Bilanz nach 20 Jahren US-Drohnenangriffen: Es trifft meist die Falschen

Schon der allererste Drohnenangriff der USA hatte sein Ziel verfehlt. Zwei Jahrzehnte später töten Drohnen immer noch überwiegend Zivilisten.

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(Bild: sibsky2016 / Shutterstock.com)

Von
  • Emran Feroz

Nachdem die Taliban Mitte August die Macht in Kabul übernommen hatten, erschien ein schwarzbärtiger Mann mit einer Kalaschnikow auf den Straßen. Er besuchte ehemalige Politiker und hielt eine Predigt während des Freitagsgebets in der historischen Pul-e-Khishti-Moschee der Hauptstadt. Doch der leidenschaftliche und scheinbar siegreiche Mann war kein einfacher Taliban-Kämpfer: Er war Khalil ur-Rahman Haqqani, ein Taliban-Führer, der im Haqqani-Netzwerk, dem berüchtigten militärischen Flügel der Gruppe, eine führende Rolle spielt.

Vor zehn Jahren setzten die USA ein Kopfgeld in Höhe von 5 Millionen Dollar auf ihn aus. Daraufhin mangelte es nicht an Hinweisen, dass er offen in Kabul herumreiste – im September machten ihn die Taliban sogar zum afghanischen Flüchtlingsminister.

Doch die eigentliche Überraschung waren nicht Haqqanis öffentliche Auftritte hier und da, sondern dass er überhaupt auftrat: Denn in den letzten zwei Jahrzehnten glaubte das US-Militär mehrfach, ihn bei Drohnenangriffen getötet zu haben.

Haqqani ist ganz offensichtlich gesund und munter. Aber das wirft eine dringende Frage auf: Wenn Khalil ur-Rahman Haqqani nicht bei diesen US-Drohnenangriffen getötet wurde, wer dann? Die übliche fade Antwort lautet "Terroristen". Es ist eine Antwort, die inzwischen auf höchster Ebene des US-Sicherheitsstaates institutionalisiert ist. Doch die letzten Tage des US-Abzugs aus Afghanistan haben gezeigt, dass das nicht unbedingt stimmt.

So reagierten die USA einen Tag nach einem Angriff auf ihre Truppen am überfüllten Kabuler Flughafen mit einem "gezielten" Drohnenangriff in der Hauptstadt. Später stellte sich heraus, dass bei dem Angriff zehn Mitglieder einer Familie getötet worden waren, alles Zivilisten. Eines der Opfer hatte als Dolmetscher für die USA in Afghanistan gedient und ein Sondereinwanderungsvisum in der Tasche. Sieben der Opfer waren Kinder. Dies entsprach nicht der allgemeinen Erfolgsgeschichte, die die Regierung Biden anfangs erzählte.

Bei diesem Angriff war jedoch noch etwas anderes passiert. Jahrelang fanden die meisten Luftangriffe der USA in abgelegenen, ländlichen Gebieten statt, wo nur wenige Fakten überprüft werden konnten und nicht viele Menschen vor Ort sein konnten. Doch dieser Angriff fand mitten in der Hauptstadt des Landes statt.

Journalisten und Ermittler konnten den Ort des Geschehens besuchen und alles, was die USA behaupteten, leicht überprüfen. Bald wurde klar, was tatsächlich geschehen war. Zunächst zeigten lokale afghanische Fernsehsender wie Tolo News die Familienangehörigen der Opfer. Da dem Abzug aus Afghanistan so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, meldeten sich auch internationale Medien. Ein ausführlicher Bericht der New York Times zwang Washington dazu, seine früheren Behauptungen zurückzunehmen. "Es war ein tragischer Fehler", sagte das Pentagon auf einer Pressekonferenz, als es zugeben musste, dass bei dem Angriff unschuldige Zivilisten getötet worden waren, die keine Verbindung zur ISIS hatten.

Tatsächlich war der letzte Drohnenangriff der USA in Afghanistan dem allerersten unheimlich ähnlich. Am 7. Oktober 2001 marschierten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in Afghanistan ein, um das Taliban-Regime zu stürzen. An diesem Tag fand der erste Drohneneinsatz der Geschichte statt. Eine bewaffnete Predator-Drohne überflog die südliche Provinz Kandahar, die als Hauptstadt der Taliban bekannt war und in der Mullah Mohammad Omar, der oberste Führer der Gruppe, lebte. Die Operatoren/Drohnentechniker drückten den Knopf, um Omar zu töten, und feuerten zwei Hellfire-Raketen auf eine Gruppe bärtiger Afghanen in weiten Gewändern und Turbanen.

Der Taliban-Führer wurde jedoch nicht unter den Toten gefunden. Tatsächlich entzog er sich den angeblich präzisen Drohnen mehr als ein Jahrzehnt lang und starb schließlich eines natürlichen Todes, in einem Versteck nur wenige Kilometer von einem weitläufigen US-Stützpunkt entfernt. Stattdessen hinterließen die Amerikaner bei ihren Versuchen, ihn und seine Verbündeten zu töten, eine lange Spur afghanischen Blutes. "Die Wahrheit ist, dass wir keinen Unterschied zwischen bewaffneten Kämpfern und Bauern, Frauen oder Kindern machen konnten", sagt Lisa Ling, eine ehemalige Drohnentechnikerin des US-Militärs, die zur Whistleblowerin geworden ist. "Diese Art der Kriegsführung ist auf so vielen Ebenen falsch."

Nach Angaben der britischen Menschenrechtsorganisation "Reprieve" wurden zwischen 2004 und 2014 mehr als 1.100 Menschen in Pakistan und Jemen bei der Jagd auf 41 Ziele getötet. Bei den meisten dieser Ziele handelt es sich um Männer, die noch am Leben sind. Bereits 2014 deckte das in London ansässige Bureau of Investigative Journalism auf, dass nur vier Prozent der Drohnenopfer in Pakistan als Kämpfer mit Verbindungen zu Al-Qaida identifiziert wurden. Das Büro betonte auch, dass die CIA selbst, die für die Angriffe in dem Land verantwortlich war, die Zugehörigkeit aller Getöteten nicht kannte. "Sie identifizierten Hunderte der Getöteten einfach als afghanische oder pakistanische Kämpfer oder als unbekannt", heißt es in dem Bericht.

Und doch spinnen viele US-Militärs und Politiker das Drohnen-Narrativ weiter. Sogar die ins Visier genommenen militanten Gruppen haben sich dem angeschlossen: Seit einigen Jahren setzen die Taliban bewaffnete kommerzielle Drohnen ein, um ihre Feinde anzugreifen, und stellen die Drohnen als technologisch überlegen dar – genau wie es US-Beamte vor ihnen getan hatten. "Das Zielsystem der Drohne ist sehr genau", sagte ein Mitglied der Drohneneinheit der Taliban kürzlich dem afghanischen Journalisten Fazelminallah Qazizai.

Die Taliban verfügen nicht über die gleichen Drohnenressourcen wie die USA. Sie verfügen nicht über ein globales Netzwerk von Operatoren und Wetterexperten, das sie bei ihren Attentaten unterstützt. Sie verfügen auch nicht über eine Satellitenrelaisstation wie die auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland, die in Dokumenten des ehemaligen Geheimdienstanalysten und zum Whistleblower gewordenen Daniel Hale, als Herzstück des US-Drohnenkriegs beschrieben wurde. Aber auch wenn die Taliban nicht über die gleichen Mittel verfügen, sind sie genau wie die USA überzeugt, dass Drohnen die perfekten Waffen sind.

Emran Feroz ist Journalist und Autor und Gründer von "Drone Memorial", einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Opfer von Drohnenangriffen.

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(vsz)