"Die meisten streiten ab"

Rena Tangens vom FoeBuD im TR-Interview über den Big Brother Award, Datenschutz, Anti-Terror-Kampf und Bürgerjournalismus.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Von
  • Gordon Bolduan
Inhaltsverzeichnis

Den Begriff Datenpranger mag sie nicht, jedoch Datenkraken zerrt sie an das Licht der Öffentlichkeit. Die Künstlerin Rena Tangens hat heute im Namen des Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD) zum siebten Mal die Big Brother Awards vergeben. Technology Review sprach mit Tangens über Datenschutz, Anti-Terror-Kampf und Bürgerjournalismus.

TR: Frau Tangens, Sie kämpfen schon seit mehr als 20 Jahren für den bewussten Umgang mit privaten Daten, wachen über die Wirkung von Technologie auf unsere Gesellschaft. Die jährlichen Big Brother Awards haben Sie eben zum siebten Mal vergeben. Wie können Sie bei diesen Anstrengungen die „Auszeichnungen für Datenkraken“ mit einem Lächeln vergeben?

Rena Tangens: Mehr Freude würde es uns machen, wenn die Big Brother Awards überflüssig würden, weil die Übeltäter nicht mehr sich an den Daten anderer vergreifen. Dennoch haben wir viel Spaß, weil wir sehen, dass wir etwas bewirken können. Wir sind eine relativ kleine Organisation. Der FoeBuD hat 100 Mitglieder mittlerweile und wir schaffen es, weltweit tätige Handelskonzerne zu beeinflussen. So musste die Metro AG ihre heimlich mit RFID-Chips versehen Payback-Karten zurückziehen, weil FoeBuD das entdeckt und öffentlich gemacht hatte.

TR: Wie reagieren die potenziellen Preisträger, wenn die Nominierung im Postfach liegt?

Rena Tangens: Mittlerweile haben viele gemerkt, dass es besser ist, Stellung zu beziehen. Deswegen bekommen wir von den meisten sehr schnell eine Stellungnahme zugesandt, die wir dann auch an die Öffentlichkeit bringen. Zur der Preisverleihung erscheinen sie noch eher selten. Eine erstaunliche Ausnahme war Microsoft Deutschland, die im Jahr 2002 den Preis für das Lebenswerk erhielten. Sie haben tatsächlich den Konzern-Datenschutzbeauftragten aus München eingeflogen, der den Preis persönlich entgegen genommen hat.

TR: Was steht in den Stellungsnahmen?

Rena Tangens: Die meisten streiten ab, ein andere großer Teil gibt an, dass Vorgehen wäre mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten oder Datenschutzbehörden abgesprochen. Das ist sehr oft eine Lüge. Denn die Verfahren wurden vielleicht den Behörden mitgeteilt, aber keineswegs von ihnen für gut befunden oder abgesegnet. Tchibo beispielsweise bekam einen Preis für das Weiterverkaufen ihrer Kundenadressen, obwohl sie in ihren Datenschutzbestimmungen Vertraulichkeit zusichern. Die Formulierungen lautete: „Ihre Daten werden grundsätzlich nicht an unberechtigte Dritte außerhalb des Unternehmens weitergegeben“ Für den Verbraucher hört sich das gut an, jedoch der Jurist versteht unter grundsätzlich, dass es Ausnahmen gibt. Unberechtigte Dritte impliziert juristisch, dass es auch berechtigte Dritte gibt. In diesem Fall war es die Bertelsmann-Tocherfirma AZ Direkt. Sie kauft die Daten angereichert mit Alter, Wohnortgröße, Kaufkraft und Versandhandelsneigung. Tchibo schickte uns eine kurze E-Mail, ihr Vorgehen sie legal.

TR: Klare Begriffe scheinen umso wichtiger zu sein. Frank Rieger vom Chaos Computer Club hat auf der Konferenz „Informatik und Rüstung“ aggressivere Begriffe wie „Datenverbrecher“ oder „Daten-Dealer-Ring“ verwendet. Ist da ein Preis nicht noch zu positiv?

Rena Tangens: Der Big Brother Award ist keineswegs positiv. Schließlich schreiben wir eine seriöse, fundierte Begründung. Dadurch ist er keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen, das ist auch allen Betroffenen durchaus klar. Dennoch ist es wichtig, klare Begriffe anstatt juristischer oder bürokratisch belegter zu verwenden. Daher betitulieren wir auch RFID-Chips als „Schnüffelchips".

TR: Zusätzlich gehen sie auch auf die Straße. Heute demonstrierten sie gegen Sicherheits- und Überwachungswahn? Braucht Deutschland heute eine Art Greenpeace für den Datenschutz?

Rena Tangens: Dieser Vergleich gefällt mir, weil man auch Umweltschützern in ihren Anfangszeiten mit sehr viel Unverständnis begegnete und ihnen sagte: „Fortschritt und saubere Luft zugleich sind nicht machbar!“ Das Bewusstsein ist inzwischen ganz anders in der Bevölkerung verankert und sogar schon in die Produktentwicklung mit eingeflossen. Allerdings: Für den Datenschutz benötigen wir keine Kader-Organisation. Wir möchten eher, dass viele Menschen in vielen Organisationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln sich dieses Problems annehmen. Denn es geht ja nicht nur um Datenschutz, es geht um Freiheit, um eine gemeinsame Vorstellung davon, wie wir morgen leben wollen. Wenn wir uns für morgen Freiheitsrechte erhalten wollen, dann müssen wir heute auf unsere Daten achtgeben.

TR: Umweltschützer haben oft die Frage zu hören bekommen „Wo soll das enden? Zurück auf die Bäume?“ Datenschutz - Zurück in das analoge Zeitalter?