Booster-Impfung: Wie Impfwillige mehr abgeschreckt als unterstützt werden

Wer versucht, an eine Auffrischungsimpfung zu kommen, dem schlägt auf Behörden-Webseiten Kälte und Gleichgültigkeit entgegen, kommentiert Gregor Honsel.

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(Bild: Ed Us / Unsplash)

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  • Gregor Honsel

Meine Zweitimpfung war Anfang Juli. Also wäre es an der Zeit, langsam mal die Fühler Richtung Booster auszustrecken. So viel vorweg: Es wird eine gruselige Erfahrung.

Da ich in Hannover wohne, ist der für mich naheliegendste Einstieg in den Impfirrsinn das Impfportal Niedersachsen. Dort empfängt mich zunächst eine abweisende Mischung aus Kälte und Gleichgültigkeit: Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen – keine Impfzentren, keine Termine, und bitte nicht die Hotline behelligen.

Weiter unten heißt es dann: "Ihre Impfung können Sie bei ihrer Hausärztin bzw. Ihrem Hausarzt bekommen." Nein, kann ich nicht. Ist bis März ausgebucht.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Weitere Links führen zu Seiten, auf denen wortreich beschrieben wird, wie wichtig eine Impfung ist – aber nicht, wo ich eine bekomme.

Über mehrere Klicks gelange ich schließlich auf die Impfseite der Stadt Hannover. Dort sind zum Zeitpunkt der Recherche insgesamt sieben Impfgelegenheiten vermerkt, von denen aber nur drei dauerhaft besetzt sind – bei einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern. Dazu gibt es den freundlichen Hinweis, sich wegen der langen Schlangen bitte warm anzuziehen, gegebenenfalls einen Regenschirm und etwas zu Essen mitzubringen. "Verpflegung vor Ort gibt es aus organisatorischen Gründen nicht", heißt es dort.

Kann ich ja verstehen. Wo kämen wir denn hin, wenn die Leute gar mit einer staatlich finanzierten Bratwurst zum Impfen gelockt würden? Ich wäre ja schon zufrieden, wenn diese "organisatorischen Gründe" wenigstens keine unkomplizierte Impfung verhindern würden. Genauso habe ich mir ein niedrigschwelliges Angebot vorgestellt. Danke für nichts.

Immerhin gibt es auch einen Link zu einer Datenbank, die mir für Hannover nach einigem weiteren Rumgeklicke130 impfende Praxen ausspuckt. Für eine Stichprobe kreise ich die Suche auf fünf Praxen in der näheren Umgebung ein. Zwei davon sind über zwei Tage hinweg nicht telefonisch zu erreichen. Bei einer dritten verweist mich der Anrufbeantworter auf die Webseite der Praxis, wo ich angeblich Impftermine buchen kann. Von wegen – das Angebot gilt nicht für Neupatienten.

Ich will ja niemanden eine Impfdosis wegnehmen, der sie dringender bräuchte als ich. Trotzdem fände ich es schön, nicht die vollen sechs Monate auf den Booster warten zu müssen – die Schutzwirkung lässt schließlich schon vorher nach. Oder wenigstens jetzt schon einen Termin für einen späteren Zeitpunkt festmachen zu können. Aber selbst das ist nicht einfach. Bei der vierten Praxis erreiche ich schließlich eine Sprechstundenhilfe. Sie empfiehlt mir, mich Ende Dezember noch mal zu melden – wenn meine Sechs-Monats-Frist erreicht ist. Na toll. Dann bekomme ich wahrscheinlich einen Termin irgendwann im Mai. Erst bei der fünften Praxis gelingt es mir endlich, einen Termin auszumachen – für Mitte Januar.

Na bitte, geht doch. Hat aber auch Zeit und Nerven gekostet. Den Praxen mache ich daraus keinen Vorwurf. Sie werden schließlich auch dadurch von ihrer Arbeit abgehalten, dass jetzt tausende von Leuten Dutzende von Praxen abtelefonieren.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde einen gewissen Aufwand zum Schutz der eigenen Gesundheit – und der der Mitmenschen – durchaus zumutbar. Und ich erwarte keineswegs, dass mir die Spritze auf einem Silbertablett gereicht wird, am besten noch in Begleitung einer frischen Bratwurst. Aber das ändert nichts daran, dass Einfachheit und Bequemlichkeit ein entscheidender Faktor sind, Leute zur Impfung zu bewegen. Und genau in dieser Lage, in dem dies wichtiger ist als je, schallt mir auf allen Behördenseiten der Subtext entgegen: "Geht weg! Lasst uns in Ruhe! Seht selbst zu, wie ihr zurechtkommt!"

Klar, so eine Pandemie ist Neuland, und dabei gibt es eine gewisse Lernkurve zu bewältigen. Leider scheint mir die Lernkurve in diesem Fall negativ zu verlaufen: Die Politik hat mit großem Aufwand recht gut funktionierende Impfzentren eingerichtet, um sie genau zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt wieder einzustellen – ohne einen Plan für eine Alternative. Wir sollten uns echt warm anziehen.

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(grh)