Apple und das AR-Headset: Ich sehe was, was Du nicht siehst

Erst galt es als gesetzt, dann kam der Rückzieher in der Gerüchteküche: Warum die WWDC-Keynote trotzdem einen deutlichen Hinweis gab, dass bei AR noch was kommt

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Ein VR-Headset

(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

Von
  • Malte Kirchner

Diese Analyse könnte schnell beendet sein: Das sagenumwobene AR-, VR- oder Mixed-Reality-Headset Apples, über das schon lange spekuliert wird, ist zur Weltentwicklerkonferenz WWDC im Juni 2022 nicht vorgestellt worden. Es gab noch nicht mal zarte Hinweise: Kein Betriebssystem, keine Andeutungen auf der großen Bühne bzw. in den vorproduzierten Vorstellungsfilmen. Dabei hat Apple doch zuletzt sogar den Mac Pro schon durchblicken lassen. Also alles eine Luftnummer? Mitnichten.

Die aktuell besten Köche in der Gerüchteküche, Mark Gurman in Kalifornien und Ming-Chi Kuo in Asien, haben sich daran abgearbeitet. Zumindest Kuo hat immer gesagt, dass das Headset erst 2023 kommt. Gurman hielt es für möglich, dass früher etwas zu sehen ist. Angeblich hatte das Board of Directors schon einen Prototypen in Augenschein nehmen können. Das gilt als letzte Instanz. Dort zeigt die Apple-Chefetage normalerweise nichts, was nicht auch als Produkt erscheinen soll.

Aber all das allein ist natürlich kein Garant dafür, dass Apples Einstieg in das Metaverse wirklich kommt. Die beiden Leaker aus Amerika und Asien haben zwar einen guten "Record", also viele Kerben im Tisch, die davon zeugen, dass sie Neuvorstellungen aufgrund ihrer guten Kontakte und Quellen vorab enthüllt haben. Aber auch sie sind nicht unfehlbar. Für die 100 Prozent reicht es nicht.

Der eine hat seine Augen und Ohren in der Zulieferkette und merkt es, wenn in großem Stil Apple-Geräte hergestellt werden. Der andere ist offenbar das Sorgentelefon für frustrierte, zuweilen auch geltungssüchtige Angestellte aus dem Hauptquartier, dem runden UFO namens Apple Park in Cupertino. Diese unterschiedlichen Anknüpfungspunkte und die übereinstimmenden Leaks sprechen dafür, dass nicht einfach nur einer von beiden hereingelegt wurde und die ganze Headset-Nummer eine Finte ist. Schon oft bewahrheitete sich der Satz: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Halt nur manchmal deutlich später, als es erwartet wurde.

Was aber, um zum aktuellen Event zu kommen, noch mysteriöser ist, ist das völlige Fehlen jeder Andeutung von Augmented oder Virtual Reality in der großen Keynote. Apple liebte das Thema AR schon, als noch keiner über das Metaverse als das nächste große Thema sinnierte.

Journalisten bekamen mit der Einführung von ARKit Demos gezeigt, wie Frösche im Biologieunterricht seziert und virtuelle Spielewelten auf Couchtischen dreidimensional zum Leben erweckt werden können. Legoschiffe fahren virtuell durchs Wohnzimmer. Und plötzlich ist all das keine Erwähnung mehr wert, während Facebook die virtuellen Welten gerade zu seinem Thema machen will.

Das verwundert erst recht, da der Blick in den neuen Entwickler-Werkzeugkoffer von iOS 16, das Software Development Kit (SDK), offenbart, dass Apple eine ganze Reihe mächtiger neuer Werkzeuge für Augmented Reality hineingelegt hat. Da können in ARKit 6 zum Beispiel neu 4K-Video-Feeds in Apps verarbeitet werden. Die Verarbeitung von Daten über die Tiefe eines Raumes, in Verbindung mit dem Lidar-Lichtsensor, wird deutlich besser, die Bewegungen eines Menschen können in Echtzeit mit einer einzigen Kamera verarbeitet, simultan mehrere Kameras angesteuert werden und einiges mehr.

Natürlich offiziell alles nur im Interesse der Nutzung von AR auf iPhone und iPad. Aber woher kommt Apples große Liebe zum AR-Thema? In der Realität ist das Nutzen von AR-Apps physisch schnell ermüdend, da man das Gerät ständig am langen Arm vor sich hertragen muss. Chartstürmer-Apps hat es bislang auch nur wenige gegeben. Warum also weiterhin der Schwerpunkt auf diesen offensichtlichen Ladenhüter?

Eine gute Antwort darauf wäre, dass es sich um eine vorbereitende Handlung handelt. Jahrelang wurden die Entwickler mit dem Gebrauch der Werkzeuge vertraut gemacht. Zugleich wurde die Technik, die später auch in einem Headset stecken wird – die Chips, die Kameras, die Sensoren – alltagstauglich gemacht. Weitere Indizien sind neue Funktionen in den Betriebssystemen: Die Spracherkennung Siri wurde weiter verbessert, zum Beispiel bei Diktierfunktion. Die Multitasking-Erweiterung Stage Manager in iPadOS und macOS stünde auch einem AR-Headset gut zu Gesicht.

Nach dem ganzen Getöse um das Headset, Apples sagenumwobene Brille, erwartet alle Welt, dass da wirklich etwas kommt. Es wäre fahrlässig, auch mit Blick auf den eigenen Aktienkurs, wenn Apple das so laufen ließe, obwohl sie partout nichts damit vorhaben. Für den Moment bleibt das Headset unsichtbar. Aber wie bei der Augmented Reality gilt vielleicht auch hier: Nur weil man etwas nicht sieht, heißt das ja noch lange nicht, dass da etwas im Raum ist.

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(mki)