Best of Informationsfreiheit: Daten und die suggestive Macht der Visualisierung

Datenjournalistische Projekte leisten auch in der Corona-Pandemie Aufklärungsarbeit. Die Visualisierung von Daten wird allerdings auch zur Manipulation genutzt.

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(Bild: Graphics Master/Shutterstock.com)

Von
  • Arne Semsrott

Die Corona-Krise ist auch eine Daten-Krise. Selten haben sich so viele Menschen über die Interpretation von Daten gestritten wie derzeit – Daten zu R-Werten, Inzidenzwerten, Todeszahlen und Übersterblichkeit lassen die Gemüter erhitzen (vermutlich auch in den Kommentaren zu diesem Artikel).

Best of Informationsfreiheit

Freie Informationen sind eine Voraussetzung für Demokratie. Daher: Das "Best of Informationsfreiheit", alle zwei Wochen, von Arne Semsrott. Er ist Projektleiter von FragDenStaat und freier Journalist. Er arbeitet zu den Themen Informationsfreiheit, Transparenz, Lobbyismus und Migrationspolitik.

Dabei kritisieren vor allem Datenjournalist:innen die Veröffentlichungspolitik des Robert-Koch-Instituts (RKI), das sich auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch nicht wirklich daran gewöhnt hat, die bei ihm zusammenlaufenden Daten so bereitzustellen, dass sie auch einfach weiterverwendet werden können.

Einige Nerds im Journalismus haben daher Datenpipelines rund um das Institut gebaut, um die veröffentlichten Daten etwa zur Inzidenz automatisiert so aufzubereiten, dass sie auch tatsächlich für Visualisierungen und Analysen verwendet werden können. Datenjournalistische Projekte leisten derzeit einen großen Teil der Aufklärungsarbeit über das Corona-Virus, Trends und Wirksamkeit von staatlichen Maßnahmen.

Dabei werden teils Forderungen laut, das RKI solle dafür sorgen, selbst bessere Visualisierungen seiner Daten zu bauen. Wie falsch es allerdings laufen kann, wenn das RKI selbst seine Daten visualisiert, zeigte sich vor einigen Wochen, als das RKI in Diagrammen zu Übertragungswegen des Corona-Virus ganz einfach einen entscheidenden Teil wegließ – dass nämlich bei den meisten Übertragungen nicht bekannt ist, ob sie etwa am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen geschehen.

Die wirklich guten Visualisierungen der Corona-Daten sollte man deswegen weiter im Journalismus suchen, nicht beim Staat. Das RKI sollte sich auf seine Kernaufgabe besinnen und dafür sorgen, dass zumindest all seine Daten offen bereitstehen. Daran sollten sich im Übrigen auch alle anderen Behörden orientieren.

Die EU-Grenzagentur Frontex beispielsweise. Die veröffentlicht nicht nur regelmäßig Zahlen zu irregulären Grenzübertritten in die EU, sondern ergänzt die Daten auch mit Visualisierungen – und zwar nicht mit Balkendiagrammen, sondern mit Pfeilen auf Karten.

Risk Analysis for 2020

(Bild: Frontex)

Stürmen Horden von Menschen auf Europa zu, wie Frontex in seinem jüngsten Jahresbericht suggeriert, geraten die Zahlen schnell in Vergessenheit – selbst wenn sie eigentlich im Vergleich zum Vorjahr fallen.

Frontex geht es bei seinen Visualisierungen offenbar nicht darum, nüchtern aufzuklären, sondern um eine Beeinflussung der öffentlichen Debatte. Frontex ist als EU-Behörde keineswegs ein neutraler Akteur. Die Behörde bezieht ihr gigantisches Budget, um Migration zu bekämpfen. Daher ist es versucht, ständig die Bedrohung durch Migration großzureden, in etwa so, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz seine Budgets durch immer neue Bedrohungslagen rechtfertigen muss.

Weiteres Beispiel gefällig? Obwohl die Zahl der irregulären Grenzübertritte in die EU von 2020 auf 2021 kleiner geworden ist, wirken sie auf den Karten von Frontex genauso noch bedrohlich. Frontex hat nämlich trotz sinkender Zahlen die Kreise einfach von einem Jahr aufs nächste vergrößert.

(Bild: Frontex)

Dass insbesondere die Darstellungen von Frontex, aber auch von anderen Behörden, nicht so neutral sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen, hat der Professor für Politische Geografie Henk van Houtum in einem ausführlichen Artikel zu den Frontex-Karten dargestellt.

Er beschreibt darin auch, wie Visualisierungen neutraler werden könnten, etwa durch andere Darstellungsfarben, sanftere Farben und Vergleichen zu anderen Zahlen. Ein schnellerer Weg wäre allerdings, den Behörden ihre Karten wegzunehmen und sie zurück an Datenbanken zu schicken. Für Visualisierungen gibt es den Journalismus.

(bme)