Die Weitreiche der Reichweite (I.): Der Purist

Ein Böschungsbrand legt einen Teil eines hochkomplexen Systems lahm. Damit beginnt eine Landpartie mit Abschweifungen.

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An manchen Punkten geht es nur nach links oder rechts – oder in beide Richtungen.

(Bild: heise online / anw)

Von
  • Andreas Wilkens

Es ist seltsam, Filme und Fernsehsendungen zu sehen, in denen Menschen ohne Masken einkaufen, nah beieinander hocken, ins Kino gehen oder sich gar zur Begrüßung umarmen und küssen. Nach Monaten der Pandemie wirken auch schon Träume und Erinnerungen seltsam, die frei Luft schöpfen, während uns jetzt der oder das Virus am Atem packen will, aus Zigmillionen Bundestrainern Zigmillionen Epidemiologen geworden sind und wir nur noch per Telefon oder online die nicht-lebensnotwendigen Dinge kaufen können, die wir doch auch gerne brauchen. Seltsam auch die Erinnerung an einen Tag im späten August 2019. Der letzte maskenlose Sommer – auch meteorologisch diametral zur Weihnachtszeit 2020, da wir uns im Dark Mode befinden. Auch war ich noch nicht ins Bremer Homeoffice dauerversetzt, in dem ich nun seit Mitte März wie alle anderen Menschen eine sonderbare Zeit erlebe.

Die Weitreiche der Reichweite

(Bild: Outflow_Designs / Shutterstock.com)

Eine Landpartie mit Abschweifungen, kleinräumiges Reisen, der Mittelpunkt der Welt und spontaner Findungsgeist: Über komplexe Systeme, kleine Ursachen mit großen Wirkungen und komplizierte Fragen, die meist keine einfachen Antworten kennen. Ein Vierteiler (nicht nur) zu Weihnachten auf heise online.

Ein Funkenflug mag es gewesen sein, ausgelöst von einem Güterzug mit defekter Bremse, der an dem Augusttag die Böschung entlang der Bahnstrecke Hannover – Bremen in Brand setzte. Zu der Zeit saß ich im Zug auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz im Newsroom von heise online nach Hause. Es war ein Zug vom Typ Intercity 2, den die Deutsche Bahn seit Ende 2015 einsetzt, zu allererst auf der Strecke Norddeich-Mole – Leipzig und in Bremen zwischenhält. Er ist ein Doppelstockzug, der wohl zuerst auf dieser Strecke eingesetzt wurde, weil ab Bremen im IC Richtung Norden Nahverkehrstickets gültig sind und sich daher am Bahnsteig im Bremer Hauptbahnhof kurz vor 18 Uhr viele Menschen ansammeln, die nach der Arbeit oder dem Einkauf zurück ins Umland pendeln wollen. Die können wohl mit dem neuen Zug besser bedient werden, denn in ihm sind die Sitze weniger großzügig verteilt, es passen also mehr Menschen hinein.

Der Intercity 2 löste den alten einstöckigen Zug ab, der je Wagen nur wenige Steckdosen zu bieten hatte, dafür aber einen wesentlich besseren Sitzkomfort. Die Neigung der Sitze des IC2 lässt sich nicht wie im Vorgängermodell ins Bequemliche verstellen, stattdessen können Passagiere nur noch die Höhe der Kopfstütze und die Position der Sitzfläche verändern. Am Neigungswinkel der Rückenlehne ändert das nicht viel. Eine Verschlimmbesserung, die ich schon bald darauf in einem Editoral für die c’t 20/2016 thematisierte. Ein Leser sah durch den Text seine religiösen Gefühle verletzt und kündigte sein c’t-Abonnement. Das schrieb er mir jedenfalls in einer E-Mail.

Der IC kam an diesem späten Dienstagnachmittag im späten August wie immer nach Nienburg und fuhr von dort nicht wie sonst nach einem kurzen Halt weiter. Die Durchsage besagte, die Weiterfahrt verschiebe sich auf unbestimmte Zeit wegen eines Böschungsbrandes. Die Feuerwehr sei unterwegs.

Böschungsbrände stehen in der Rangliste der Betriebsstörungen der Deutschen Bahn, die zu "Haltausfällen" führen, an 13. Stelle, also weit hinter Störungen am Zug, die die Liste anführen. Von 2014 bis 2018 registrierte die Deutsche Bahn zwischen 364 und 468 solcher Brände pro Jahr, die in heißen, trockenen Sommern wie besonders in den Jahren 2018 und 2019 vor allem aus Funkenschlag, aber auch aus weggeworfenen brennenden Zigaretten entstehen können. Ursache können auch Glasscherben sein, die in der prallen Sonne wie ein Brennglas wirken und die Vegetation entlang der Gleise entzünden können. Das Feuer kann auf Büsche und Bäume in der Umgebung übergreifen, durch das Inferno sollte kein Zug fahren.

An diesem Dienstagnachmittag im Spätaugust 2019 ging ab Nienburg nichts mehr. Da ich seit elf Jahren auf der Strecke pendelte, hatte ich schon in einigen Sommern die Durchsage des Schaffners vernommen, der Zug könne wegen eines Böschungsbrands nicht weiterfahren. Jedes Mal sagte er nicht an, wie lange der Halt dauern möge, wie könnte er auch. In Nienburg stand nur dieser eine IC2, also wurde vor ihm noch kein anderer Zug vom Brand aufgehalten, der demnach erst seit Kurzem loderte oder entdeckt worden war. Kurz darauf wies eine Durchsage die Passagiere an, auszusteigen, denn der Zug solle wieder nach Hannover zurückkehren, um dem nachfolgenden ICE Platz zu machen. Ich holte mein iPhone heraus, um die Verkehrsverbindungen zwischen Nienburg und Bremen zu erkunden. Zudem sagte mir das Telefon, dass der Akku noch zu 5 Prozent geladen sei.

Das erste Apple-Smartphone hatte ich mir als Pendler 2007 vor allem genau für diesen Zweck zugelegt: Damit ich mich morgens und zum Feierabend bequem und ausführlich darüber informieren kann, ob der Zug pünktlich fährt, und wie in einem Fall wie diesem die Alternativen aussehen. Mit der Zeit konnte ich in sozialen Medien auch meine Neugierde stillen, warum der Zug, in dem ich gerade saß, einfach nicht weiterfahren wollte, wenn die Lautsprecher stumm blieben.

Unter manchen Umständen können Zugbegleiter aber durchaus launig und redselig werden, beispielsweise zur Karnevalszeit, wenn sich der Zug Düsseldorf nähert und der Durchsagende deutlich zu erkennen gibt, dass er aus Köln stammt. Im Mai 2020 ließ ein Zugbegleiter folgendes verlauten: "Und zum Schluss noch ein Hinweis an alle Verschwörungstheoretiker bei uns an Bord: Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Speichelproben sammelt, um Klone von Ihnen zu produzieren, die Sie dann ersetzen sollen. Tragen Sie daher dauerhaft Ihre Mund-Nasen-Bedeckung, um zu verhindern, dass die Regierung an Ihre DNS kommt. Vielen Dank auch im Namen aller Mitreisenden!"

Der Vorgänger meines iPhone war ein Philips Xenium 9@9++, das 2003 auf den Markt gekommen war und anders als sein Vorgänger die Antenne im Gehäuse integriert hatte. Es konnte mir mit GPRS und WAP das Internet auf die Handfläche holen. Damit war es zwar auch möglich, Zugverbindungen zu checken, doch das war langwierig, umständlich und teuer. Für das Xenium hatte ich mich entschieden, weil Philips auf allen seinerzeit neumodischen Schnickschnack wie Farbdisplay, MMS und Kamera verzichtet hatte und daher eine Akkuladung siebeneinhalb Stunden Plauderei und 810 Stunden Standby halten sollte. Mit dem iPhone hatte ich zwar einen großen Satz vorwärts im mobilen Internet gehüpft, aber einen ebenso großen Schritt zurück in der Akkulaufzeit. Ein Xenium bot nicht allzu viele Funktionen, um etwa im Wartezimmer die Zeit zu vertreiben, ein iPhone umso vielfältigere. Nicht ohne Bewandtnis wurde das Philips-Gerät von Rezensenten als Handy für Puristen bezeichnet.

Nachdem ich vom Xenium aufs iPhone umgestiegen war, hatte ich mir ein rigides Laderegime auferlegt, damit das Gerät auch wirklich parat stand, wenn ich es in Notfall dringend brauchte. Penibel achtete ich darauf, das Smartphone jeden Abend dem Strom zuzuführen und desgleichen am Arbeitsplatz in Hannover, damit es unterwegs schön saftig war. Falls ich dennoch aus welchen Gründen auch immer das Laden vergessen hätte, könnte die Powerbank aushelfen, die ich mir als Reservekanister zugelegt hatte. Nur leider hatte ich vergessen, diese zu laden, nachdem ich sie wenige Tage zuvor im Campingurlaub an der Ostsee ausgiebig genutzt hatte.

Das iPhone konnte mir gerade noch mitteilen, dass es keine direkte Busverbindung zwischen Nienburg und Bremen gibt. Ich könne von Nienburg nach Hoya, von Hoya nach Hassel, von dort nach Verden und schließlich nach Bremen fahren – dann war der Akku leer. Ein Schienenersatzverkehr stand nicht bereit, alle Passagiere waren darauf angewiesen, den herkömmlichen Linienverkehr zu benutzen und drängten sich an den Bushaltestellen. Viele Telefone wurden gezückt, um Termine zu verlegen oder einfach nur mitzuteilen, dass jemand sich zum Abendessen verspäte.

Ich hatte es nicht eilig und ließ die Menschen in den Bus Richtung Hoya einsteigen, in den ersten, in die nächsten Busse, die kamen, bis ich als einziger übrig blieb. Das iPhone sagte nun keinen Mucks mehr. Ich stieg in den Bus und fragte den Fahrer, ob die Verbindungen mit dreimal Umsteigen, wie ich sie noch im Kopf hatte, praktikabel seien. "Ja", sagte er, "steigen Sie ein."

"Es ist Brokser Heiratsmarkt, da sind alle Fahrer eingespannt. Deshalb gibt es keinen Schienenersatzverkehr", sagte der Busfahrer zu mir, dem einzigen Fahrgast. Ich hatte mich zu ihm ganz vorn gesetzt und er sich als Helmut vorgestellt. Das Volksfest im nahegelegenen Bruchhausen-Vilsen war mir nur vage geläufig, obwohl es für die Gegend einen ähnlichen Stellenwert hat wie der Freimarkt für Bremen oder der Kramermarkt für Oldenburg. Von Zugewanderten wusste ich vom Stoppelmarkt in Vechta, dass er ihnen manche Gelegenheit für Tanz und Dollerei bot und für Auszeittage im Brausebrand.

Der Brokser Heiratsmarkt dauert fünf Tage und endet immer am letzten Dienstag im August, . Zwischen Fassanstich bis zum Marktausklang werden den 400.000 Besuchern Frühschoppen, Misswahl, Fahrgeschäfte, Gewerbeausstellung, Junggesellenversteigerung geboten und 2019 der Auftritt von Victoria geboten, dem Helene-Fischer-Double No. 1. All das wusste ich nicht, als ich im Bus saß und nicht wie sonst im Zug, in dem viele Displays ihre Plätze erleuchten.

In der Anfangsphase meiner Pendelei holten im ICE morgens um viertel nach sieben viele ihren Weser-Kurier aus der Tasche, wenn sie nicht noch etwas nachschlummerten. Heute ist es überdeutlich vernehmbar, wenn jemand mit der Zeitung raschelt. Im alten IC grüßte mich nachmittags in Hannover öfters ein Mann in Arbeitskleidung, setzte sich neben mich und nahm Die Harke zur Hand. Mit dem Wechsel zum IC2 sortierten sich die Pendler neu, diesen unbekannten Bekannten sah ich seitdem nicht mehr wieder. Ob er immer noch papierne Neuigkeiten aus dem Kreis Nienburg goutiert und dabei aus seiner Lunchbox das Brot herausholt, das er sich am Morgen eigentlich für die Mittagspause geschmiert hatte?

(anw)