anderes Tastaturlayout ist unter Linaro traditionell nervig. Bei TinkerOS fehlten im Test die Einstellmöglichkeiten per grafischer Oberfläche gänzlich, sodass wir kurzerhand in der Konsole per "setxkbmap de" auf deutsch umstellten.

Belegung der Pinleisten

(Bild: Asus)

Im Home-Verzeichnis des Anwender Linaro liegt eine WiringPi-Portierung, um die GPIOs des Tinkerboards mit Python und C anzusteuern. Hier zeigt sich abermals, dass das OS mit heißer Nadel gestrickt wurde. Die Dateien gehören alle dem Nutzer Root, WiringPi lässt sich so nur mit sudo übersetzen. Und warum will eigentlich ein simples Ping auch nur mit sudo starten? Zu den Unzulänglichkeiten auf Software-Software gesellt sich eine mangelhafte Dokumentation. Da das Board kaum verbreitet ist, fehlt eine Community, die weiterhelfen könnte.

Für wen eignet sich das Board nun? Ehrliche Antwort: Keine Ahnung. Es liegt irgendwo zwischen Raspberry Pi 3 und Odroid C2, kann nichts wirklich besser und läuft auch noch wackelig. Glaubt man den Distributor-Aussagen, dass die Produktion eingestellt wird, sollte man die Finger davon lassen. Denn dann wird nämlich auch die Software nicht mehr weiterentwickelt. (Daniel Bachfeld) / (hch)